Port Authority (2019)

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Der junge Paul (Fionn Whitehead) lebt auf den Straße New Yorks und entdeckt dort die Ballroom-Szene für sich. Gerade die junge Transfrau Wye hat es ihm angetan, doch die Beziehung gestaltet sich als schwierig. „Port Authority“ von Danielle Lessovitz erforscht die Beziehung zwischen einer schwierigen Figur und einer marginalisierten Subkultur.

Port Authority (2019)

Eine Filmkritik von Lucas Barwenczik

Die richtigen und die falschen Anderen

Film- und Fernsehmacher haben wieder einmal das Voguing für sich entdeckt. In den letzten Jahren widmeten sich zahlreiche Serien (etwa „Pose“ von Ryan Murphy), Spiel- und Dokumentarfilme („Kiki“, „Saturday Church“, „My House“) der amerikanischen Ballroom-Szene. Das ist wenig überraschend, kommt die im Harlem der achtziger Jahre entstandene Tanz- und Subkultur doch mit einer inhärenten Dramatik daher: Die wilden, eleganten Bewegungen des Körpers als choreographierte Distinktion und Selbstbehauptung. Die Eröffnung eigener Räume für eine marginalisierte, überwiegend nichtweiße LGBTQ-Gemeinschaft. Das Refugium Fiktion ist oft dann besonders wirkmächtig, wenn es von anderen Zufluchts- und Sehnsuchtsorten erzählen kann.

Auch Port Authority von Danielle Lessovitz gefällt sich im langsamen Erkunden der Subkultur, beginnt die Expedition aber bei einem Außenstehenden. Der junge Paul (Fionn Whitehead, bekannt aus Dunkirk) wird von einem Bus aus Pittsburgh auf die Straßen von New York gespuckt. Verloren steht er an der Haltestelle, die dem Film den Titel gibt. Fremde hetzen vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Sein Gesicht ist von Striemen übersäht. Man ahnt, wovor er flieht, ahnt aber ebenso, dass er der Gewalt wohl auch hier nicht entkommen wird. Seine wohlhabende Stiefschwester will ihn nicht aufnehmen, so kommt er bei einer Notschlafstelle unter.

Zwei zufällige Begegnungen eröffnen zwei mögliche Pfade. Noch am Busbahnhof sieht er mit leuchtenden Augen einer Gruppe Vogue-tanzender Teenager zu. Er sieht ihre Freude und fühlt sich zu ihnen hingezogen. Ihren Schmerz wird er später kennen lernen, nachdem er durch seine Freundschaft zu der jungen Transfrau Wye (Leyna Bloom) mehr oder weniger ein Teil von ihnen geworden ist.

Noch am selben Abend wird er in der U-Bahn verprügelt, der grobschlächtige Lee (McCaul Lombardi) kommt ihm zur Hilfe und vermittelt ihm später sogar einen Job. Fortan hilft er bei Zwangsräumungen und hängt nach der Arbeit mit Lees Freundeskreis herum. Unter ihnen herrschen raue Sitten, ein permanenter Kampf um Männlichkeit und Dominanz.

Paul tänzelt zwischen den Gruppen hin und her und wird immer neu von ihnen abgestoßen und angezogen. In beiden wirkt er wie ein Fremdkörper. Er gehört zweifellos zu denen, die nicht dazugehören, zu genau diesen beiden Gruppen von Nichtdazugehörenden gehört er allerdings auch nicht. Er kennt weder die Codes und Rituale, noch bewegt er sich so, wie es von ihm erwartet wird. Fionn Whitehead steht und sitzt in den meisten Szenen etwas steif, in einem permanenten Zustand von Unsicherheit und Irritation. Sein Körper wirkt verkrampft, als würde der Versuch schmerzen, permanent absolute Neutralität auszustrahlen. Jeder Satz fällt ihm leicht vernuschelt und mit verzweifelter Nachlässigkeit von den Lippen. Nervös spielt er den abgeklärten Coolen.

Die Darstellerinnen bilden klar das Herz des Films. Die Regisseurin lässt ihnen stellenweise durchaus den Raum, ihre Figuren zu erforschen und entwickeln. Gerade Momente der Selbstoffenbarungen werden oft in langen Einstellungen eingefangen, die den Zuschauer Augenblicke gemeinsam mit den Figuren erleben lassen sollen. So wird etwa der erste Kuss zwischen Paul und Wye, die sich schnell ineinander verlieben, auf einem typischen New Yorker Balkon gefilmt. Das Gegenlicht überflutet sie und zeichnet ihre Körper weich. (Der Film ist visuell nie überraschend, manchmal aber zumindest kompetent im Anbringen der Standardbehandlung.) Vor dem Kuss steht ein Geständnis, Nähe und Intimität entstehen aus Ehrlichkeit. Eine der schönsten Szenen von Port Authority.

