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Kolumnen

Ein Beitrag von Mateja Meded

Carte blanche hatte die Schauspielerin Mateja Meded für eine Kolumne – über Frauen im Film. Und sie findet klare, hellsichtige Worte.

Mateja Meded in "Soko Leipzig: Horrorhaus"
Mateja Meded in "Soko Leipzig: Horrorhaus"

Mensch zweiter Klasse. Das bin ich, weil: ich illegal nach Deutschland gekommen bin, einen sog. „Migrationsvordergrund“ habe, eine Frau bin und dazu noch eine Schauspielerin. Als ich mir Wohnungen angeschaut habe, wurde mir ein Bürgschaftszettel für meine Mama mitgegeben, damit sie ihn unterschreibt. Ich konnte es den Vermietern nicht übelnehmen, ich bin eine dreißigjährige Schauspielerin und hab Angst, meine Briefe aufzumachen. Wenn ich ein weißer, junger, deutscher Mann wäre, der nicht besonders schlau ist, dafür aber telegen, hätte ich mehr Geld, mehr Anerkennung und mehr Rollenauswahl.

Nun könnte man meinen, dass ich mich daran gewöhnt habe, weniger Privilegien zu genießen als andere, habe ich aber nicht. Ich bin nur müde geworden, jeden Tag etwas müder, vielleicht ist es aber auch eine Depression, durch die fast alle selbstständig denkenden Frauen in unserer Gesellschaft gehen müssen. Denn nur mental beschränkte Frauen können dieses Spielchen, das nach Männerregeln funktioniert, feucht-fröhlich mitspielen. Entschuldige bitte, dass ich gleich so düster einsteige, doch in diesem Artikel geht es um Frauen im Film und „lustig“ einzusteigen wäre Haram, weil die Position der Frauen beim Film und Fernsehen immer noch beschissen ist, obwohl wir das Jahr 2019 haben. 

Ich habe mit achtzehn das Gymnasium vorzeitig verlassen. Ich wollte nach Berlin, Schauspiel studieren, mit anderen Menschen zusammen arbeiten, die genauso schräge Vögel sind wie ich, ich wollte nur noch in verrauchten Jazzbars rumsitzen und stundenlang an meinem Rotwein nippen, der nach Essig schmeckt, in Cafés und Parks Bücher lesen, die so schön vergilbt sind und nach mehrmals durchgelesen riechen, usw. usw. Ich wollte dieses ganze romantische KünstlerInnen-Programm leben und nie wieder mit der Ordnung und dem eindimensionalen Denken der Bourgeoisie in Berührung kommen. Ich wollte für meine Kunst leben und für sie auch sterben. Sicherlich, ich war sehr romantisch und wirklich dumm. Ich bin vor dem Bürgertum aus Bayern nach Berlin geflohen und finde mich nun in einer noch anal-penetranteren Umgebung wieder. Um genau zu sein: in der deutschen Theater-, Film- und Fernsehlandschaft. 

 

Ich dachte immer, dass KünstlerInnen intellektuell, fortschrittlich denkend, avantgarde und immer auf der Suche sind, für Gleichberechtigung und Demokratie stehen, doch wenn ich mir Statistiken, Zahlen und Fakten anschaue, merke ich, dass auch die Kunstszene die gleichen Krankheiten hat wie unsere Gesellschaft. Sie ist frauenfeindlich, sexistisch, ungerecht und rassistisch. 

In Deutschland gingen nur 15% der öffentlichen Filmförderungen von 2008 - 2016 an Regisseurinnen. Naja, vielleicht rutschen Regisseurinnen am Set wegen ihrer Menstruation öfter aus und deswegen traut man ihnen keine Führungspositionen zu. Oder unser Fördersystem ist veraltet und sollte radikal verändert werden. Regisseurin und Mitbegründerin von Pro Quote Film, Tatjana Turanskyj, hat diesbezüglich eine klare Vorstellung:

„Im Moment gibt es Geschmacksurteile und die tarnen sich als Qualitätsargumente. Ich fordere absolute Transparenz der Förderentscheidungen. Und es müssen Kriterien entworfen werden, die unabhängig von Geschmacksurteilen sind.“ 

Doch Regisseurinnen scheinen nicht nur in den Augen der öffentlichen Förderer (wann trennt sich das deutsche Filmfördersystem von den Fernsehsendern?!) inkompetenter zu sein, sondern sie machen auch viel schlechtere Filme als ihre männlichen Kollegen, wenn man den Filmfestspielen in Cannes oder der Berlinale glauben darf. Von 71 Goldenen Palmen ging eine an eine Frau, und von 67 Goldenen Bären gingen gerade mal 6 an Mösianerinnen. Wie viele Regisseurinnen sind 2019 beim Deutschen Filmpreis dabei? Wenn der Deutsche Filmpreis Frauen nicht mag, dann sollten sich Frauen endlich mal mit den Frauen, die außerhalb des Filmaristokratenzirkels stehen, solidarisieren und dieses Filmpreisereignis boykottieren. Das Machtgefälle würde sich verschieben, zu Gunsten der Frauen, wenn keine Frau hingehen würde. 

