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C’est très drôle, n’est-ce pas? – Die französische Komödie im Laufe der Zeit

Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Von Tollpatsch-Touristen und Brauseköpfen über Autor:innenkino und Crowd-Pleaser bis hin zum multikulturellen Ensemblestück: ein Streifzug durch das komödiantische Kino der Grande Nation.

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Französische Filme Titelbild

Jacques Tati (1907-1982) und Louis de Funès (1914-1983) – an diesen zwei Namen und Gesichtern vorbeizukommen, wenn von der französischen Filmkomödie die Rede ist, dürfte wohl unmöglich sein. Der Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler Jacques Tati vermag wie kaum ein Zweiter visuelle Gags mit kluger und treffender Kritik an der modernen Gesellschaft zu verbinden. So können wir etwa in Die Ferien des Monsieur Hulot (1953) und Trafic (1971) erleben, wie sich Tatis Kunstfigur Monsieur Hulot, ausgestattet mit Hut und langer Pfeife, mit den Tücken des Alltags herumschlagen muss. Im Urlaub sorgt Hulot unter anderem im Speisesaal seiner Unterkunft für Chaos und entzündet versehentlich ein Feuerwerk.

Während der Slapstick bei Tatis US-Vorgängern Charles Chaplin und Buster Keaton stets auch etwas spürbar Melancholisches bis Tragisches hat, bewegt sich der Franzose deutlicher in den Gefilden der Burleske. Sei es in der detailreichen Zeichnung einer Dorfgemeinschaft in Tatis Schützenfest (1949) oder in einer futuristisch anmutenden Welt aus Wolkenkratzern und Büroblocks in Playtime (1967) – Tati treibt die Absurdität in ungeahnte satirische Höhen und legt dabei eine erstaunliche ästhetische Ambition an den Tag. Wie schwierig es ist, an diesen furios-ausgefeilten Stil anzuknüpfen, demonstriert etwa Pascal Rabatés nur mäßig gelungene Hommage Holidays by the Sea (2011). Und doch lebt Tatis kinematografische Tradition im neueren französischen Komödienkino munter fort, zum Beispiel in Bruno Dumonts herrlicher Groteske Die feine Gesellschaft (2016), die Momente der Intelligenz und des puren Nonsens ähnlich furchtlos und geschickt zu kombinieren versteht.

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Neben Tatis Monsieur Hulot müssen auch die Figuren, die de Funès im Laufe seiner Karriere verkörperte, immer wieder wilde Chaos-Parcours durchschreiten. Der Komiker verfügt hierbei indes über seine ganz eigene Herangehensweise: Was ihn auszeichnet, ist ein oftmals schwindelerregendes Wechselspiel aus Manie und cholerischem Temperament („Nein! Doch! Ohhh!“). Seine Protagonisten, vom Gendarm Ludovic über den despotischen Schuldirektor Balduin bis hin zum gefürchteten Restaurantkritiker Charles, sind nie besonders nett, sondern vielmehr zutiefst verbissen und machtgierig – und in ihrem Streben natürlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. In den deutschen Verleihtiteln werden ihnen böse Namen wie „Ferienschreck“, „Brausekopf“ oder „große Pflaume“ verpasst. Dass wir diesen äußerst unsympathischen Herren, deren tyrannischer und zugleich spießiger Habitus in all ihrer Lächerlichkeit vorgeführt wird, letztlich dennoch gerne zuschauen, ist allein dem Talent von de Funès zum hemmungslosen Grimassieren und Gestikulieren zu verdanken.

De Funès gab sich weniger kunstsinnig als Tati: „Mich interessieren nur Filme mit mehr als 500.000 Zuschauern“, soll er einmal gesagt haben. Zu den Nachfolgern der Klamauk-Legende, sowohl bezüglich der mimischen und gestischen Begabung als auch hinsichtlich der Publikumsgunst, zählt gewiss der 1966 geborene Filmemacher und Schauspieler Dany Boon. Dessen Kauderwelsch-Komödie Willkommen bei den Sch’tis (2008) löste die mit dem Trio de Funès, Bourvil und Terry-Thomas besetzte Posse Drei Bruchpiloten in Paris (1966) als erfolgreichsten französischen Kinofilm aller Zeiten ab. Dass das Werk um einen Postboten aus der Provence, der gegen seinen Willen in den französischen Norden versetzt wird, trotz des starken lokalen Bezugs auch in Deutschland so gut funktionierte, ist wiederum auch der einfallsreich-gewitzten deutschen Synchronisation geschuldet, für die ein Dialekt erfunden wurde, der sich an den phonetischen Eigenheiten des Ch’ti orientiert.

