Features: Lady und Schlachtross zugleich: Politikerinnen im Dokumentarfilm

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Ein Beitrag von Arabella Wintermayr

Frauen sind auf dem politischen Parkett weiterhin in der Minderheit, entsprechend rar gesät sind filmische Porträts über sie. Wie viele andere Dokumentationen über Politikerinnen, betont der gerade im Kino gestartete „Die Unbeugsamen“, mehr noch als ihr konkretes politisches Wirken, vor allem ihre Rolle als Vorkämpferinnen.

Junge Politikerinnen – Yes She Can / Die Unbeugsamen / Knock Down the House
Junge Politikerinnen – Yes She Can / Die Unbeugsamen / Knock Down the House

Im Jahr 1919, bei der Wahl zur Weimarer Nationalversammlung, waren Frauen in Deutschland erstmals berechtigt, ihre Stimme abzugeben und sich selbst als Kandidatin aufstellen zu lassen. Ihr Anteil an den Gewählten lag damals bei nur knapp unter neun Prozent. Was für einen Zeitraum von vor mehr als 100 Jahren zwar nicht akzeptabel, aber wenigstens nicht überraschend klingt, blieb lange traurige Realität: Zweistellig wurde die Quote weiblicher Parlamentarierinnen erst im Jahr 1983.

Und heute? Wirft man einen Blick auf den Anteil von Frauen im Bundestag innerhalb der verschiedenen Fraktionen, zeichnet sich klar ab, dass Politikerinnen vor allem im linken Parteienspektrum (Grüne: 56,7 Prozent, Linke: 53,6 Prozent) vertreten sind – dass sie aber in anderen politischen Lagern (SPD: 44,1 Prozent, FDP: 23,8 Prozent, Union: 20,7 Prozent, AfD: 10,2 Prozent), also gerade in solchen mit teils wesentlich höherem Sitzanteil, weiterhin stark unterpräsentiert sind. Insgesamt stagniert der Anteil weiblicher Bundestagsabgeordneter bei etwas unter einem Drittel, zuletzt mit rückläufiger Tendenz gegenüber den Wahlperioden seit zu Beginn des Jahrtausends.

Parität ist damit längst noch nicht erreicht – das unterstreicht in seiner aktivistischen Grundhaltung auch Torsten Körners Dokumentarfilm Die Unbeugsamen, der erstmals den Kampf um demokratische Teilhabe von Politikerinnen in Deutschland historisch beleuchtet. Ausgehend von der unmittelbaren Zeit nach der Gründung im Jahr 1949, zeichnet er die Entwicklung weiblicher Repräsentation auf dem politischen Parkett der Bonner Republik bis zur Wende nach. Chronologisch erzählt, ist er in einzelne Kapitel („Frau Ministerin“, „Rebellinnen“, …) unterteilt, die jeweils eine andere Phase im Streit um Gleichstellung umschreiben.
 

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Dabei verankert bereits das erste darin vorgebrachte Zitat die 100-minütige Dokumentation gleichzeitig im Jetzt: Trotz Gehstock eilt die damals gerade 80 gewordene Marie-Elisabeth Lüders, die von 1953 bis 1961 für die FDP im Bundestag saß und dort zeitweise als Alterspräsidentin fungierte, sicheren Schrittes an einer Reporterin vorbei. Als die sie für ein paar kurze Fragen doch noch stoppen kann, antwortet sie auf den Stand der Gleichberechtigung der Frau angesprochen: „Zum Teil ist sie erreicht, zum Teil nicht – und wenn die Leute nicht weiterkämpfen, werden sie das, was sie haben, wieder verlieren.“

Tatsächlich schneidet Deutschland im aktuellen Global-Gender-Gap-Bericht des Weltwirtschaftsforums im Bereich der politischen Teilhabe (miteinbezogen werden die Anteile der Parlamentarierinnen, Ministerinnen sowie die Staatschefinnen in den vergangenen 50 Jahren) im Vergleich zu anderen relevanten Bereichen, wie der wirtschaftlichen Einbindung, dem Zugang zur Bildung und der allgemeinen Lebenserwartung, am schlechtesten ab. Insgesamt rutschte die Bundesrepublik im Gleichstellungsindex auf Rang 11 von 156 untersuchten Ländern, im Jahr 2006 lag sie noch auf dem fünften Platz.
 

Belächelt und brüskiert
 

Gemeinhin als kompromissbereiter geltend, wurden die ersten Parlamentarierinnen von männlichen Kollegen als harmloses, eher befriedendes Element eingestuft und damit gerne als schmückendes Beiwerk belächelt. Die Unbeugsamen interessiert jedoch keinesfalls nur ihre äußere Einschätzung, sondern auch wie sich ihr eigenes Verhalten, ihr Auftreten und Selbstverständnis gewandelt hat.