 

Nun sind die Frauen an der Reihe, gemeinsam aktiv zu werden. Wir müssen aufhören unsere Energie mit Zahlen und Fakten zu verbrauchen. Eine mündige Gesellschaft braucht auch radikalen Aktionismus. Ich will nicht die Rolle der „moralischen Mutter“ oder der „Kampfaktivistin“ übernehmen, nur weil die falschen Filmherrschenden an der Macht sind. Einige von ihnen sind Beamte, die keine Ahnung von Filmkunst haben, aber wissen, wer in der Gala abgelichtet wurde. 

Ladys, wir es ist an der Zeit, dass wir aufhören nett und duckmäuserisch zu sein und uns das nehmen, was uns zusteht, und zwar gemeinsam. Mit Waffen, mit Gewalt oder klauen, egal, denn wir sind 50% der Bevölkerung und wenn wir über Jahrzehnte weniger als 15% bekommen haben, heißt das im Umkehrschluss, dass wir beklaut wurden.

Man braucht keine hohen mathematischen Kenntnisse, um zu verstehen, dass Frauen in der Kunst- und Kulturwelt wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, und wenn diese Frauen nicht stereotypisch deutsch ausschauen, werden sie wie Menschen dritter Klasse behandelt. 

Meine ersten Castingerfahrungen haben mich immer wieder daran erinnert, dass ich nicht in Deutschland geboren wurde, und sie haben mir auch das Bild vor Augen geführt, wie ich bzw. AusländerInnen in der Filmwelt besetzt werden. Putzfrau, Prostituierte, Gangster, nicht selten mit Akzent. Seit ein paar Monaten verändert sich was und ich werde zu Castings eingeladen, wo ich die Schwester bin oder die Freundin von der männlichen Hauptfigur. 

 

Für Frauen, besonders wenn sie über 30 sind, gibt es weniger Rollen und besonders weniger interessante Rollen. Ich mag mich täuschen, doch ich hab das Gefühl, dass es deswegen unter Schauspielerinnen ein viel größeres Konkurrenzverhalten gibt. Es fängt schon im Kindergarten an, wenn man zu Weihnachten diese Jesugeburt spielen soll. Es gibt mehrere Männerrollen, doch nur eine Frauenrolle, die Jungfrau, und die ist auch noch passiv. 

Nun ja, die Bibel hat das gleiche Problem wie der deutsche Film: Frauen werden über den Mann erzählt und es gibt zu wenig Rollen, die noch dazu meistens passiv und stereotypisch sind. Doch wenn mehr Regisseurinnen, die kreativ, intellektuell, mutig und humorvoll sind, unterstützt würden, hätten wir eine Chance, dass sich auch die Frauenbilder vor der Kamera verändern. Ich spreche hier nicht von den Regisseurinnen, die schnulzige Liebesfilme machen oder Filme über weiße Mittelschichtsfrauen, die die Probleme weißer Mittelschichtsfrauen haben. Ja, es ist auch gut, dass es Filme von Anika Decker, Karoline Herfurth & Co. gibt, aber nein, das sind nicht die Filme, die den jetzigen Zeitgeist befördern. Wenn der Feminismus nicht intersektional ist, ist es für mich kein Feminismus. Wir brauchen mehr Diversität im Film, auch deshalb, weil unsere Gesellschaft mehr nach rechts rückt. Wenn die deutsche Regierung Deutschland nicht als Einwanderungsland erklärt, müssen wir FilmemacherInnen eingreifen. 

Dazu gehört auch, dass wir diese stereotypischen Rollen aufbrechen. Die Berufsbezeichnung „Schauspielerin/er“ ist nicht geschützt. Überall lauern diese selbsternannten Schauspielcoaches, die mit ihrer Küchenpsychologie-Analyse irgendwelchen Vollhonks „die Geheimnisse des Schauspielens“ erklären. Das Schlimme ist, viele ProduzentenInnen, RegisseurInnen usw. haben gar keine Ahnung vom Schauspiel. Deswegen besetzen sie auch stereotypisch oder Leute, die einen YouTube-Schminkchannel haben, viele Instagram Follower oder die einen guten PR-Agenten bezahlen, der dafür sorgt, dass seine SchauspielerInnen in bestimmten Magazinen oder Partys erscheinen, um wichtige Kontakte zu pflegen oder neue zu knüpfen. 