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Die schwächeren Komödien von und/oder mit dem quirligen Boon (etwa Der Nächste, bitte!, Super-Hypochonder oder Nichts zu verschenken) basieren oft jeweils auf einer einzigen Idee, die sich eher für einen Sketch als für einen abendfüllenden Film eignen würde. Obendrein lassen sie sich auch in ihrer audiovisuellen Ausgestaltung kaum als Paradebeispiele für großes Kino anführen. Andere Komödien aus Frankreich, wie zum Beispiel Saint Amour (2016) von Gustave Kervern und Benoît Delépine, neigen derweil dazu, mutigen Humor mit abstoßender Derbheit und männlichem Chauvinismus zu verwechseln. Nicht übersehen werden sollte hingegen, dass das französische Komödienkino auch ganz hervorragende Autor:innenfilme zu bieten hat, bei denen sich Kassenerfolg und eine anspruchsvolle Machart keineswegs ausschließen.

So etwa bei Coline Serreau. Mit Drei Männer und ein Baby (1985) gelang der Französin, Jahrgang 1947, ein internationaler Hit, dem ein US-Remake samt Sequel folgten. Die Geschichte dreier Junggesellen, die plötzlich Care-Arbeit leisten müssen, wirft bei aller Leichtigkeit Fragen über Geschlechterrollen auf – zu einer Zeit, als das Mainstreamkino von Macho-Action dominiert wurde. Noch progressiver entfaltete Serreau ihren esprit libre zuvor schon in ihrem tragikomischen Leinwanddebüt Warum nicht! (1977) über ein ineinander verliebtes Figuren-Trio. Beherzt pfeift die Filmemacherin auf sämtliche Dramaturgie-Regeln, wenn sie die Suche der drei Freigeister Fernand, Alexa und Louis nach einem nicht-heteronormativen Lebens- und Liebesweg mit vielen Seiten- und Umwegen, Nuancen und Irritationen, Augenblicken des Glücks und des Schmerzes einfängt.

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Ein vergleichbar virtuoser Mix aus Komik und Tragik lässt sich etwa in den Filmen La Boum – Die Fete (1980) von Claude Pinoteau, C’est la vie – So sind wir, so ist das Leben (2008) von Rémi Bezançon, Der Name der Leute (2010) von Michel Leclerc oder Sibyl – Therapie zwecklos (2019) von Justine Triet finden. Werke wie diese schaffen es, Unbequemes mit cleverem Witz zu schildern, und dabei Charaktere zu entwickeln, die mit eigenen Schwächen und Fehlentscheidungen kämpfen und es nicht in jeder Szene darauf anlegen, von uns gemocht zu werden.

Auch der Ausnahmekünstler Jean-Pierre Jeunet muss an dieser Stelle genannt werden. In Die fabelhafte Welt der Amélie (2001) begleitet er die junge Titelheldin (wunderbar interpretiert von Audrey Tautou), die es sich zur Aufgabe gemacht hat, einsame Menschen zu verkuppeln und fiesen Leuten kreative Streiche zu spielen. Als Amélie eines Tages ihrem Seelenverwandten – einem Sammler weggeworfener Passfotos – begegnet, nimmt ein poetisches Tohuwabohu seinen Lauf. In Micmacs – Uns gehört Paris! (2009) erzählt Jeunet wiederum von dem Pechvogel Bazil (verkörpert von Dany Boon), dem eine verirrte Pistolenkugel im Kopf steckt und der, nachdem er seine Wohnung und seinen Job verloren hat, bei einer freundlichen Outsider-Truppe landet, die in einer Höhle unter einem Müllberg haust. Gemeinsam nimmt die schrullige Ersatzfamilie den Kampf gegen die Waffenindustrie auf. Der französische Kino-Magier bringt auf unnachahmliche Weise das Magische und das Märchenhafte in das Genre der Komödie und lässt die Fantasie über den Alltag triumphieren.

