Now Apocalypse (Webserie, 2019)

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Gregg Araki is back! Mit der Serie „Now Apocalypse“ greift der Filmemacher seine Lieblingsthemen um junge queere Menschen und den möglichen Weltuntergang auf.

Now Apocalypse (Webserie, 2019)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Araki’s Greatest Hits

Der US-Filmemacher Gregg Araki zählt zu den Vertretern des New Queer Cinema und schuf mit „Totally F***ed Up“ (1993), „The Doom Generation“ (1995) und „Nowhere – Eine Reise am Abgrund“ (1997) die so genannte Teenage Apocalypse Trilogy, die 2010 mit „Kaboom“ gewissermaßen noch zu einer Tetralogie weiterentwickelt wurde. Bereits im Jahre 2000 hatte Araki versucht, seinen queeren Coming-of-Age-Kosmos in Serienform zu bringen – doch der im Auftrag von MTV entstandene Pilotfilm This Is How the World Ends wurde weder fortgesetzt noch jemals gesendet.

Nachdem er unter anderem bei den Netflix-Produktionen Tote Mädchen lügen nicht und Riverdale in einzelnen Episoden Regie führte, dabei allerdings kaum seine eigene Handschrift einbringen konnte, hat Araki nun für STARZPLAY (einen auch in Deutschland über Prime Video verfügbaren Channel) eine eigene Serie konzipiert, die in jeder Hinsicht an sein filmisches Schaffen anknüpft: die Plot-Versatzstücke, die Figuren und deren Beziehungen, die knalligen Farben, die Shoegazing-Musik – das alles ist zu 100 Prozent Araki. Insbesondere Nowhere und Kaboom werden sowohl narrativ als auch visuell derart häufig zitiert, dass man Now Apocalypse beinahe als Serien-Remake der beiden Werke bezeichnen könnte – oder als ein Pendant zu einem Greatest-Hits-Album, das die besten Stücke in leicht modifizierter Weise noch einmal präsentiert.

Im Mittelpunkt steht diesmal nicht Dark Smith (aus Nowhere) oder Smith (aus Kaboom), sondern ein junger Drifter namens Ulysses, der den beiden Filmprotagonisten aber überaus ähnlich ist: Er lebt in Los Angeles, ist queer, verträumt, künstlerisch interessiert – und bei allem Exzess, der um ihn herum geschieht, ein hoffnungsloser Romantiker. Verkörpert wird Ulysses von Avan Jogia, der in dem von Araki geschriebenen und inszenierten Kurz-Werbefilm Here Now passenderweise auch schon mal in die ursprünglich von James Duval gespielte Rolle des Dark Smith geschlüpft war. Duval wiederum hat ein paar denkwürdige Auftritte als Obdachloser in Now Apocalypse, in welchen er auch auf die aus Nowhere bekannte Gummikostüm-Echse trifft.

Zum weiteren Personal zählen Ulysses’ Mitbewohner Ford (Beau Mirchoff) – ein äußerlich hypermaskuliner Typ mit dem Gemüt eines Kuschelbären –, dessen supersmarte Freundin Severine (Roxane Mesquida), die in einem Forschungslabor arbeitet und seltsamen Dingen auf der Spur ist, sowie Ulysses’ beste Freundin Carly (Kelli Berglund) und deren Freund Jethro (Desmond Chiam). Abgesehen von Severine gehen alle Figuren wenig stabilen Lebensentwürfen nach. Sie wollen es alle irgendwie im Film-Business zu etwas bringen, hängen aber zumeist in schicken Cafés oder in ihren stylish eingerichteten Wohnungen herum und reden über Sex – beziehungsweise haben Sex, was diese Serie wohl von etlichen vergleichbaren Comedyserien unterscheidet.

In den ersten fünf (von bisher zehn gedrehten) Episoden, die der Presse vorab gezeigt wurden, gibt es – wie bei Araki üblich – viele Andeutungen darauf, dass das Ende der Welt bevorsteht und dass nur der sensible Held die Anzeichen dafür zu erkennen vermag. Dies verleiht dem poppig bunten Treiben stets etwas zutiefst Melancholisches. Alles ist hip und wunderschön – und doch dem Untergang geweiht. Liebe und Lust sind bei Araki allgegenwärtig, bereiten allerdings auch Schmerzen, da sich etwa der Mensch, nach dem man sich sehnt, nicht mehr meldet, oder die Person, mit der man zusammen ist, völlig andere Vorstellungen vom Führen einer Beziehung hat als man selbst. Now Apocalypse ist, wie ein Großteil des Œuvres von Araki, Utopie und Dystopie in einem: eine Welt, so frei von (sexuellen) Normen und zugleich so bedroht von überdimensionalen Gefühlen und von mysteriösen Gefahren.

Die ganz großen Bilder, die Araki vor allem in Nowhere im Minutentakt gelangen, sind in Now Apocalypse seltener zu finden; an der hohen Anzahl herrlicher One-liner hat sich indes nichts geändert. Man kann Araki nicht vorwerfen, er sei in den 1990er Jahren stecken geblieben – denn er integriert die heutigen Wege der Kommunikation und des Datings stimmig in sein bewährtes Universum. Etwas mehr Wagemut, etwas mehr Experimentierfreude wären für zukünftige Projekte gewiss zu wünschen – als unterhaltsame Zusammenstellung und Variation seiner bisherigen Motive liefert Araki mit Now Apocalypse aber zweifelsohne ein perfektes Geschenk für Fans und einen geeigneten Zugang für Neueinsteiger_innen.

Now Apocalypse (Webserie, 2019)

Ulysses, Carly, Ford und Severine jagen in L.A. dem Glück hinterher. Doch Ulysses wird dabei immer häufiger von düsteren Visionen und Träumen gepeinigt, die ihn zu der Frage führen, ob er vielleicht wirklich einer großen Verschwörung auf der Spur ist — oder einfach nur zu viel kifft.

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