Features: „Nicht die Seife fallen lassen“ - Sexuelle Gewalt als Witz im Film

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Ein Beitrag von Christian Neffe

Sex soll Spaß machen – Sexuelle Gewalt hingegen gilt gemeinhin als zutiefst verachtenswert. Und doch werden Übergriffe, verbale wie körperliche, in einigen Filmen zu simplen Gags gemacht. Was schockiert, ist ihre Beiläufigkeit.

Will Ferrell wird von schwarzen Männern bedroht
Der Knastcoach - Poster-Ausschnitt

„Bloß nicht die Seife fallen lassen!“, das ist einer dieser Sätze, die unzweideutige Assoziationen hervorrufen: ein großer weißgekachelter Raum, Wasserdampf, nackte Männer, die sich Schweiß, Dreck und Schuld vom Körper waschen. Und über all dem schwebt die omnipräsente Gefahr, Opfer eines sexuellen Übergriffs zu werden. Die meisten Menschen kennen dieses Bild mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wohl nur aus US-amerikanischen Fiktionen, aus Werken wie „Die Verurteilten“ (1994) oder „American History X“ (1998), in denen die inhaftierten Protagonisten irgendwann tatsächlich zu Opfern körperlicher Übergriffe und Vergewaltigungen werden. Doch während sich dies für Andy Dufresne (Tim Robbins) und Derek Vinyard (Edward Norton) als einschneidende, traumatische Erfahrung äußert und dementsprechend drastisch inszeniert wurde, ist der anfangs erwähnte Satz viel öfter in einem anderen Kontext zu hören: in einem komödiantischen.

 

Sexuelle Belästigung, körperliche Übergriffe und Vergewaltigungen als Vorlage für Gags, als Punchlines, sind gebräuchliche Mittel im US-amerikanischen Comedy-Kosmos. Das ist alles andere als neu: In Billy Wilders Manche mögen’s heiß (1959) lädt der als Frau verkleidete Jerry (Jack Lemmon) die von Marilyn Monroe verkörperte Sugar Kane Kowalczyk in sein Bett ein. Daphne, so Jerrys weibliches Alias, deutet eine „Überraschung“ an, die Sängerin ist ahnungslos: „What’s the surprise?“ — „Better have a drink first“, witzelt Jerry, bevor er ihr den Whiskey reicht. Zu einem Übergriff kommt es nicht, die Szene entpuppt sich letztlich als harmlos. Eine Frau mit berauschenden Mitteln (sexuell) gefügig zu machen, dient hier dennoch als Grundlage für einen Gag.

Auch im Coming-of-Age-Genre kommt es regelmäßig zu vermeintlich harmlosen, sexuellen Übergriffen, die das Publikum zum Schmunzeln bringen sollen. In John Hughes‘ The Breakfast Club (1985) versteckt sich Schulrüpel John Bender (Judd Nelson) unter einem Tisch und nutzt die Gelegenheit, um der ebenfalls zum Nachsitzen verdammten Claire Standish (Molly Ringwald) unter den Rock zu schauen. Ähnliches geschieht in Grease (1978) am Rande des Sportfeldes. Später, während des Schultanzes, wird einer jungen Frau der Rock über die Hüfte gerissen, womit sie vor laufenden Kameras entblößt wird. Den Männern und ihren Übergriffen hafttet in diesen Beispielen eine höchstens dezent amoralische Note an: Sexuelle Belästigung und öffentliche Demütigung werden, auf Kosten von Frauen, als komödiantisches Kavaliersdelikt inszeniert.

„Rape is not a laughing matter“?

Die Gender-Switch-Komödie Tootsie — 1982 der zweiterfolgreichste Film an den US-amerikanischen Kinokassen — ging noch weiter. Der Schauspieler Michael Dorsey (Dustin Hoffman) schlüpft in die Rolle von Dorothy Michaels, legt Kleid, Perücke sowie Make-Up an, wird bereits nach kurzer Zeit zum landesweit erfolgreichen TV-Starlett — und eines Tages zum Ziel eines sexuellen Übergriffs. Schauspieler-Kollege James van Horn (George Gaynes) lässt seinem Bedürfnis nach Intimität mit Dorothy Michaels freien Lauf, küsst sie gegen ihren Willen und reißt ihr beinahe die Kleider vom Leib. Die sich abzeichnende Vergewaltigung wird nur dadurch gestoppt, dass Dorseys Mitbewohner (Bill Murray) die Wohnung betritt. Später erklärt Dorsey ihm gegenüber: „Rape is not a laughing matter“ — doch ist genau das geschehen: Aus einem Übergriff wurde ein Gag gemacht. Gleichwohl der Witz nicht der Übergriff an sich ist, sondern die Tatsache, dass hier irrtümlicherweise ein Mann zum Opfer wird.