 

Im antiken Griechenland wurden Schauspieler mit Priestern gleichgesetzt, heute sind viele charakterlose Plastikpuppen. Nein, natürlich nicht alle, doch die deutsche Branche bevorzugt Hüllen, die mittelmäßig ausschauen – nicht zu schön, aber auch nicht zu hässlich – und die mittelmäßig denken. Wenn man in Deutschland im High-price-Bereich als Schauspielerin arbeiten will, sollte man nett in die Kameras lachen, ein schnuckeliges Kleidchen tragen und sich ja nicht unangenehm äußern. Sonst: Aus die Maus, die Nächste bitte. Ich bin gerade auf der Suche nach einer Agentur und wenn ich mir einige Agenturseiten angucke, frage ich mich, ob sie Roboter verkaufen. Es ist gruselig, wenn man die Seite mit den Schauspielerinnen aufmacht und auf einmal bemerkt, dass sie alle gleich ausschauen. Nur die Haarfarben sind anders. Doch noch gruseliger wird es, wenn man auf einmal ProSieben-Moderatorinnen darunter entdeckt. Schauspiel ist eine Kunstform, die Vertrauen und Zeit braucht. Es ist ein sensibler Prozess, der ein Leben lang dauert. Es bedeutet, dass sich jemand dazu entschieden hat, an sich zu arbeiten, an der Stimme, dem Körper und besonders den Gedanken. Doch wenn ich mir die Film- und Fernsehlandschaft heute anschaue, werden genau solche Schauspielerinnen nicht verlangt, sondern eher solche, die wie gezähmte Hunde sind. Golden Retriever, the dog willing to please. 

Die Berlinale Partys sind manchmal ein Zirkus mit großartigen ArtistInnen, aber auch NarzisstInnen und Dumpfbacken. Einige Frauen, die sich Schauspielerinnen nennen, stöckeln leicht beschwipst umher und versuchen, zu wichtigen Männern Kontakt aufzunehmen, damit sie irgendwann mal die nächste Marlene Dietrich oder Romy Schneider werden. Weil sehr viele Männer in der Filmbranche primaten-ähnliche Gehirne besitzen und deswegen auf äußere Reize getriggert werden, ziehen sich diese „Schauspielerinnen“ wie Nutten an. Bei diesem Vergleich will ich keine Prostituierten kränken, im Gegensatz zu diesen Pseudo-Schauspielerinnen verkaufen Nutten bewusst ihren Körper, aber nicht ihren gesunden Menschenverstand, wie diese beflissenen Taktikerinnen.

Anna Brüggemann hat letztes Jahr eine großartige Bewegung gestartet „Nobody's Doll“. Sie wollte Frauen inspirieren, weniger Druck bei der Berlinale Kleiderauswahl zu haben. Am nächsten Tag gab es ein Foto von Lena Meyer-Landrut, wie sie im Februar halbnackt und perfekt gestylt auf dem roten Teppich der Berlinale lasziv posiert. Auauautsch. Warum wird überhaupt eine Popsängerin zur Berlinale eingeladen und eine Horde großartiger Filmfrauen nicht? 

Ich wünsche mir nicht viel, nur mehr Gleichberechtigung, weniger Rassismus und bessere Filme. Doch was ist gute Kunst? Bei dieser Frage hilft immer der Ufotest. Der geht so: Stellen wir uns vor, Aliens würden uns in Deutschland besuchen (ein Großteil der Menschheit neigt dazu, in dem „Unbekannten“ das Böse zu vermuten, deswegen betone ich an dieser Stelle, dass es sich um liebe Aliens handelt). Welche Städte, Denkmäler, Persönlichkeiten etc. würden wir ihnen stolz zeigen? Und durch welche Filme würden wir diese hochentwickelten Galaxienachbarn beeindrucken wollen? Sicherlich nicht durch einen Tatort mit seinem leblosen Ich-spiele-dass-ich-nicht-spiele-SchauspielerInnen und schon gar nicht einen Veronica-Ferres-Film. Aber einen Fritz-Lang- oder Fassbinder-Film könnten wir ohne Scham zeigen, genauso wie Wild von Nicolette Krebitz mit der wundervollen Lilith Stangenberg, Vor der Morgenröte mit Aenna Schwarz von Maria Schrader oder Toni Erdmann mit der immer leicht schrägen Sandra Hüller von Maren Ade. Und genau das ist die Filmkunst, die weiterhin und noch mehr gefördert werden muss.

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