Kolumnen: Gehobener Grusel – Über ein Horrorkino, das sich selbst verachtet

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Kolumnen

Ein Beitrag von Rajko Burchardt

Als Erhebung des Genres wird momentan ein Trend gefeiert, der Horrorfilme vor ihren Affekten schützt. Die dafür aufgemachten Kategorien offenbaren ein tristes Verständnis von Kino im Allgemeinen und Horror im Besonderen.

Hereditary
Hereditary

Im englischsprachigen Raum dominiert der Begriff elevated horror seit einigen Jahren die Diskussion um Grusel- bzw. Nichtgruselfilme wie Hereditary, The Witch oder das Remake von Suspiria, denen von Teilen der Filmkritik eine über das Genre hinausgehende Relevanz unterstellt wird. Ihre „erhebende“ Qualität macht sie offenbar für ein Kinopublikum attraktiv, das sonst wenig mit Horrorgeschichten anzufangen weiß oder ihnen grundsätzlich skeptisch begegnet.

Das Label „gehobener Horror“ geht also von einer Hierarchisierung der Genres aus. Horrorstoffe lägen demnach nicht auf einem Niveau mit seriöseren Filmgattungen und seien nur in bestimmten Fällen upgradefähig: Was vorgeblich ernstzunehmenden vom zurückgebliebenen Horror trennt, ist sein erkennbares Bemühen um Kunstfertigkeit. Unappetitlichkeiten, normalerweise ein Stein des Anstoßes, wären den bekömmlich gemachten Horrorfilmen der Arthäuser dann gerade so nachzusehen.

 

Horror meinen, aber nicht Horror sagen

Obschon die Bezeichnung und das dahinter stehende Konzept auf Widerstand stoßen (eine argumentative Übersicht zweifelnder Filmkritiker präsentiert IndieWire), hat sie sich fest in filmkritische und filmemacherische Kontexte eingeschrieben. Mit ihrer Hilfe kann zum Beispiel ein Remake wie Friedhof der Kuscheltiere angepriesen werden, das vom verantwortlichen Studio als „very elevated horror film“ betrachtet worden sei. Und John Krasinski, Regisseur des Überraschungserfolgs A Quiet Place, schwärmt von „amazing, elevated horror movies“.

Geläufig sind mittlerweile auch inhaltsgleiche Variationen des Begriffs. Steve Rose schreibt im Guardian über sogenannte „Post-Horrorfilme“ wie A Ghost Story oder The Neon Demon, denen es nicht um Schockeffekte, sondern „existenzielle Schrecken“ gehe. Die im Zuge des von Rassismus handelnden Horrorfilms Get Out popularisierte Genrebezeichnung social thriller scheint Ähnliches zu meinen. Als „ultimativer Bösewicht“, sagt Regisseur und Oscarpreisträger Jordan Peele, erweise sich darin „die Gesellschaft“.

 

Verbindendes Element der Terminologien ist ein affirmativer und hochkulturell apostrophierter Bezug auf phantastisches Kino, der zwar Horror meint, nicht aber Horror genannt werden soll. Die US-amerikanische Produktions- und Verleihgesellschaft A24, deren Alternativprogramm zum Hollywood-Mainstream weltweit cinephile Gütesiegel trägt, bildet ein Zentrum dieser neuen distinguierten Genrewelle – mit Filmen wie It Comes at Night wird elevated horror in die Praxis, nämlich als ästhetischer Modus umgesetzt.

 

Mehr als „nur“ ein Horrorfilm

Mindestens zwei A24-Produktionen können prototypisch genannt werden. Die erste ist The Witch, ein schon in der Eigenschreibweise (The VVitch: A New-England Folktale) bedeutsam anmutender Pagan-Grusel, zu dem 2015 fast keine Besprechung ohne Hinweis präsentiert wurde, dass er mehr als „nur“ ein Horrorfilm sei. Anklang fand besonders die authentische Inszenierung der im 17. Jahrhundert spielenden Geschichte, als Ausweis von Akkuratesse wurden die zeitgenössischen, in vorbildlichstem Frühneuenglisch gesprochenen Dialoge hervorgehoben.

Die Ernsthaftigkeit um jeden Preis schlägt allerspätestens am Ende ins Alberne um, als eine Infotafel die außerordentliche Recherche der Macher betont. Dennoch traf der forcierte Realismus von The Witch einen Kritikernerv. Seine vagen Schauermomente und der moderat-experimentelle Soundtrack wurden nicht als lahme Affektkontrolle empfunden, sondern als willkommene Abwechslung zu lauten Genreschocks. A24 wusste den Film außerdem geschickt zu handhaben, für Mitglieder der Sekte The Satanic Temple organisierte man sogar eigene Vorführungen.