Es ließe sich argumentieren, dass es in einem Film, in dem ein Mann die Film- und TV-Branche aus der Perspektive einer Frau erlebt und darin auch als solche wahrgenommen wird, auf makabre Weise nur konsequent sei, wenn er auch Opfer eines sexuellen Übergriffs werde. Die #MeToo-Debatte legte knapp 35 Jahre schließlich später offen, dass derartige Vorfälle in Hollywood alles andere als unüblich waren, es möglicherweise noch immer sind. Und dass wohl auch Dustin Hoffmann nicht unschuldig war. Tootsie ist in dieser Hinsicht als unfreiwilliges Zeitdokument interessant: Hier wird ein sexueller Übergriff marginalisiert, so wie auch zahllose ähnliche und schlimmere Vorfälle im realen Hollywood jahrzehntelang marginalisiert wurden. In Tootsie jedoch geschieht dies nicht durch Machtstrukturen, sondern durch den komödiantischen Kontext.

Comedy ist rücksichtsloser geworden

Im Genre der Komödien ist seit 1982 viel passiert. Sprache und Bilder sind expliziter, die Witze rücksichtsloser, Grenzüberschreitungen zum Normalfall geworden. Dass sexuelle Gewalt als Vehikel für Gags dient, zeichnet sich als unscheinbares, aber omnipräsentes Phänomen ab. Wie in Tootsie sind die Opfer dabei – gemessen an realen Statistiken – überdurchschnittlich oft Männer. Am deutlichsten wird das bei sogenannten Prison Rape Jokes erkennbar, jenen Gags also, die mehr oder minder explizit auf eine Vergewaltigung im Gefängnis anspielen. Die vermeintliche Warnung „Bloß nicht die Seife fallen lassen“ ist nur eine von vielen Verkörperungen des Prison Rape Jokes.

In einem seiner Videos legt Jonathan McIntosh dar, wie ubiquitär solche Witzen innerhalb der US-amerikanischen Popkultur inzwischen sind. Man findet sie in Superhelden-Blockbustern wie Guardians of The Galaxy (2014), in dem Star-Lord (Chris Pratt) in einem intergalaktischen Gefängnis von einem körperlich überlegenen Häftling mit den Worten: „Jetzt seht euch dieses Frischfleisch an. Dich wird‘ ich schön mit Gunavia-Gelee einreiben…“, begrüßt wird — begleitet von einem sichtlich unangenehmen Streicheln über die Wange. Oder in Deadpool 2 (2018), als der titelgebende Anti-Held (Ryan Reynolds) seinem minderjährigen Zellengenossen in Aussicht stellt, dieser werde einen knastinternen Preis „für den weichsten Mund“ gewinnen. In Chuck und Larry — Wie Feuer und Flamme (2007), 21 Jump Street (2012) und auch nicht-komödiantischen Kriminalthrillern wie Inside Man oder Déjà Vu (beide 2006) wird den mutmaßlichen Tätern von der Staatsgewalt im Verhör eine Vergewaltigung im Gefängnis in Aussicht gestellt, sollten sie nicht kooperieren. Drohungen, die stets mit einem süffisant-amüsierten Unterton geäußert werden. 