Filmstill: Die fabelhafte Welt der Amelie (c) Studiocanal

Neben französischen Komödien mit Krimi-Elementen, beispielsweise Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh (1972) von Yves Robert, oder mit Fantasy-Komponenten, etwa Die Besucher (1993) von Jean-Marie Poiré, oder auch mit einem Schwerpunkt auf Coming-of-Age-Themen (siehe Lisa AzuelosLOL (Laughing Out Loud), 2008) oder der Romantik, wie in Birnenkuchen mit Lavendel (2015) von Éric Besnard, erweisen sich nicht zuletzt humorvolle Filme über ungewöhnliche Freundschaften als große, über das eigene Land hinausgehende Erfolge in den Lichtspielhäusern.

So geschehen bei Ziemlich beste Freunde von Olivier Nakache und Eric Toledano im Jahre 2011: Die Genese der engen Verbindung zwischen dem wohlhabenden, querschnittsgelähmten Philippe und dem senegalesischen Sozialhilfeempfänger Driss, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und sich eher lustlos bei Philippe um eine Stelle als Pfleger bewirbt, lebt nicht nur vom Charme der beiden Hauptdarsteller François Cluzet und Omar Sy und von deren (Dis-)Harmonie miteinander, sondern auch von einer genauen Betrachtung der unterschiedlichen Milieus, die hier aufeinanderprallen. Dass das US-Remake Mein Bester & Ich (2017) von Neil Burger diesen Faktor nur sehr oberflächlich auf das eigene Land zu übertragen versucht, mag ein Grund dafür sein, dass es den Siegeszug des französischen Originals nicht zu wiederholen vermochte.

Filmstill: Ziemlich beste Freunde (c) Senator/Central

Ähnlich würde es sich wahrscheinlich mit Monsieur Claude und seine Töchter (2014) von Philippe de Chauveron und seinen zwei Fortsetzungen Monsieur Claude 2 (2019) und Monsieur Claude und sein großes Fest (2021) verhalten – einem Stoff, der einerseits zwar über eine recht einfache Prämisse verfügt, andererseits aber doch eine klare Verankerung in seiner präzise ausgemalten Lebenswelt hat. Die Culture-Clash-Komödien-Trilogie verortet ihren Protagonisten, den Notar Claude Verneuil (Christian Clavier), und dessen Gattin Marie (Chantal Lauby) in einem kleinstädtischen Kosmos und einer entsprechend spießbürgerlichen Gedankenwelt. Dass die vier erwachsenen Töchter mit Männern verschiedener Hautfarbe und Glaubensrichtung liiert sind, ist in diesem Setting der Engstirnigkeit ein Konflikt. Die Filmreihe gaukelt uns allerdings nicht vor, dass die Verneuils schlagartig zu besseren Menschen werden. Stattdessen wird das alte Ehepaar mit der Tatsache konfrontiert, dass die Schwiegereltern ihrer Töchter aus Israel, Algerien, China und von der Elfenbeinküste ihnen ebenfalls mit nicht minder hartnäckigen Vorurteilen begegnen.

Mehr und mehr entwickelt sich die Monsieur Claude-Reihe zu einer stetig größer und vielstimmiger werdenden Ensemble-Komödie. Im aktuellen dritten Teil nimmt etwa Marie, die – quel choc! – von einem Deutschen umgarnt wird, mehr Raum als zuvor ein. Zu den ursprünglichen Auseinandersetzungen gesellen sich weitere Mikro-Dramen, von bizarren Zaunstreitigkeiten bis zu möglichen Affären. Eine Eigenschaft der französischen Komödie ist somit wohl auch, dass Konflikte nicht geglättet und gelöst und Malheure nicht bereinigt werden, sondern sich in einem wüsten Chaos nur vermehren und dabei teilweise, fast beiläufig, verschüttgehen – bis das nächste Abenteuer neuen Trubel herbei wirbelt.

Filmstill: Monsieur Claude und sein großes Fest (c) Neue Visionen Filmverleih

Ob exzentrischer Slapstick in audiovisueller Perfektion wie bei Tati und Dumont oder aufbrausende Unterhaltung wie bei de Funès und Boon, ob feinsinnige Arbeiten von Autor:innen wie Serreau und Jeunet oder Publikums-Hits wie Ziemlich beste Freunde und die Monsieur Claude-Trilogie – das französische Komödienkino hat viele Facetten, Ecken und Kanten, Stars und Erfolge vorzuweisen. Es zelebriert das Durcheinander des Lebens und bringt uns damit zum Lachen.

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