Under the Silver Lake (2018)

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David Robert Mitchell hat das Zeug, der nächste große Ästhet und Meister im Verbiegen und Dekonstruieren von Filmgenres und Geschichten zu werden. Außer er nimmt sich selbst zu wichtig und driftet in pathetische Überheblichkeit ab. Auf diesem Grat balanciert "Under the Silver Lake".

Under the Silver Lake (2018)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Scheitern mit Stil

Es kommt nicht allzu oft vor, aber manchmal bemerkt man ein Talent, welches so ungewöhnlich scheint und von Anfang an so viel Potential mitbringt, dass man gar nicht erwarten kann zu sehen, wie es weitergeht. David Robert Mitchell ist so eine Entdeckung. "The Myth of the American Sleepover" war ein aufregendes Debüt. "It Follows" ein genialer Nachfolger, bei dem nicht nur das Talent zum Geschichtenerzählen und ein großes Verständnis für Filmgeschichte und -ästhetik endgültig zum Vorschein traten, sondern auch sein ganz eigener Stil, der sich vor allem mit den psychologischen Schattenseiten von Menschen und Gesellschaften beschäftigt. Nicht schlecht für einen, der gerade erst anfängt. Oder doch schlecht, denn solches Lob und solche Erwartungen üben nicht nur Druck aus. Sie führen auch manchmal zu Filmen wie Under the Silver Lake.

Das klingt nach totalem Scheitern, einem Film voller Aufgeblasenheit. Und das ist er auch. Allerdings im guten und doppelten Sinne, denn diese Aufgeblasenheit ist eine, die Mitchell als Regisseur, aber auch seine Hauptfigur mitbringen und daraus Spannendes erzeugen. Sam (Andrew Garfield) ist einer dieser jungen Slacker, die tagsüber in Cafés sitzen und bei denen man sich immer fragt, wovon sie ihre Miete bezahlen. Bei Sam ist die Antwort: gar nicht. In fünf Tagen fliegt er aus seiner Wohnung. Doch Sam hat Dinge zu erledigen, die wichtiger sind. Kaffee trinken zum Beispiel. Und bekifft seiner Nachbarin, die stets oben ohne ist, mit dem Fernglas nachschauen in einer Art, die den persiflierenden Ton des Filmes und seine filmhistorische Meta-Ebenen sofort setzt: Hier haben wir einen Hinterhof, einen Mann, ein Fernrohr und seine Nachbarn – ja, das ist die 2018er-Hipster-Variation von Das Fenster zum Hof. Hier lernt Sam auch Sarah (Riley Keough) kennen. Sie verbringen einen bekifften Abend und dann ist Sarah plötzlich weg. Sam, der nichts besseres zu tun hat und auch irgendwie die Realität seines langweilig-sinnlosen Hipster-Daseins hier in L.A., dieser wundervoll geisterhaften aber auch aufgeblasenen Stadt, ignorieren muss, macht sich auf der Suche nach ihr. Dabei gerät er – und es ist jetzt schon fast ein Klischee, das zu sagen, aber es stimmt – in eine geradezu lynchesque Geschichte irgendwo zwischen Donnie Darko und Mulholland Drive.

Mitchell knallt seine Geschichte mit popkulturellen Referenzen aus Film, Musik und allem anderen nur so zu und in all diesen Fragmenten lässt er Sam nach Schlüsseln, geheimen Botschaften und Ritualen suchen, die ihm „die Wahrheit“ bereithalten. Denkt er zumindest. Und mit diesem magischen Denken, dem ständigen Suchen nach Hinweisen ist er nicht allein. Er wird andere finden – alles Männer –, die ebenfalls an solchen Ideen festhalten. Dabei ist die Suche nach Sarah eigentlich nur ein willkommener Anlass, seinen Obsessionen nachzugehen, die vor allem darauf basieren, dass Sam denkt, es gäbe eine übergeordnete Wahrheit, die nur die Reichen, die Wissenden, die Mächtigen kennen. Denn nur so kann es ja sein, dass er so ein Loser ist, der am Leben in Hollywood scheitert. Es ist nicht er, es sind die anderen!

Und so taumelt Sam durch L.A. von einer Idee in die nächste, begegnet dabei barbusigen Eulen-Frauen und Hundemördern, dem König der Obdachlosen, einer Musikgruppe namens Jesus and the Brides of Dracula und kommt, während er seine Freundin von hinten nimmt, einem Komplott auf die Spur, in dem ein steinreicher Kerl scheinbar ermordet wurde und – Überraschung – die verschwundene Sarah eventuell auch. Das ist alles ein wunderbarer, verrückter Clusterfuck aus gefühlten hunderten MacGuffins und Ideen, Verweisen und Fragmenten. Dabei arbeitet Under the Silver Lake nicht nur auf der Erzählebene mit all diesen Elementen, sondern auch in seiner Ästhetik. Diese verortet er grundsätzlich im klassischen Noir-Film, weshalb hier die Idee des Neo-Noir einerseits angebracht ist, andererseits schon wieder durch den Film selbst gebrochen wird. Denn Sam, der sich hier als Detektiv positioniert, ist eigentlich ein Spanner und ein Stalker, ein Obsessiver, aber eben nicht im produktiven, im ehrlichen Sinne der alten Filme der 1950er Jahre. Das Opfer ist vielleicht gar keins, die Femme Fatale hat nur einen kurzen Auftritt und stirbt in der gleichen Pose wie die Frau auf dem Cover des Lieblings-Playboys, zu dem sich Sam, seit er klein ist, einen runterholt. Fragmente, zersetzt, verwirbelt, verzerrt, zerstört – das ist, was Mitchell interessiert und was er grundsätzlich auch gut kann.

Doch dieses Mal scheitert er an sich selbst und der Grandiosität seiner Ideen. Mitchell, der auch das Drehbuch geschrieben hat, versammelt hier so viele Einzelteile, zu denen auch noch unzählige Seitenstränge, Erzählungen und eine Handvoll lakonischer Partys mit diversen Nebencharakteren kommen, dass sich der Film verheddert und langsam, aber sicher an sich selbst erstickt. Es gibt großartige Momente hier und da, doch letztendlich entwickelt Under the Silver Lake keinen Sog, sondern verlangsamt sich immer weiter, wie eine Bleikugel aus Ideen und Fragmenten, die er hinter sich herzieht, bis er fast zum Erliegen kommt. Es ist die schiere Größe und Menge, die Mitchell nicht ausbalancieren kann und an denen der Film letztendlich scheitert.

Aber: Nicht jedes Scheitern ist negativ. Dieses hier ist einer dieser wunderbaren Misserfolge, aus denen man lernen kann – und der auch für das Publikum durchaus Reiz hat. Auch wenn die Einzelteile besser sind als ihre Gesamtheit.

Under the Silver Lake (2018)

Als seine wunderschöne Nachbarin, in die er sich heimlich verliebt hatte, verschwindet, spielt ein junger Mann Detektiv und kommt bei seinen Nachforschungen einer gigantischen Verschwörung auf die Spur. 

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