 

Auch in kindgerechten Medien ist der Prison Rape Joke zu finden

Der Prison Rape Joke, so McIntosh, sei mittlerweile derart gebräuchlich, dass er schon bis in Cartoons (zum Beispiel Family Guy) oder eigentlich als kindgerecht geltende Medien durchgesickert ist. In Paddington 2 (2017) bricht der von Hugh Bonneville verkörperte Mr. Brown als Putzfrau verkleidet in ein Archiv ein. Das ernst gemeinte Kompliment des Bären Paddington, er sehe doch so hübsch aus, erwidert Brown mit: „Das werden sie im Knast auch sagen.“ Und in Der gestiefelte Kater (2011) fragt der eierköpfige Humpty Dumpty: „Hast du eine Ahnung davon, was sie im Kittchen von San Ricardo mit Eiern machen?“, nur um sofort eine Antwort zu liefern: „Schon mal was von Weichkochen gehört?“ - im Original: „It ain’t over easy.“

„One of the reasons these rape jokes pass under the radar is because for straight adult man of able body and mind, the possibility of being sexually assaulted isn’t a real concern in their everyday lives.“ — Jonathan McIntosh

Die höchste Dichte an Prison Rape Jokes findet sich jedoch in Der Knastcoach (2015) von Regisseur Etan Coen (zuletzt Holmes und Watson). Dem Fondsmanger James King (Will Ferrell) droht hierin eine Gefängnisstrafe. Aus Angst vor den dortigen Verhältnissen heuert er den afroamerikanischen Autowäschebetreiber Darnell Lewis (Kevin Hart) an, der ihn auf die Haft vorbereiten soll. Neben körperlichem Training zählen auch Oralsex-Übungen zum Repertoire des „Knastcoaches“. Immer wieder jagt Lewis seinem Trainee Angst ein, indem er ihn offensiv und auf vielerlei Arten darauf hinweist, dass er im Gefängnis wohl vergewaltigt werden wird. Ein Großteil der Gags in Der Knastcoach baut auf dieser Prämisse auf.

 

Homophobie und Rassismus schwingen mit

Meist stellen Witze über sexuelle Belästigung und körperliche Übergriffe jedoch nur eine Beiläufigkeit, eine quasi selbstverständliche, humoristische Randnotiz dar, die ohne die nötige Sensibilität leicht zu überhören und -sehen ist. Ziel dieser Witze sind seltener die Täter als vielmehr die potentiellen oder tatsächlichen Opfer: Heterosexuelle, denen die Demütigung durch einen homosexuellen Übergriff droht, was sich ängstlichen bis panischen Reaktionen äußert — und fertig ist der Gag. Für McIntosh schwingt in diesen Momente deshalb stets eine unterschwellige Homophobie mit. Oft lässt sich auch ein rassistischer Subtext erkennen, wenn erneut das Klischee vom muskulösen Afroamerikaner bedient wird, der sich ein physisch unterlegenes, weißes Opfer sucht.

 

Eine Kultur der Marginalisierung

In der 2015 erschienen Dokumentation The Hunting Ground porträtiert Kirby Dick die erschreckenden Ausmaße der sogenannten Rape Culture an US-amerikanischen Hochschulen, die von dort aus in den Rest der Gesellschaft hineinwächst. Deren Existenz ist mit Sicherheit nicht Filmen wie Der Knastcoach oder Szenen wie jener in Tootsie geschuldet. Ursächlich sind vielmehr die heteronormativen, patriarchalen Strukturen einer Gesellschaft, in der sexuelle Übergriffe weiterhin bagatellisiert werden. In der ein Mann trotz höchst sexistischer Aussagen ins Amt des Präsidenten gewählt wird. In der eine #MeToo-Debatte von Beginn an mit dem Vorwurf der „Hexenjagd“ konterkariert wurde. Und doch lässt sich kaum bestreiten, dass die Marginalisierung, die mit derartigen Witzen einhergeht, die Rape Culture mindestens konserviert, wenn nicht gar befördert.

Humor kann ein scharfes Schwert sein. Er kann als Katalysator für subtile oder offensive Kritik an vorherrschenden Verhältnissen und Missständen dienen. Nicht umsonst galt politisches Kabarett in einem autokratischen Staat wie der DDR als gesellschaftliches Ventil. Doch sollte stets die Frage gestellt werden, wen dieses Schwert trifft — was also das Thema des Witzes und was (oder wer) sein Ziel ist. Die Bilanz bei Humor über sexuelle Gewalt lautet in Hollywood leider: Das Ziel sind viel zu oft die Opfer.

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