Sibyl - Therapie zwecklos (2019)

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In „Victoria – Männer & andere Missgeschicke“ schickte Justine Triet Virginie Efira durch ein Wechselbad der Gefühle. In „Sibyl – Therapie zwecklos“ verfängt sich die von Efira gespielte Titelheldin in den Wirren aus Vergangenheit und Gegenwart.

Sibyl - Therapie zwecklos (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Frauen am Rande des Nervenzusammenhalts

In ihrem zweiten abendfüllenden Spielfilm „Victoria – Männer & andere Missgeschicke„ stürzte die Autorenfilmerin Justine Triet ihr Publikum mitsamt der Protagonistin in ein Gefühlschaos. Tragik und Komik wechselten sich ebenso munter ab wie die Handlungsorte und Bettgenossen. Am Ende ging die Titelheldin, von Virginie Efira bravourös verkörpert, aus all dem Auf und Ab siegreich hervor. In ihrem nächsten Film legt Triet gleich mehrere Schippen drauf, wechselt nun auch zwischen den Erzählebenen und verweist auf die Filmgeschichte und ihr eigenes Werk. Efira ist erneut mit von der Partie. Ist auch dieses Mal Nomen Omen?

Die von Efira gespielte Sibyl will zurück in ihr altes Leben. Zehn Jahre liegt ihr erfolgreicher Debütroman nun schon hinter ihr. Seither ist sie als Psychiaterin tätig. Um sich endlich wieder ganz dem Schreiben widmen zu können, gibt sie ihre Profession auf. Nach und nach trennt sie sich von all ihren Patienten, nimmt dann aber – zunächst widerwillig und letztlich aus den falschen Gründen – mit der verzweifelten Schauspielerin Margot (Adèle Exarchopoulos) eine neue an. Die Beziehung der zwei Frauen zeitigt alsbald ungesunde Züge.

Sibyl erkennt sich in Margot wieder und erkennt das erzählerische Potenzial, das in Margots Lebensgeschichte schlummert. Die aufstrebende Darstellerin ist vom Schauspielstar Igor (Gaspard Ulliel) schwanger, der eine Beziehung mit der Regisseurin Mika (Sandra Hüller) führt. Zu allem Überfluss stehen beide, Igor und Margot, für Mikas aktuellen Film gemeinsam vor der Kamera. Als sich die Situation zuspitzt, reist Sibyl an den Drehort und das Chaos nimmt seinen Lauf. Mit im Gepäck hat sie die schmerzhaft-lustvolle Erinnerung an die eigene Vergangenheit, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll.

Justine Triets Drehbücher sind ungemein klug geschrieben. Ihre Erzählebenen und -situationen kommentieren sich stets gegenseitig. Die passgenauen Schnitte denkt sie im Kopf bereits mit. Dadurch entsteht ein enormes Tempo, das auch das Publikum zum Mitdenken zwingt. Wer einmal zu lange blinzelt, bekommt mitunter Schwierigkeiten, sich in Triets komplexen Konstruktionen zurechtzufinden.

Wie viele Gedanken sich die 1978 geborene Französin macht, zeigt ein Blick ins Presseheft. Darin analysiert sie ihre Figuren und ihren Film besser, als es jede/r Kritiker*in könnte. Von einem „verkehrte[n] Spiegelbild“ ist dort zu lesen, von einem „Dualitäts-Motiv“, das zwischen unzähligen Charakteren besteht, und von ihren Einflüssen bei der Vorbereitung dieses Films – von Woody Allens Eine andere Frau (1988) bis Roberto Rossellinis Stromboli (1950).

Auf dieser italienischen Vulkaninsel im Mittelmeer dreht Mika die entscheidenden Szenen des Films im Film. In einer wundervollen Mischung aus Drama und Filmbranchen-Farce und mit einer glänzend aufgelegten Sandra Hüller kommen all die zurückgehaltenen Gefühle zum Ausbruch. Leider funktioniert der Genremix dieses Mal nicht so gut wie noch in Victoria – Männer & andere Missgeschicke. Triet hat Sibyl als „Drama, vielleicht eine Dramödie“ bezeichnet. Ihr Inszenierungsstil und die musikalische Untermalung, die stellenweise thrillerhafte bis melodramatische Momente heraufbeschwören, untergraben die Dramatik allerdings beständig.

Sehenswert ist das trotzdem. Triet erzählt nicht nur ganz konkret von der Komplexität eines komplizierten Lebens, vom Versuch, das familiäre Erbe und die eigene Vergangenheit zu überwinden, und von der Gefahr, sich dabei in der Vergangenheit zu verlieren und die dort begangenen Fehler in der Gegenwart zu wiederholen. Triet erzählt auch ganz allgemein von den (Konkurrenz-)Kämpfen, den privaten wie beruflichen, die Frauen miteinander ausfechten. Davon, wie sie sich gegenseitig manipulieren und wie viele Nerven das kostet; von drohenden und tatsächlichen Zusammenbrüchen, aber eben auch vom (unausgesprochenen) Zusammenhalt.

Alles verrät Justine Triet freilich nicht im Gespräch über ihren Film. Ein letztes Geheimnis bleibt etwa der Titel. Triet hat ihn garantiert nicht zufällig gewählt. Ganz ähnlich, wie der Sieg, den Virginie Efira als Victoria in Triets Vorgängerfilm erringt, ein zweischneidiger Triumph ist, bleibt auch das Schicksal ihrer Figur Sibyl ambivalent. Zurück in ihrer alten Profession als Literatin glaubt sie, ihr Leben wie einen Roman selbst schreiben zu können. Eine Prophetin der eigenen Zukunft. Doch so selbstbestimmt, wie sie glaubt, ist sie nicht. Andernfalls wäre Justine Triet nicht Justine Triet und das Ende ihres Films nicht so offen.

Sibyl - Therapie zwecklos (2019)

Sibyl, eine frustrierte Psychotherapeutin kehrt zu ihrer ersten Leidenschaft, dem schreiben, zurück. Ihre neue Patientin Margot, eine aufstrebende, aber nervlich zerrüttete Schauspielerin, dient ihr dabei als Quelle der Inspiration, doch damit wühlt sie mehr auf, als sie es zunächst vermutete. Je mehr sie sich in Margots unstetem Leben verstrickt, dest mehr drängen Erinnerungen aus ihrer eigenen Vergangenheit ans Tageslicht.

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