Features: Science Fiction – ein queeres Genre?

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Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Wie queer ist die Zukunft in den Bildern von heute? Welches Potenzial bergen Science-Fiction-Settings für Figuren und Plots abseits der Heteronorm? Und wie wird dieses Potenzial bis dato genutzt?

Donald Glover in „Solo: A Star Wars Story“
Donald Glover in „Solo: A Star Wars Story“

„Seven of Nine darf endlich lesbisch sein“, lautet die Schlagzeile zu einem Artikel auf queer.de, in welchem es um den Auftritt der ehemaligen Borg-Drohne Seven of Nine in der fünften Folge der Serie Star Trek: Picard geht. Die von Jeri Ryan verkörperte Figur, die als Kind von den Borg assimiliert und später an Bord eines Schiffes der Sternenflotte wieder zu einem großen Teil zum Menschen wurde, zählte seit der vierten Staffel im Jahre 1997 und bis zur finalen siebten Staffel 2001 zum Personal der Serie Star Trek: Raumschiff Voyager

Schon damals wurde sie in Fan-Kreisen zuweilen als queer interpretiert – obwohl sie in einige heterosexuelle Subplots eingebunden war. Allein die Tatsache, dass Seven of Nine durch ihr Heranwachsen im Borg-Kollektiv den Themen Liebe und Sexualität mit Befremden begegnete und deshalb die diesbezüglichen konventionellen Verhaltensmuster infrage stellte, verlieh ihr und ihren Beziehungen eine gewisse Queerness.

In besagter Picard-Episode trifft Seven of Nine nun auf eine Frau namens Bejazal, die als ihre frühere Geliebte aufgefasst werden kann. Wie sich jedoch herausstellt, wurde Seven of Nine von dieser nur ausgenutzt, weshalb die Ex-Borg-Drohne einen Rachefeldzug gegen Bejazal startet. Die vergangene Beziehung zwischen Seven of Nine und Bejazal bleibt im Laufe der Folge letztlich recht vage – und dass eine (mögliche) lesbische Liebe direkt mit Betrug, Gewalt und Tod in Verbindung gebracht wird, lässt an den reißerischen Umgang mit diesem Sujet in Erotikthrillern wie Basic Instinct (1992) von Paul Verhoeven oder Chloe (2009) von Atom Egoyan denken.

Jeri Ryan als Seven of Nine in „Star Trek: Picard“; Copyright: Amazon Prime Video
Jeri Ryan als Seven of Nine in „Star Trek: Picard“; Copyright: Amazon Prime Video

Dennoch ist die Freude über etwas mehr sexuelle Vielfalt im Star-Trek-Universum verständlich. Denn während sich das Serien-Franchise, das 1966 seinen Anfang nahm, in puncto Gender und People of Color stets ziemlich progressiv zeigte, blieb es die Einbeziehung queerer Protagonist_innen allzu lange schuldig. Im Kinofilm Star Trek Beyond (2016) wurde ein zentrales Crew-Mitglied – Lieutenant Sulu (John Cho) – am Rande als schwuler Mann mit Lebenspartner und Kind eingefangen; in der Serie Star Trek: Discovery gibt es innerhalb der Crew ein schwules Paar sowie eine lesbische Nebenfigur, deren Ehefrau im Krieg starb. Bedenkt man, dass die Star-Trek-Produktionen eine Zukunft abbilden wollen, in welcher die Menschheit alle Formen von Diskriminierung überwunden hat, ist diese geringe Anzahl an LGBTQI*-Rollen zweifelsohne absurd.

 

Diskriminierungserfahrung und eine junge Frau als alter Mann

Beinahe reizvoller als die mehr oder weniger klare Thematisierung von nicht-heterosexueller Liebe in Star Trek, der es bisher dann doch entweder an Tiefe oder an Wucht fehlte, war stets das Spiel mit queeren Elementen im Rahmen des Science-Fiction-Genres. So gab es in der 1992 in den USA ausgestrahlten Episode Verbotene Liebe (im Original: The Outcast) aus der fünften Staffel von Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert etwa die androgyne Spezies der J’naii, die das Konzept „Gender“ und jegliche Form von Sexualität ablehnt. Als sich ein J’naii namens Soren (gespielt von Melinda Culea) im Laufe einer gemeinsamen Mission zum Enterprise-Offizier Riker hingezogen fühlt und dies öffentlich bekannt wird, wird Soren vom eigenen Volk als krank eingestuft und einer „Korrekturbehandlung“ unterzogen, um die ausagierten Neigungen zu eliminieren.

So thematisiert die Folge Diskriminierung aufgrund von sexueller Identität sowie die grausamen Methoden der sogenannten Konversionstherapie. „We seek each other out, always hiding, always terrified of being discovered“, sagt Soren über jene wenigen J’naii , die sich durch eine sexuelle Identität identifizieren. „What makes you think you can dictate how people love each other?“, versucht Soren ein J’naii-Tribunal vor ihrer „Behandlung“ zu überzeugen. Riker-Darsteller Jonathan Frakes kritisierte indes später in einem Interview, dass die Episode durch eine weibliche Besetzung der Soren-Rolle deutlich mutloser ausgefallen ist, als sie hätte sein können.