Durch vielfältiges Archivmaterial illustriert die Doku, dass sich Frauen in politischen Ämtern zunächst auch selbst vor allem in der Vermittlerrolle gesehen haben. Aenne Brauksiepe (CDU) bringt die schwierige Balance zwischen (eigenem) Anspruch an die Frau als „zartes Wesen“ und den Zwang, umso durchsetzungsfähiger zu sein, um als Politikerin ernstgenommen zu werden, auf den Punkt: „Auftreten wie eine Lady und kämpfen wie ein Schlachtross.“ Ein Motto, dem sie in ihrer Laufbahn auch selbst treu zu bleiben versuchte.
 

Die Unheugsamen
Die Unbeugsamen (c) Majestic Filmverleih


Nicht im gleichen Maße ernstgenommen zu werden, ist ein Phänomen, das bis heute anhält, wie die aktuellen Kommentare aktiver Politikerinnen von heute und Streiterinnen von damals nahelegen. Über Parteigrenzen hinweg kommen mehr als ein Dutzend Akteurinnen, unter anderem Renate Schmidt (SPD), Ursula Männle (CSU), Helga Schuchardt (FDP), Rita Süssmuth (CDU) und Christa Nickels (Grüne), zu Wort und vermitteln dabei letztlich das einheitliche Bild, dass Frauen wesentlich größere Anstrengungen zu leisten haben, um in der Politik anzukommen – und, dass sich den nötigen Respekt zu verdienen, eine fortwährende Anstrengung bedeutet. Die Unbeugsamen zeichnet seine Protagonistinnen dabei zuerst als Vorkämpferinnen für Frauenrechte und blickt nur in Ausnahmefällen genauer auf ihr jeweiliges politisches Programm.

Spätestens als sich die Parlamentarierinnen im Laufe der Siebziger vermehrt zusammenschlossen, als aus dem Gegen- verstärkt ein Miteinander wurde, vermengte sich das Belächeln durch männliche Abgeordnete mit unverhohlener Geringschätzung, so der Film weiter. Ein Zitat des CSU-Politikers Michael Horlacher veranschaulicht, wie sehr sich das männliche Ego durch das Eindringen des Weiblichen in eine testosterongeschwängerte Domäne bedroht fühlte: „Als Einzelne wirkt die Frau wie eine Blume im Parlament, aber in der Masse wie Unkraut.“

Besonders die ablehnende Haltung konservativer Volksvertreter gegenüber den weiblichen Mandatsträgerinnen der ab dem Jahr 1983 im Bundestag vertretenen Grünen, die sich intensiver für Frauen- und Minderheitenrechte einsetzten und mit dem gängigen (Selbst-)Bild der leicht zu zähmenden Politikerin endgültig zu brechen schienen, wird anhand zahlreicher Ausschnitte von Bundestagsdebatten, etwa von Christa Nickels, Petra Kelly und Waltraud Schoppe, herausgestellt.
 

Biografien, die Mut machen sollen
 

Was Die Unbeugsamen – trotz deutlichem Verweben mit der Gegenwart – vor allem in Retrospektive aufzeigt, deckt sich mit dem Grundtenor von Dokumentationen, die sich mit weiblichen Politikerinnen im Hier und Jetzt beschäftigen. Filmemacherin Carolin Genreith etwa begleitet in der ARD-Produktion Junge Politikerinnen – Yes She Can vier Vertreterinnen verschiedener Parteien, deren Wirkungskontext und Engagement teils stark voneinander abweicht – von filmischem Interesse ist aber einzig die große Gemeinsamkeit, das Als-Frau-in-der-Politik-aktiv-sein.

Während sich so die Grünen-Politikerin Terry Reintke in Brüssel für ein geeintes Europa und gegen hartnäckige nationalistische Strömungen starkmacht, muss Laura Isabelle Marisken als parteilose Bürgermeisterin auf Usedom gegen Vorbehalte der betagten, konservativen Bevölkerung anregieren. Die Liberale Gyde Jensen wiederum ist nur zwei Wochen nach der Geburt ihres Kindes zurück im Bundestag im Einsatz, weil es für Abgeordnete keine Elternzeitoption gibt. Und Aminata Touré (ebenfalls Grüne) ist kurz nach ihrer Wahl zur Vizepräsidentin des Kieler Landtags – sie ist die jüngste und außerdem erste Schwarze Person in dieser Position – zu sehen.
 

Junge Politikerinnen – Yes She Can
Junge Politikerinnen – Yes She Can (c) WDR, Kimotion Pictures


Obwohl meist mehrere Jahrzehnte zwischen ihrem Engagement und dem der Protagonistinnen aus Torsten Körners Dokumentation liegen, werden die Politikerinnen auch hier zuerst als Vorkämpferrinnen gezeichnet, die sich innerhalb patriarchal geprägter Strukturen immer wieder aufs Neue ihre Position erstreiten müssen. Wie ihre wesentlich älteren Vorgängerinnen berichten sie beispielsweise von unsachlichen Kommentaren zu ihrem Äußeren und unqualifizierten Rückfragen dazu, wie sie eigentlich Familie und Beruf unter einen Hut bekommen.

