Rückblick auf Cannes 2018 - Ein Festival am Scheideweg

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Kolumnen

Ein Beitrag von Joachim Kurz

Das Festival in Cannes 2018 ist vorbei – Zeit für ein Fazit und der Versuch eines Ausblicks.

Bild zu The House That Jack Built von Lars Von Trier
The House That Jack Built von Lars Von Trier - Filmbild 1

Vor wenigen Tagen ist das Filmfestival in Cannes zu Ende gegangen. Nach einer kurzen Verschnaufpause ist es deshalb Zeit für einen kleinen Rückblick, bevor der Alltag uns endgültig wieder eingeholt hat. Und vielleicht auch für eine kritische Überprüfung, warum ich mir diesen Stress jedes Jahr wieder aufs Neue antue, warum meine KollegInnen und ich zu wenig schlafen, unregelmäßig essen und uns dann noch von BBC-Journalisten fragen lassen müssen, wie es denn um den Glamourfaktor bei Filmkritikern in Cannes bestellt sei. Unsere Antwort hat ihn wohl sichtlich enttäuscht, denn wir haben ihn ein wenig ausgelacht.

Dass Cannes in diesem Jahr unter einem anderen Stern stehen würde, haben wir zumindest im Vorfeld schon geahnt. Da waren einige Änderungen im Vorfeld – wobei uns das Selfie-Verbot auf dem roten Teppich noch am wenigsten gestört hat, denn dort sind wir eh selten. Oder eher nie. Ungewisser waren da die Neustrukturierungen der Pressevorführungen, die vor dem Festival bekannt gegeben wurden: Um einen Negativ-Hype um Filme vor deren offizieller Galapremiere zu verhindern, wurden die Vorabvorführungen so gelegt, dass sie zeitgleich oder versetzt zu den offiziellen Screenings stattfanden, was man durchaus als Einknicken vor der Macht der Studios und Verleiher verstehen kann. Zumal ja auch die Berlinale zahlreiche Filme (unter anderem diejenigen des Wettbewerbs) vorab zeigt und zugleich eine Embargoregelung installiert, hat, dass Kritiken und Meinungsäußerungen erst mit dem Start der ersten öffentlichen Vorführung geäußert werden können. Dies freilich, so behauptet die Festivalleitung in Cannes, sei für sie nicht zu überprüfen – merkwürdig, dass etwas in Berlin ganz gut funktioniert, während es anderswo nicht praktikabel erscheint. Und noch merkwürdiger, dass gewisse US-amerikanische Medien anscheinend doch schon Zugang zu Vorführungen hatten und munter Rezensionen veröffentlichen konnten, bei denen man sich fragte, wie es dazu gekommen sein könnte.

Hinter vorgehaltener Hand wurde im Palais de Festival gemunkelt, dass die Neuordnung der Pressevorführungen noch einen ganz anderen Hintergrund habe: Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Festivals, habe in den vergangenen Jahren aufgrund vielfältiger Kritik an seinem Programm einiges an Groll gegen die schreibende Zunft angesammelt und die jetzigen Maßnahmen seien demnach auch als eine Art Disziplinierungsmaßnahme zu verstehen. Ob es so clever ist, die Presse als ein Kind zu sehen, das man disziplinieren müsse, sei mal dahingestellt... 

 

Women on the March

Gegenwind gab es für den Festivalleiter auch noch von anderer Seite – und das geschah durchaus mit Ansage: Bereits bei der Eröffnung konnte man spüren und an einigen Blicken auch sehen, dass das Gremium unter dem Vorsitz von Cate Blanchett und erstmals mit einer Besetzung, in der mehr Frauen als Männer vertreten waren, durchaus bereit und willens war, eigene Akzente zu setzen, nachdem die Festivalleitung gemeint hatte, den Forderungen nach einem höheren Frauenanteil durch die Zusammenstellung der Jury genüge zu tun. 

Auch wenn Frémaux äußerlich gefasst blieb: Der Marsch der 82 Frauen über den roten Teppich und die abgetrotzte Absichtserklärung (die übrigens auch von den Leitern der Semaine de la Critique und der Quinzaine des Réalisatuers unterzeichnet wurde), bis zum Jahr 2020 den Anteil an Regisseurinnen im Wettbewerb auf 50 % hochzuschrauben, gefiel ihm ebenso wenig wie Asia Argentos wütende Rede bei der Preisverleihung, in der sie Cannes als „Jagdgrund“ Harvey Weinsteins bezeichnete und damit zumindest zwischen den Zeilen eine Mitverantwortung des Festivals anklingen ließ. Außerdem erinnerte sie auch daran, dass es trotz der #metoo-Debatte immer noch machistisches und sexistisches Verhalten sowie sexuelle Übergriffe gibt – in Cannes, in der Filmbranche – wie beispielsweise gerade die Vorwürfe gegen Luc Besson erkennen lassen – und natürlich anderen Bereichen. Und so ließ sie es keinesfalls nur mit einem deutlichen Hinweis auf die Vergangenheit beruhen, sondern schlug den Bogen in die Gegenwart: „Aber immer noch sitzen hier Menschen, die für ihr Verhalten gegenüber Frauen zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Ihr wisst, wer Ihr seid.“

Dies alles lässt keinen Zweifel daran, dass sich das Klima gewandelt hat. Das hörte man auf den Fluren, das wurde immer wieder in Gesprächen thematisiert. Und hinzu kam der Eindruck, dass es in diesem Jahr leerer war als sonst, dass einige, vielleicht sogar etliche Kollegen durch Abwesenheit glänzten, die man sonst regelmäßig sah. Vielleicht lag das auch an der Verteilung der Vorführungen über mehrere, mehr oder minder gleichzeitige Screenings. Dennoch fühlte es sich in diesem Jahr deutlich anders an. Auch wenn Cannes sich noch sträubt: Das Festival wird sich in den nächsten Jahren einem gewaltigen Kulturwandel unterziehen müssen, wenn es nicht seine Glaubwürdigkeit verlieren will. Ob Frémaux dafür der Richtige ist, wird sich erst noch zeigen. 