 

Zum zweiten Musterfall und bislang größten kommerziellen Erfolg des Indie-Studios wurde anschließend Hereditary. Auch hier stimmen Texttafel und dröhnende Musikspur auf eine Art Horror ein, die kein stimmungsvolles Genreelement um seiner selbst willen akzeptiert. Mehr noch als The Witch stellt Hereditary die absolute Beherrschung des Materials aus. Eingangs zoomt die Kamera auf ein Puppenhäuschen, in dem sich die menschlichen Figuren des Films bewegen, als solle das Publikum gleich zu Beginn ermahnt werden, sich nur keine Illusionen zu machen. 

 

Prätentiös mit Stolz

Hereditary ist ein Film der „größeren Ambitionen“, wie Regisseur Ari Aster mit der für elevated horror üblichen Bescheidenheit versichert. Ihm gehe es um Kino, das „die Zuschauer nicht einfach auf eine 90-minütige Achterbahnfahrt schickt“, darum habe Aster es gründlich vermieden, sein Langfilmdebüt als Horrorfilm zu bezeichnen – Horror allein genügt nicht, Horror allein ist ambitionslos. Asters neue Regiearbeit Midsommar erscheint im Herbst dieses Jahres und wird in den USA von A24 vertrieben. Unbedarfte Gemüter könnten sie für Horror halten.

Genrefilme, die keine Genrefilme sein wollen, hat es immer gegeben. Zum neuen Phänomen werden die kunstgewerblich verkleideten Weinschwenker-Horrorfilme jüngeren Datums aber durch ihre Verachtung der eigenen Bedingungen. Aus Ari Asters Worten spricht ein altbekannter Kultursnobismus, der tatsächlich glaubt, das übel beleumundete Horrorkino vor sich selbst schützen und dessen methodische Voraussetzungen größtmöglich umgehen zu müssen. Erst dann ist schamfreies Gruseln gestattet. 

 

Im Unterschied zu sophisticated Horrorklassikern wie Rosemaries Baby, Wenn die Gondeln Trauer tragen oder Der Exorzist adressieren vordergründig allegorische Horrorfilme nach A24-Art ein Publikum, das die anderen Begrifflichkeiten nicht nur parat, sondern schon verinnerlicht hat. David Cronenberg amüsierte sich stets über scheinbar intellektuelle Kategorien wie body horror, die Menschen für seine Arbeiten aufmachten, weil Horrorfilme ihnen zu schmuddelig waren. Ari Aster trüge hingegen noch das prätentiöse Kritikerlabel mit Stolz. 

 

Horrorkino umarmen 

Der schlechte Ruf des Genres ist natürlich ein Problem seiner Rezipienten, nicht des Horrorkinos selbst. Es wendet die Herabwürdigung sogar zum eigenen Vorteil. Ihr Außenseiterstatus erlaubte Horrorfilmen seit jeher eine besondere Radikalität und inspirierte sie zu immer wieder neuen Strömungen. An der filmindustriellen Peripherie konnte das transgressive US-Splatterkino der 1970er Jahre von einer gesellschaftlichen Verfasstheit erzählen, die selbst im seinerseits rüden New Hollywood eher geschmackvolle Echos produzierte.

 

Als George A. Romero in Die Nacht der lebenden Toten einen schwarzen Mann zum Helden seiner Zombiegeschichte machte (und sie damit für politische Lesarten jenseits von Belagerung und Weltuntergang öffnete), hat er das Genre nicht als Folie genutzt. Im Kino der Romeros, Wes Cravens und Tobe Hoopers war Horror vielmehr eine Grundannahme, der einzig möglich erscheinende Ausdruck. Sie haben die Form nicht als Träger von Bedeutung verstanden, sondern umarmt. Darin lag die eigentliche Elevation des Genres, lange vor dem A24-Horrorkino, das im Grunde eine Vereinfachung ist.

Bedauerlicherweise versandeten im elevated horror auch spannende Ansätze, allen voran der an Formspielen wie Gefühlsräuschen gleichermaßen interessierte Mumblegore, dessen einstmals wichtigste Repräsentanten Ti West (The Innkeepers) und Adam Wingard (You’re Next) mittlerweile an Fernsehen und – schlimmer noch – Tentpole-Blockbuster verloren gegangen sind. Hinterlassen haben sie ein Horrorkino, das derzeit nur knallige Effekte oder ihre wichtigtuerische Leugnung zu kennen scheint. Mögen neue Talente diese Kluft produktiv machen.

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