Leider gehen solche Augenblicke schnell in einem Wust von Plot unter. Paul erkennt schon früh, dass seine neuen Freundeskreise nicht miteinander kompatibel sind. Auch schämt er sich für seine Obdachlosigkeit und verheimlicht sie, selbst gegenüber Wye. Er beginnt also zu lügen, immer leichter gehen ihm die Halb- und Viertelwahrheiten von den Lippen. Wieder und wieder geraten der Film und sein Protagonist dadurch in kuriose Situationen, die irgendwo zwischen Farce und Vaudeville-Stück anzusiedeln sind, ohne dabei je lustig zu sein. Verschiedene Gruppen dürfen einander nicht begegnen, also muss Paul plötzlich aus sozialen Situationen fliehen. Paul bricht in die Wohnung seiner Stiefschwester ein, um Wye sein angebliches zu Hause zu präsentieren, doch sie wundert sich darüber, dass er kein eigenes Zimmer und keine Kleidung hat. Es sind Szenen, die gut in einen Film der Marx Brothers gepasst hätten, nur eben mit trägem Ernst vorgetragen. Wer den klassischen Moment in romantischen Komödien hasst, in dem das eigentlich perfekte Paar durch Missverständnisse oder Enttäuschung (zumindest bis zum Finale) doch wieder auseinandergeht, wird von Port Authority zweifelsohne in den Wahnsinn getrieben.

Die vielen Verwicklungen und Zufälle sprechen nicht für ein großes Vertrauen in die Stärke der Figuren oder der geschilderten Milieus. Und tatsächlich werden weder Pauls Arbeitskollegen noch die Ballroom-Familie je mehr als die Karikatur eines sozialen Umfelds. Wo jeder Figur entweder narrative oder dekorative Funktion bekommt, werden sie von fiktiven, aber greifbaren Menschen zu Beispielbildern. Missglückte Einträge für ein Lexikon der Lebensstile.

Natürlich ist es nicht zwangsläufig falsch oder gar verwerflich, von einer Art „Eindringling“ in einen sehr spezifischen kulturellen Raum zu erzählen. Anfangs wird Paul noch gefragt, was er dort zu suchen hat, doch diese Skepsis verschwindet überraschend schnell. Enttäuschend an Port Authority ist vor allem, dass sich der Film den komplizierten Fragen, die dabei entstehen, nur halbherzig stellt. Bedarf es spezieller Schutzräume für Marginalisierte oder sind Partikularisierung und Filterblasen-Bildung eine Gefahr für gesellschaftlichen Zusammenhalt? Wer darf wen ausschließen und warum? Sind Identitäten fest oder flüssig, kann man sich ihre Verdienste aneignen oder profitiert die Gesellschaft als Ganzes von diesem Austausch? Der Film lässt das alles in der Schwebe. Man erwartet von einem Film keine klaren, eindeutigen Antworten, doch es darf nicht an Neugier fehlen. Der Blick auf diese in den letzten Jahren oft verhandelten Themen wirkt, als wäre er exakt so weit, wie der des berühmten Dokumentarfilms Paris is Burning. Der erschien im Jahr 1990, also vor fast 30 Jahren.

Statt dem Szenario mit dem notwendigen Feingefühl zu begegnen, prügelt man lieber auf einfachen Feindbildern wie Lee und Co. herum. Statt zu hinterfragen, wie sie schon durch ihren Beruf gegen Andere instrumentalisiert werden, sucht man die Schuld in ihren veralteten Vorstellungen von Männlichkeit. Die sind ganz ohne Zweifel widerwärtig, aber eben mehr Symptom als Krankheit. Die altbackene Form, die sich an tradierte Indie-Standards klammert, findet perfekt zu abgegriffenen Inhalten. Port Authority tanzt, immer leicht neben dem Beat, zu alten Melodien.

Port Authority (2019)

Auf den Stufen vor Port Authority, dem quirligen Busbahnhof von New York City, tanzt das Mädchen Wye mit ihren Geschwistern. Der 15-jährige Paul, der gerade neu in der Stadt angekommen ist und der verloren wirkt, weil seine Schwester ihn nicht wie versprochen vom Bus abgeholt wird, ist sofort fasziniert von Wye.Durch sie taucht er ein in die prickelnde Ballroom-Szene der LGBTQ-Community der Stadt. Als sich Paul und Wye ineinander verlieben, macht Paul eine Entdeckung, die einiges verändert … 

 

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