Features: Die Verbindung von Zeit, Raum und Leben: Über die Montage von "Schlingensief"

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Ein Beitrag von Anne Jünemann

Wie gelingt es der Montage von “Schlingensief — In das Schweigen Hineinschreien“, das Leben dieses Ausnahmekünstlers zusammenzufassen? Anne Jünemann klärt auf.

Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien (2020) - Trailer (deutsch)

Vier Filme sind für den Deutschen Filmpreis in der Kategorie Bester Schnitt nominiert. Doch was macht ihre Montage auszeichnungswürdig? Vier Editor*innen aus dem Bundesverband Filmschnitt versuchen, dies in Worte zu fassen und Einblick in Stilistik und die Erzählformen der Filme zu geben. Heute: Anne Jünemann über „Schlingensief — In das Schweigen Hineinschreien“.

Christoph Schlingensief kniet am Boden. Er skizziert seine Lebenslinie, auf beiden Seiten umgeben von einer Fläche, die er als Toleranzgürtel beschreibt. Erfahrungen außerhalb dieses Gürtels entsprächen nicht seinem Naturell, sagt er. „Aus stringentem Leben wird simuliertes Handeln.” Die Zeichnung ist chaotisch, aber Schlingensiefs Erklärungen geben ihr eine Logik.

Damit beginnt Bettina Böhler, die Editorin und Regisseurin, den Dokumentarfilm: Schlingensief – in das Schweigen hineinschreien. Das Künstlerportrait ist so energetisch, humorvoll und politisch, wie es der Filmemacher, Theaterregisseur und Aktionskünstler selbst war. Schon mit acht Jahren hat er die Kamera seines Vaters in die Hand genommen und bis zum Ende seines Lebens sich und die Welt über dieses Medium betrachtet. Er hinterließ ein umfangreiches Archiv. Bettina Böhler, die selbst bereits mit Schlingensief zusammenarbeitete, hat das unermüdliche Sprudeln seiner Gedanken, Projekte und Aktionen zu einem temperamentvollen Film verwoben.

Die Faszination am Film

Schon früh führt sie das Mittel der Überblendung in die Erzählung ein. Sie greift mit dieser Stilistik Schlingensief voraus, der kurz darauf die Anekdote erzählt, wie er zufällig die Doppelbelichtung entdeckte. Dies löste in seinem noch kindlichen Denken eine besondere Faszination für das filmische, visuelle Arbeiten aus. Und er gelang zu der Erkenntnis, dass die Perspektive das Hauptmerkmal des Medium Film ist. Bettina Böhler setzt dies gekonnt und wiederkehrend als stilistisches Mittel ein. Es ist spürbar, dass sie sich immer wieder aufs Neue von Schlingensiefs künstlerischer Ausdruckskraft inspirieren lässt. Dadurch entstehen Momente der Euphorie wie auch des Scheiterns, die wir direkt miterleben. Rhythmisch kontrastiert die Montage seine Erlebnisse und kreiert eine mitreißende Erzählung. Zum Beispiel, als Christoph sich zum wiederholten Male an der Filmhochschule in München bewirbt. Entschlossen reist er nach Venedig, um Wim Wenders als Fürsprecher zu gewinnen. Verschiedene Szenen seiner Filme reihen sich wie in einem freudigen Tanz aneinander und spiegeln seine Begeisterung wider. Doch er wird erneut abgelehnt. Die Musik reißt ab und der Schnitt katapultiert Schlingensief zurück in die Heimat, in die Apotheke des Vaters am Marktplatz. Dieser wünscht sich, sein Sohn möge Pharmazie studieren. Aber Schlingensief erhofft sich eine andere Zukunft, was uns die nächste Szene erzählt: Allein steht er vor der Apotheke im Schnee und spielt auf der Trompete die deutsche Nationalhymne schräg daher. Damit wird gleichzeitig auf eines der Hauptthemen seines Schaffens verwiesen: die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft, seiner Heimat – Deutschland.

Mittels Interviews und Szenen der Selbstinszenierung leiten uns Schlingensiefs Erzählungen durch sein Leben. Er kommentiert seine Prozesse, teilt seine Ideen und Erfahrungen. Das ermöglicht einen Einblick über die reine Betrachtung seiner Kunst hinaus. Der Schnitt arbeitet heraus, dass sich Gedanken und Ideen wie ein roter Faden durch seine Kreationen ziehen. Zwar ist die Erzählung chronologisch, doch verweben sich immer wieder Momente der Kindheit und Anfänge seiner Kunst mit Szenen späterer Werke und umgekehrt. Dabei ist oftmals nicht erkennbar, aus welcher Dekade seines Schaffens die Arbeiten stammen. Dennoch ist die Erzählung so stringent, dass man nicht die Orientierung verliert.

Die Montage verbindet Leben und Arbeit

In einer Theaterinszenierung fragt eine Figur: „Was sind das – moderne Menschen?“ Und dann klingt die Frage wie ein Echo auf den nächsten Bildern wieder: Familienaufnahmen vom kleinen Christoph und seiner Mutter, adrett gekleidet.

So verweben sich seine Kunst und sein privates Leben zu einem dichten Netz. Es stellt sich das Gefühl ein, Schlingensiefs außerordentliches Bestreben unmittelbar zu erfahren. Seine starke Präsenz zieht sich durch den Film und sein umfangreiches Werk lässt die Erzählung atemlos daher kommen. Dann blendet sich das Wort „EXIT“ über ein Bild, es wird still: Schlingensief befindet sich im Krankenhaus, er spricht direkt in die Kamera, versucht kraftvoll optimistisch zu bleiben. Aber es schnürt uns die Kehle zu wenn er sagt, dass er leben will.

Bettina Böhler hat durch ihre entschieden präzise und sensible Arbeit ein Porträt kreiert, das Kunst und Künstler verschmelzen lässt und sein künstlerisches Schaffen als Gesamtwerk erfahrbar macht.

Dieser Text entstand im Rahmen der BFS Veranstaltungsreihe „ungeSCHNITTen — Gespräche mit Filmeditor*innen“, die aufgrund der Covid-19-Auflagen aktuell nicht stattfinden kann. Die Autor*innen sind Filmeditor*innen und schreiben hier über die Schnitt- und Montagearbeit der vier Filme, die beim Deutschen Filmpreis in der Kategorie Bester Schnitt nominiert sind.

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Anne Jünemann
Anne Jünemann studierte Montage an an der Filmuniversität Babelsberg, arbeitet als freie Filmeditorin in Berlin und ist aktives Mitglieder im Bundesverband Filmschnitt.
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