Aus dieser Sonderstellung resultiert eine weiteres gewichtiges Merkmal, das sich in zahlreichen Dokumentationen über weibliche Politikerinnen feststellen lässt: Der starke Fokus auf die Biografie der Akteurinnen. Mehr noch als die konkreten Ziele ihres Wirkens, ihrer programmatischen Standpunkte und ihre inhaltlichen Auseinandersetzungen – die teilweise nur am Rande angedeutet werden – steht auch hier der persönliche Werdegang als zentraler Erfolg im Fokus.
 

Anti-Establishment als Haltung
 

Im Allgemeinen ist die Grundhaltung von Dokumentationen, die sich mit weiblichen Politikerinnen beschäftigen, meist aktivistisch geprägt. Ihre maßgebliche Absicht ist „Empowerment“ – gemeint ist der Mut, sich hartnäckig gegen das Establishment aufzulehnen. Zumindest im englischsprachigen Raum machte Rachel Lears‘ Knock Down The House (dt.: „Frischer Wind im Kongress“) mit eben jenem Tenor von sich reden. Von 2016 an begleitete die Filmemacherin ebenfalls vier junge Politikerinnen, die ohne die finanzielle Unterstützung von Konzernen und sonstige Lobbygelder für die Kongress-Wahl 2018 kandidierten. Unter ihnen: Eine 28 Jahre alte Kellnerin aus der New Yorker Bronx, die sich mit Joe Crowley gegen einen der mächtigsten Demokraten des Landes stellte.
 

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Für Lears war zwar nicht abzusehen, dass sie mit besagtem Underdog eine wahre Senkrechtstarterin vor der Linse hatte. Doch durch ihren Wahlsieg im Alter von 29 Jahren, mit dem sie zur damals jüngsten Kongress-Abgeordneten in der Geschichte der US-amerikanischen Politik wurde, richtet sich mit Alexandria Ocasio-Cortez in der von Netflix veröffentlichten Dokumentation das Augenmerk erneut auf eine Vorkämpferin. Eine, die von sich selbst als „demokratische Sozialistin“ spricht, das Ende der Einwanderungsbehörde („ICE“) fordert und sich für einen Green New Deal starkmacht.

Auffallend dabei ist, dass selbst Filme über Politikerinnen, die das Establishment vertreten, ihre Protagonistinnen als widerständig, als Symbol für Erneuerung und Reformation zu zeichnen versuchen. Bestes Beispiel dafür ist die von Nanette Burstein inszenierte, vierteilige Dokumentation Hillary. Ursprünglich als Reportage über Hillary Clintons Wahlkampagne gegen Donald Trump im Jahr 2016 geplant, avancierte das Projekt letztlich ebenso zu einer einigermaßen intimen Auseinandersetzung mit ihrer Jugend, ihrem Engagement als Frauenrechtlerin, der Ehe mit Bill Clinton und ihrem persönlichen Umgang mit der Lewinsky-Affäre.
 

Imagefilm-Rhetorik versus ehrliches Porträt
 

Als vehemente Vorkämpferin zeichnet aktuell schließlich auch Sabine Derflinger ihre titelgebende Protagonistin Johanna Dohnal, eine einflussreiche SPÖ-Politikerin, die im Jahr 1990 zur österreichischen Bundesministerin für Frauenangelegenheiten wurde und als „erste Feministin in einer europäischen Regierung“ gilt. Die Dohnal hat dabei aber weniger den Anstrich eines Imagefilms – ein Eindruck, den die erwähnte Hillary-Doku und Knock Down The House bisweilen erwecken – sondern wirkt in erster Linie an einem aufrichtigen Porträt einer streitbaren Ausnahmepersönlichkeit interessiert. Mit einer Mischung aus Archivmaterial, Zeitzeugengesprächen und Interviews mit heute relevanten, feministischen Stimmen, blickt der knapp über 100-minütige Film darüber hinaus genauer auf ihr politisches Wirken – und was davon übrigbleibt.
 

Die Dohnal
Die Dohnal (c) Plan C Filmproduktion


Damit ist auch der Blickwinkel des Filmes ein etwas anderer: Er setzt weniger auf Empowerment, die Darstellung leuchtender Biografien und schillernder Karrieren, als dass er Anklage ist, dass streitbare, unnachgiebige Politikerinnen, die entschieden für Frauenrechte eintreten, die mehr als ein Lippenbekenntnis sind, aktuell fehlen. Diese Position nimmt letztlich auch der eingangs thematisierte Die Unbeugsamen ein. Er endet mit einem Zitat der Familienministerin Käte Strobel (SPD): „Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass wir sie den Männern überlassen können.“

Die Unbeugsamen ist ab dem 26. August in den deutschen Kinos zu sehen.

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Babette · 26.08.2021

Tolles Feature, liest sich gut! Danke Euch.

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