Die Unbeugsamen (2020)

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Brandt, Schmidt, Kohl, Fischer, Schily, Strauß – wir kennen sie, die Männer der Bonner Republik. Aber was ist eigentlich mit den Frauen? Torsten Körners „Die Unbeugsamen“ erzählt von ihnen.

Die Unbeugsamen (2020)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Sexismus im Bundestag

Im Jahr 1983 hält die Grünen-Abgeordnete Waltraud Schoppe im Bundestag eine Rede, in der sie die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe fordert. Eine Frau, die im Bundestag nicht nur über sexualisierte Gewalt redet, sondern das Wort „Sinnlichkeit“ benutzt und Sexismus im Parlament benennt, ist eine Provokation. Das Johlen aus den mit Männern besetzten Bänken, das Feixen, Schenkelklopfen, die selbstgewisse Bestätigung der Männer untereinander, dass diese Frau da vorne eine „Hexe“ ist, die man „früher verbrannt“ hätte, demaskiert und demontiert diese Abgeordneten aus heutiger Sicht. Zugleich aber lassen diese Bilder deutlich erkennen, wie das Klima im Bonner Bundestag noch in den 1980er Jahren war.

Diese Sequenz ist ungemein stark – und eine von vielen beeindruckenden Archivmaterialsequenzen in Torsten Körners Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“, in dem er von den Politikerinnen in der Bundesrepublik Deutschland erzählt. Er vertraut klugerweise auf sein Archivmaterial und Interviews mit Politikerinnen der Bonner Republik, so dass der Film ganz ohne einordnenden Kommentar aus dem Off hochinteressante Geschichten politischer Frauen erzählt.

Macht, so sagt Renate Schmidt im Interview, werde seit jeher als männlich angesehen. Damit verweist sie auf die Folgen einer männerzentrierten Geschichtsschreibung, die stets von den direkt handelnden Akteuren ausgeht, gesellschaftliche Gruppierungen und Dynamiken und damit das Entstehungsfeld von Politik aber ausspart. Diese Tradition zieht sich bis heute durch Geschichte und politische Berichterstattung – daran konnte auch Angela Merkel nur wenig ändern.

Diese Kontinuität wird in Körners Dokumentarfilm sehr sichtbar. Indem er nun aber auf die Politikerinnen im Bundestag blickt, macht er deutlich, dass Politik eben nicht nur ausschließlich von den Herren der ersten Reihe gemacht wird. In den Debatten zum Nato-Doppelbeschluss oder der Wehrmachtsausstellung 1997 haben Politikerinnen wichtige Reden gehalten, die aber weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Als Hildegard Hamm-Brücher bei dem Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt 1982 ganz klar Stellung für Schmidt bezog, markierte das etwa einen Wendepunkt für die Politik und die FDP.

In allen Parteien finden sich bemerkenswerte Frauen: Ursula Männle von der CSU zum Beispiel, die den sechs Frauen von den Grünen nach ihrer Übernahme von Fraktions- und Parteispitze einen Gratulationsbrief schrieb und dafür von ihrer eigenen Partei in die Mangel genommen wurde. Sie gehört zu den großen Entdeckungen dieses Films.

Die klug montierten Bilder, die eingesetzten Kapitelüberschriften auf fast schon abstrakten Bildern aus Bonn gehen eine dynamische Verbindung mit den Archivausschnitten und den Interviews ein, die Körner geführt hat. Sie fanden fast alle an berühmten Orten der Bonner Republik statt. Der Bildausschnitt erfasst nicht nur die Gesprächspartnerin, sondern auch den Raum – und dadurch sind sie mehr als nur talking heads, zusammen mit dem Interviewort erinnern sie an eine vergangene Zeit. Damals wurde sexuelle Belästigung als „Anbaggern“ verstanden. Viele Politikerinnen wussten, was es war, aber sie benannten es nicht. Es war eine andere Zeit. Sieht man diese Kontinuität im Bild, wird auch noch einmal deutlich, wie schwer es ist (und weiterhin sein wird), diese Verhaltensweisen und Wahrnehmungsmuster zu ändern.

Es bleibt zu hoffen, dass Die Unbeugsamen nicht der letzte Beitrag zu den Politikerinnen in der Bundesrepublik bleibt. Es gibt dort noch vieles zu entdecken und zu erzählen. Torsten Körner hat zu diesem Film auch ein Buch veröffentlicht, In der Männerrepublik heißt es. Film und Buch ergänzen einander. Sie vertiefen das Gesehene und Gelesene, sie vertrauen auf die Stärken des jeweiligen Mediums.

Die Unbeugsamen endet mit einer optimistischen Note: Stand am Anfang Herbert von Karajan als Dirigent vor den Berliner Philharmonikern, ist nun Mirga Gražinytė-Tyla zu sehen, die litauische Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra. Es ändert sich etwas, soll das heißen. Und doch müssen wir aufpassen, dass nicht der nächste Backlash, der unweigerlich kommen wird, all die Errungenschaften zunichte macht. Denn eines darf nicht aus dem Blick geraten: Derzeit machen Frauen lediglich rund 30 Prozent im Bundestag aus – so viel wie schon 1998. Fortschritt sieht anders aus.

Die Unbeugsamen (2020)

„Die Unbeugsamen“ erzählt die Geschichte der Frauen in der Bonner Republik, die sich ihre Beteiligung an den demokratischen Entscheidungsprozessen gegen erfolgsbesessene und amtstrunkene Männer wie echte Pionierinnen buchstäblich erkämpfen mussten. Unerschrocken, ehrgeizig und mit unendlicher Geduld verfolgten sie ihren Weg und trotzten Vorurteilen und sexueller Diskriminierung.

 

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