Ein anderer Kulturwandel wurde indes vertagt: Die Entscheidung des Festivals, Filme, die dezidiert keine Kinoauswertung anstreben, vom Wettbewerb auszuschließen (gemeint sind damit vor allem Filme des Streaming-Anbieters Netflix), sorgte für eine trügerische Ruhe in dieser Causa – aber auch für zumindest einen wirklich bedauernswerten Ausfall, weil Netflix als Reaktion auf die Entscheidung auch den frisch restaurierten The Other Side of the Wind (bekanntlich Orson Welles’ letzter Film, der allerdings niemals ganz fertiggestellt wurde) zurückzuziehen. Und so musste das enttäuschte Fachpublikum mit The Eyes of Orson Welles, Mark Cousins Annäherung an die Regielegende vorliebnehmen. Immerhin versuchte der – nicht ganz gelungen, wie wir fanden – in einen Dialog mit dem verstorbenen Meister zu treten.

 

Und die Filme?

Der Jahrgang 2018 wird mit Sicherheit als einer der besseren in Erinnerung bleiben, wobei die Freude über wenige Ausreißer nach unten ein wenig dadurch getrübt wurde, dass Lee Chang-Dongs Burning komplett leer ausging. Und das, obwohl der von vielen Kritikern als das beste Werk des Wettbewerbs gefeiert wurde und den beinahe schon legendären 3,6-High-Score von Toni Erdmann im Kritikerspiegel von Screendaily mit einer durchschnittlichen Bewertung von 3,8 noch einmal toppen konnte. Allerdings – wir erinnern uns an den Aufruhr – war auch Maren Ades Film damals leer ausgegangen. Und immerhin konnte Burning ja doch einen Preis entgegennehmen: Der Film wurde von der internationalen Kritikervereinigung FIPRESCI als bester Film des Wettbewerbs ausgezeichnet. Das kommt zwar nicht ganz einer Palme gleich, aber immerhin …

Burning von Lee Chang-dong, Copyright: NHK
Burning von Lee Chang-dong, Copyright: NHK

Zuverlässiger war da schon der Skandal, den ein Festival wie Cannes anscheinend auch jedes Jahr braucht, um im Gespräch zu bleiben. Dass ausgerechnet Lars von Trier mit seinem ultrabrutalen Werk The House That Jack Built wieder für Gesprächsstoff und hitzige Diskussionen an der Croisette sorgte, war ja irgendwie fast zu erwarten gewesen – der Bad Boy des Jahres 2011 (Stichwort:  eine entsetzliche aus dem Ruder gelaufene Pressekonferenz zu Melancholia) hat zuverlässig geliefert und war immerhin als Absicherung gegen den zu erwartenden Widerstand gegen den Film außer Konkurrenz gezeigt worden.

Während es in den Parallelsektionen Semaine de la Critique und vor allem in der Quinzaine des Réalisateurs einige Entdeckungen zu machen gab, enttäuschte die eigentliche Nebenschiene Un Certain Regard 2018 fast völlig: Lediglich der schwedische Beitrag Gräns / Border, das belgische Drama Girl, Bi Gans Long Day's Journey into NightUlrich Köhlers In My Room ragten hier heraus. Die aber zeigten immerhin, dass Cannes bei allen Querelen und Unruhen immer noch ein Ort sein kann, an dem es Entdeckungen gibt, die man sonst vielleicht nirgendwo anders findet.

Border von Ali Abbasi, Copyright: Neon
Border von Ali Abbasi, Copyright: Neon

Zudem gab es auch vor allem von Seiten der amerikanischen Kollegen reichlich Schelte für die überwiegende Abwesenheit US-amerikanischer Filme an der Croisette, die in diesem Jahr im Wettbewerb nur mit David Robert Mitchells Under the Silver Lake und Spike Lees BlackKklansman vertreten waren. Schon wird gemunkelt, dass Cannes kein gutes Pflaster mehr für US-amerikanische Filme sei und erste Stimmen fordern bereits ein Pendant in den Vereinigten Staaten, dass dem Primus endlich Paroli bieten soll. 

 

Verliert Cannes seinen Nimbus als wichtigstes Festival der Welt?

Ohne Zweifel ist Cannes dieses Jahr unter Druck geraten. Zu lange hat man sich ausgeruht auf dem Status des Unantastbaren, zu lange hat man Fehlentwicklungen ignoriert und oft nur unter Druck von außen reagiert. 

Obgleich es nach wie vor keine Konkurrenz gibt, die Cannes den Status als ewiger Erster ernsthaft streitig machen könnte, ist das Festival in die Defensive geraten. Die Unruhe, die schon in diesem Jahr auf dem roten Teppich und in den Gängen des Palais de Festival zu spüren war, wird Reaktionen notwendig machen, die mehr sind als nur bloße Symbolpolitik. Die Zeiten sind unruhiger geworden – und das war in diesem Jahr auch an der Croisette deutlich zu spüren.

Einen wirklichen Wandel des Festivals gibt es im Moment noch nicht festzustellen - aber es ist schon deutlich etwas in Bewegung geraten. Und das ist auch gut so… Insofern bin ich natürlich gespannt auf das nächste Jahr – und darauf, wie es dann sein wird. Ich habe ja jetzt wieder ein Jahr Zeit, mich auf diesen Wahnsinn vorzubereiten. Und vielleicht klappt es dann 2019 auch mit dem Glamourfaktor.

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