In Star Trek: Deep Space Nine zählte wiederum zwischen 1993 und 1999 die Figur Jadzia Dax, verkörpert von Terry Farrell, zum Hauptpersonal der Serie. Die junge Frau gehört zur Spezies der Trill und ist die achte Wirtin eines mehr als 350 Jahre alten Symbionten namens Dax. Jadzia hat noch immer mentalen Zugang zu den vorherigen Wirt_innen und übernimmt auch einige Angewohnheiten dieser Frauen und Männer. Von ihrem Vorgesetzten Sisko (Avery Brooks), der ein enger Freund des männlichen Vorgängerwirts war, wird sie oftmals „alter Mann“ genannt. Bis in die 2010er Jahre hinein galt Jadzia als queerste Figur in der Star-Trek-Welt.

Terry Farrell in „Star Trek: Deep Space Nine“; Copyright: Paramount Television
Terry Farrell in „Star Trek: Deep Space Nine“; Copyright: Paramount Television

Neben der Möglichkeit, auf abstraktem Wege von queeren Erfahrungen zu erzählen und damit (im Idealfall) subtil wirkliche Begebenheiten und Empfindungen widerzuspiegeln, birgt das Science-Fiction-Genre auch deshalb so großes Potenzial, nicht-heterosexuelle Lebensweisen sichtbar zu machen, weil es neben der Komödie eines der populärsten Genres ist, das ein breites Publikum zu erreichen vermag. Die Bedeutung der Integration von LGBTQI*-Figuren in Science-Fiction-Serien wie Doctor Who oder Battlestar Galactica sollte daher nicht unterschätzt werden. So böte gewiss auch das Star-Wars-Universum die perfekte Bühne für queere Figuren. Es sei an der Zeit, inklusiv zu sein, äußerte der Regisseur J.J. Abrams bereits Anfang 2016. Bezüglich des von Donald Glover interpretierten Schmugglers (der in älteren Teilen des Film-Franchise von Billy Dee Williams gespielt wurde) in Solo: A Star Wars Story (2018) ließen sowohl der Co-Autor Jonathan Kasdan als auch der Darsteller verlauten, es handle sich um eine pansexuelle Figur. Wirklich thematisiert wurde Landos sexuelle Orientierung im Verlauf der Handlung allerdings nicht – im Gegensatz etwa zur eindeutig heterosexuellen Orientierung des Protagonisten.

Thomas Dekker in "Kaboom"; Copyright: Universum Film
Thomas Dekker in „Kaboom“; Copyright: Universum Film

Um das queere Potenzial von Science-Fiction stärker zu spüren, müssen wir bis dato doch auf kleinere Produktionen schauen – etwa auf die US-Indie-Comedy Codependent Lesbian Space Alien Seeks Same (2011) von Madeleine Olnek, den US-Animationsfilm Strange Frame: Love & Sax (2012) von G.B. Hajim oder den deutschen Experimentalfilm Fluidø (2017) von Shu Lea Cheang. In diesen Werken werden queere Körperbilder und Lebensentwürfe präsentiert, die im Mainstream bisher kaum angekommen sind. Jim Sharmans The Rocky Horror Picture Show (1975) zählt indes zu den wenigen Werken, die gleichzeitig sehr queer und sehr massenwirksam sind. Im Zentrum der Musical-Adaption steht der in Mieder, Strapsen und High Heels gekleidete Dr. Frank N. Furter (Tim Curry) vom planet transsexual in the galaxy of transylvania, der mit seiner aufreizenden Art nicht nur ein extrem heteronormativ gezeichnetes Ehepaar völlig aus dem Konzept bringt, sondern nebenbei auch den schwulen Gehalt des Frankenstein-Motivs offenbart.

 

Oh, I’m an Alien

Vergleichbar komisch-grotesk spielt auch der New-Queer-Cinema-Vertreter Gregg Araki mit Genre-Elementen, um einen queeren Kosmos zu erschaffen. In Nowhere (1997), dem Abschluss seiner Teenage Apocalypse Trilogy, visualisiert er die amourösen und libidinösen Irrungen und Wirrungen seines adoleszenten Protagonisten unter anderem mit einer umherwandelnden (Gummikostüm-)Echse mit Laserpistole, die Menschen aus dem Umfeld verschwinden lässt, und mit der kafkaesken Verwandlung einer potenziellen Love-Interest-Figur in einen extraterrestrischen, sprechenden Riesenkäfer, der sich rasch mit den Worten „I’m outta here“ aus dem Staub macht. Treffender lassen sich die (Verlust-)Ängste und oftmals frustrierenden Erfahrungen eines queeren Jugendlichen wohl gar nicht ins Audiovisuelle übertragen. In Kaboom (2010) und seiner Serie Now Apocalypse (2019) setzte Araki diesen Mix aus Utopie und Dystopie, in welchem es einerseits eine Freiheit von sexuellen Normen und andererseits eine ständige Bedrohung durch mysteriöse Gefahren gibt, nicht minder wild fort.

„Nowhere“; Copyright: Pro-Fun Media
„Nowhere“; Copyright: Pro-Fun Media

Science Fiction kann queeres (Er-)Leben auf facettenreiche Weise zum Ausdruck bringen – wenn die Macher_innen die Möglichkeiten erkennen und sich trauen, diese auch einzusetzen. Star Trek und weitere Science-Fiction-Serien sowie Filmproduktionen abseits des Mainstreams haben entscheidende Schritte unternommen – aber vom Ziel sind wir (nicht nur in der Star-Wars-Galaxie) noch far, far away.

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