Kabul Kinderheim (2019)

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In unaufgeregten Bildern erzählt die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat vom Leben in einem Kinderheim in Kabul Ende der 80er-Jahre. Subtil werden die politischen Bruchlinien dieses komplexen Landes eingewoben, ohne den Film jemals zu überlagern. Im Zentrum stehen die persönlichen Geschichten von Pubertät, Freundschaft und Rivalität.     

 

Kabul Kinderheim (2019)

Eine Filmkritik von Sebastian Seidler

Vom treulosen Leben 

Kabul Ende der 80er. In Afghanistan ist eine prosowjetische Regierung an der Macht. Der 15-jährige Quodrat lebt ohne seine Eltern auf der Straße. Im Kino bewundert er die Helden der klassischen Bollywood-Filme, in die er sich in seinen Tagträumen verliert. Auf dem Schwarzmarkt verkauft er Kinotickets, was letztlich dazu führt, dass ihn die Polizei aufgreift und in ein Kinderheim steckt. Trotz harter Momente wird er dort eine Ersatzfamilie finden, tiefe Freundschaften schließen und die letzten Tage seiner Kindheit genießen. 

Kabul Kinderheim ist der zweite Spielfilm der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat. Wie bereits ihr Kurzfilm Vice Versa One und ihr Langfilmdebüt Wolf and Sheep, lief auch dieser Film auf dem renommierten Filmfestival in Cannes. Eine märchenhafte Geschichte. Immerhin hatte Sadat bis zu ihrem 18 Lebensjahr kaum Filme gesehen. Vom Land ist sie in die Stadt nach Kabul gezogen, um dort schließlich ein Filmstudium zu beginnen. Die Werke von Agnes Varda und Abbas Kiarostami machten großen Eindruck auf sie. Einflüsse die man ihren eigenen Filmen deutlich ansieht; es ist dieser besondere Blick auf die kleinen Begebenheiten des Lebens, in denen sich die großen Bewegungen der Zeit zeigen.   

All das gehört zur Geschichte von Kabul Kinderheim dazu, der seine politische Kraft aus der persönlichen Geschichte der Filmemacherin sowie der gegenwärtigen Situation in Afghanistan schöpft. Die 31-jährige konnte nur ganz knapp mit einem der letzten Evakuierungsflüge das Land verlassen. Mit der Machtübernahme der Taliban endet eine liberale Phase, in der eben auch Frauen Filme drehen konnten. Auf gespenstische Weise spannt das letzte Bild von Kabul Kinderheim den Bogen zum Schrecken der Gegenwart, nur dass damals die Mudschaheddin das Schicksal dieses gebeutelten Landes in ihre Hände nahmen. Der Islamismus trägt nicht nur den Namen der Taliban. 

Diese Dinge spielen sich jedoch im Hintergrund der Geschichte ab. Im Vordergrund steht ein einfühlsames Porträt einer Jugend. Quodrat ist nur einer der Protagonisten, dessen Bollywood-Fantasie den Realismus des Films an entscheidenden Stellen aufbricht. Auch andere Jungs spielen eine Rolle: Außenseiter, Anführer und Mitläufer. Die Interaktionen der Jugendlichen – gespielt von Laiendarstellern – haben eine bezaubernde Unmittelbarkeit.  Bilder einer Normalität konfrontieren uns damit, wie wenig wir über Afghanistan eigentlich wissen und wie sehr die normale Bevölkerung hinter den politischen Themen des Westens verschwinden – die jugendlichen Spiele, das Verlieben und die Freundschaften, die für uns alle doch so wichtig sind. 

Damals, nach Abzug der russischen Besatzer, war es Frauen erlaubt, ohne Kopftuch zu arbeiten. Mädchen besuchten selbstverständlich die Schule gemeinsam mit den Jungs. Religion spielt zwar eine Rolle. Sie ist aber – zumindest in der Hauptstadt – nicht die bestimmende Kraft. Nur der Einfluss der russischen Kultur ist durchaus dominant. So machen die Kinder des Heims einen Ausflug in jenes Land, deren Panzer ein ganzes Jahrzehnt geprägt haben. Sie lernen Russisch und sind von sowjetischen Büchern umgeben. 

In einer der eindringlichsten Szenen des Films fordert der Schulleiter die Kinder dazu auf, alle sowjetischen Dokumente in den Innenhof zu bringen. Dort geht dann eine Lebenszeit in Flammen auf. Erneut, so viel ist klar, müssen sich die Menschen umstellen, müssen sich die Kinder auf ein neues Leben einstellen. In einem der Bollywood-Einschübe heißt es schließlich, dass das Leben eben treulos sei. 

All diese persönlichen Eindrücke, Geschichten und politischen Episoden basieren auf den unveröffentlichten Tagebüchern von Anwar Hashimi, der auch den Aufseher der Kinder im Film spielt. Shahrbanoo Sadat hat aus den Aufzeichnungen ihres Freundes einen Film gemacht, der im Umgang mit seinen kindlichen Hauptfiguren an François Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn erinnert, ohne dabei eine eigene Handschrift vermissen zu lassen. Kabul Kinderheim ist ein kleiner großer Film, der einem ganz nah kommt, ohne sich aufzudrängen. Ein solches politisches Kino ist ein großes Kunststück. 

Kabul Kinderheim (2019)

Kabul, Anfang der 1990er Jahre: Die Mudschahedin rücken langsam näher. Währenddessen träumen sich die Kinder, umgeben von den sicheren Mauern ihres Waisenhauses, fort in die Welt der Bollywood-Filme, die sie so sehr lieben.

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