Adam (2019)

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Die marokkanische Regisseurin Maryam Touzani erzählt in ihrem Spielfilmdebüt von einer zarten Freundschaft zweier Frauen, von Abschied nehmen und Schwangerschaft. Mit wenigen Worten und abwartenden Bildern entsteht eine Wärme, die förmlich von der Leinwand abstrahlt und in dieser Intensität selten zu erleben ist. 

Adam (2019)

Eine Filmkritik von Sebastian Seidler

Die Wärme der Begegnung 

Die hochschwangere Samia (Nisrin Erradi) ist auf der Suche nach Arbeit und Unterkunft. Sie schleppt sich erschöpft durch die Straßen von Casablanca, klopft an die Türen fremder Menschen. Überall wird sie abgewiesen; mit einer schwangeren Frau, die allein unterwegs ist und offenbar ein Dach über den Kopf sucht, will niemand etwas zu tun haben. 

Auch Abla (Lubna Azabal) weist die junge Frau zunächst ab. Die Leute tratschen gern und die Bäckerin möchte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Nach dem Tod des Mannes ist das Leben anstrengend genug. Nur Ablas Tochter Warda (Douae Belkhaouda) begegnet Samia mit größtmöglicher Herzlichkeit. Von schlechtem Gewissen geplagt holt Abla die schwangere Frau schließlich ins Haus und öffnet damit die Tür für ein Leben, das sie vollkommen vergessen hat, zu genießen. 

Adam erzählt vom Alltag. Die Wohnung und die Backstube werden kaum je verlassen. Ein Kammerspiel ist der Film dennoch nicht. Dafür lässt er zwischen den Gesten, in den Blicken und den verschwiegenen Dialogen eine menschliche Weite entstehen, die nichts mit der Enge einer Emotionskammer gemein hat. Maryam Touzani komprimiert die intensiven Gefühle ihres Films nicht zu einem Konflikt, der in der Architektur der Räume gespiegelt wird. Adam ist eine sinnliche Entfaltung des Inneren, wie das Kneten eines Teiges, das alles andere als eine einfache Angelegenheit ist. Dafür braucht man Gespür und zärtliche Hände, damit aus dem bereits Vorhandenen etwas Großartiges wird. 

Auf ähnliche Weise lässt auch der Film aus dem ihm gegeben Zutaten eine zarte Bande entstehen. Die Beziehung, die zwischen Samia und Abla entsteht, spürt die Kamera in der Mimik der Frauen, in der Anspannung der Mundwinkel und der zunehmenden Wärme der Augen nach. Man taucht ein in die schweigsame Kommunikation der Körper. Nein, es braucht kaum Worte, um diese existenzielle Verwandlung zweier Menschen in ihrer verändernden Kraft zu spüren; eine Wärme, wie man sie kaum im Kino erfahren kann.  

Wenn Abla spät im Film die Geschichte vom Tod ihres Mannes erzählt, haben wir ihren Schmerz schon längst begriffen, ihn in ihrer Körperhaltung nachempfunden. Sie ist gezeichnet von Verlust und Trauer. Die strenge Kühle der Bäckerin, die sie auch gegenüber ihrer Tochter zeigt, ist vor allem eine Last für sie selbst. Beschwert der Gang, das Herz mit einer Schutzverschalung ummantelt – keine Berührung wird zugelassen. Die Furcht vor dem erneuten Verlust der Personen, die man liebt, verhindert eine menschliche Offenheit und Freude; in jeder zwischenmenschlichen Beziehung schlummert die Möglichkeit von Enttäuschung und Schmerz. 

Amira steckt in der umgekehrten Situation: Sie fürchtet sich nicht vor dem Tod, sondern vor dem Leben, das sie in ihrem Körper austrägt – ein Leben, das ihr eigenes Glück verhindern könnte. Eine ungewollte Schwangerschaft, ein uneheliches Kind ist ein gesellschaftliches Verdikt, dem man nur schwer entkommen kann. Nicht nur in der muslimischen Gesellschaft von Marokko. Eine werdende Mutter, die in keiner festen Partnerschaft lebt, ist auch in Deutschland mit einer Vielzahl impliziter Normen, strengen Erwartungshaltungen und verurteilenden Wertungen konfrontiert. 

All diese sozialen Zwänge, all die gesellschaftspolitischen Dimensionen werden in Adam nur gestreift. Sie bilden den Hintergrund einer persönlichen Geschichte über Freundschaft, Liebe und die Kraft der Begegnung. Diese erzählt Maryam Touzani ohne eine Spur Pathos. Die Kamera gibt Raum und ermöglicht Dauer, in der sich das feingliedrige Zusammenspiel von Nisrin Erradi und Lubna Azabal langsam entfalten kann. Beide Darstellerinnen lassen diesen kleinen Film mit größtmöglicher Sensibilität zu berauschender Größe anwachsen, eröffnen eine Tiefe, die aus dem Inneren der Interaktion entsteht. Adam ist damit ein Film, den man im Kino sehen muss. Im Dunkel, gemeinsam mit anderen fremden Menschen, begegnet man einander in der Wärme dieser Bilder. Und sei es nur für die Dauer des Kinobesuchs: Dieser Film ist kein Eskapismus, man taucht ein in die Welt.  

Adam (2019)

In der Medina von Casablanca Medina führt die Witwe Abla, Mutter einer achtjährigen Tochter, einen Laden für Gebäckspezialitäten. Eines Tages klopft die schwangere Samia an ihrer Tür und Abla ahnt noch nicht, dass dies ihr Leben für immer verändern wird.

 

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Meinungen
Alma · 03.01.2020

Ein wunderbarer Film mit grossartigen Schauspielerinnen

Kommentare

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