Features: Es gibt keinen Zufall: Über die Montage von "Mein Ende. Dein Anfang."

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Ein Beitrag von Carlotta Kittel

Eine achronologische Erzählstruktur, Perspektivenwechsel, zahlreiche Zeit- und Ortssprünge — die Montage des Liebesfilms “Mein Ende. Dein Anfang.“ arbeitet mit Strategien, die vor allem in Krimis und Thrillern gebräuchlich sind. Welche Wirkung das erzielt, ergründet Carlotta Kittel.

Mein Ende. Dein Anfang. (2019) - Trailer

Vier Filme sind für den Deutschen Filmpreis in der Kategorie Bester Schnitt nominiert. Doch was macht ihre Montage auszeichnungswürdig? Vier Editor*innen aus dem Bundesverband Filmschnitt versuchen, dies in Worte zu fassen und Einblick in Stilistik und die Erzählformen der Filme zu geben. Heute: Carlotta Kittel über „Mein Ende. Dein Anfang.“

Mein Ende. Dein Anfang. ist ein Liebesfilm, der durch seine achronologische Erzählform auffällt. Der Filmeditor Andreas Menn stand vor der Aufgabe, drei Erzählstränge und zahlreiche Zeitsprünge zu einem linearen Ganzen zu formen und den emotionalen Bogen über 111 Minuten hinweg zu gestalten.

In der Montage des Filmes werden traurige Geschichten von Tod, Krankheit und Verzweiflung genauso sensibel modelliert wie glückliche Momente von Verliebtsein, Zusammenhalt und Freude. Dabei steht die Hauptfigur Nora im Zentrum, die im ersten Erzählstrang den tragischen Tod ihres Freundes Aron verarbeitet. Der zweite Strang wirkt erst wie eine Rückblende, entwickelt sich dann jedoch sukzessive zu der rückwärts erzählten Liebesgeschichte des Paares Nora und Aron. Ein weiterer Erzählstrang scheint zunächst nichts mit den anderen zu tun zu haben: Wir sehen Natan, der für das Überleben seiner kranken Tochter kämpft. Dann lernen Natan und Nora sich kennen und es folgen Szenen, die wir doppelt erleben – einmal aus ihrer, einmal aus seiner Perspektive.

Alles hat mit allem zu tun

Interessant ist, wie viele Zeit- und Ortssprünge es in diesem Film gibt: im Durchschnitt alle zweieinhalb Minuten. Selten verweilt die Erzählung länger als eine Szene in einem Strang. Regisseurin und Drehbuchautorin Mariko Minoguchi entschied sich für eine Erzählform, die gerne für Genres wie Thriller oder Kriminalfilme genutzt wird. In Mein Ende. Dein Anfang. sollen den Zuschauer*innen durch die Zeitsprünge jedoch keine Rätsel aufgegeben werden. Vielmehr geht es um die Emotionalität der Figuren und die philosophische Aussage der Geschichte: Es gibt keinen Zufall, alles hat mit allem zu tun. Genau das arbeitet Andreas Menn heraus. Es gelingt ihm, dass die Emotionen bei den Sprüngen nicht abbrechen, sondern sich meist noch verstärken.

Zudem macht die Stärke der Montage aus, dass wir uns als Zuschauer*innen in diesem Hin und Her nie allein gelassen fühlen. Die Orientierung geschieht im Fluss der Handlung fast automatisch. Das hat einerseits viel mit der immer klaren Erzählperspektive zu tun, andererseits mit der bewussten Gestaltung der Szenenanfänge, vor allem zu Beginn des Films. Später traut die Montage uns dann mehr zu, die Erzählstränge werden stärker miteinander verwoben. Gefühlte Anschlüsse stellen sich als Zeitsprünge heraus. Blicke werden über verschiedene Orte hinweg ausgetauscht.

Tempowechsel und Auslassungen

Obwohl die besondere Erzählstruktur des Films im Vordergrund steht, zeichnet sich seine Montage nicht nur dadurch aus. Tempowechsel und Auslassungen erhöhen die Spannung, in Dialogen wird nicht jede Reaktion gezeigt. Dies regt das Denken und Fühlen der Zuschauer*innen an. Ein schönes Beispiel hierfür ist eine Szene im Mittelteil des Filmes. Natan lässt sich in einer Bar überreden, Karaoke zu singen. Nora schaut zu. Wir sehen zunächst drei Einstellungen – Natan, Nora, dann wieder Natan, etwas näher – die gleichwertig um die 20 bis 25 Sekunden dauern. Es folgt eine nahe Einstellung von Nora, die ganze 70 Sekunden steht. Die Szene endet mit zwei kurzen, rhythmischen Bildern.

Warum steht Noras Bild so lange? Es wäre ein leichtes gewesen, häufiger zwischen den beiden Figuren hin und her zu schneiden. Man hätte die Komik der Karaoke-Performance herausarbeiten können, in dem man bestimmte Momente des Songs durch die Montage betont. Natan singt Rio Reisers „Für Immer und Dich“, das Lied schraubt sich dramatisch höher und sein Gesang wird immer schlechter. Doch wir bleiben bei Nora. Menn gibt Raum, sodass sich das unprätentiöse Spiel der Darstellerin Saskia Rosendahl hier ganz entfalten darf. Nora starrt zu Natan, in ihren Augen bilden sich Tränen. Sie schluckt, wischt sich die Tränen weg und lächelt schließlich. Durch die niedrige Schnittfrequenz zu Beginn der Szene und das Aushalten dieses magischen Moments liegt der Fokus hier in der Metaebene. Der Song erinnert Nora an ihren verstorbenen Freund. In ihrem Gesicht sehen wir die Liebe für Aron, die Trauer über seinen Tod und womöglich auch eine beginnende Faszination für Natan. Dieser kathartische Moment symbolisiert Noras Prozess und zeigt ihre Stärke, die im ganzen Film immer wieder aufblitzt – sie macht weiter.

In Szenen wie diesen schafft es Menn, die ambivalenten Gefühlswelten der Figuren subtil zu gestalten. So baut er das komplexe Netz einer ebenso berührenden wie leisen Geschichte und lässt uns erfahren, wie nah Glück und Trauer im Leben oft beieinander liegen.

Dieser Text entstand im Rahmen der BFS Veranstaltungsreihe „ungeSCHNITTen — Gespräche mit Filmeditor*innen“, die aufgrund der Covid-19-Auflagen aktuell nicht stattfinden kann. Die Autor*innen sind Filmeditor*innen und schreiben hier über die Schnitt- und Montagearbeit der vier Filme, die beim Deutschen Filmpreis in der Kategorie Bester Schnitt nominiert sind.

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Carlotta Kittel
Carlotta Kittel studierte Montage an an der Filmuniversität Babelsberg, arbeitet als freie Filmeditorin in Berlin und ist aktives Mitglieder im Bundesverband Filmschnitt.
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