Bergman-Splitter zum 100. Geburtstag oder: Suche nach der Exilzeit in München

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Ein Beitrag von Simon Hauck

Am 14. Juli 2018 hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert: Ingmar Bergman. Der große Sinnsucher des Weltkinos wurde 1976 aufgrund einer Steueraffäre in seiner schwedischen Heimat ins Exil getrieben und landete auf Umwegen in München, wo er am Ende 9 Jahre lang ein Zuhause suchte – und keines fand.

Ingmar Bergman - Portrait
Ingmar Bergman - Portrait

Stockholm, 30. Januar 1976: Ein scheuer Künstler mit internationaler Reputation wird mitten aus der Theaterprobe zu August Strindbergs „Totentanz“ gerissen. Ihm wird der Pass abgenommen, er muss sofort mit aufs Polizeirevier. Eine Szene wie aus Kafkas „Der Prozess“ – und doch wahr. Wie ein Krimineller wird der sichtlich verstummte Regisseur durch das schwedische Nationaltheater in Stockholm und vorbei an gespenstisch dreinsehenden KollegInnen abgeführt. Auf der Wache wird er knallhart verhört: 5 Stunden lang – nahezu ohne Pause.

Der Mann, um den es hier geht, litt nicht nur künstlerisch ein Leben lang äußerst passioniert und wie kaum ein anderer Filmschaffender im 20. Jahrhundert, sondern hatte auch im realen Leben stets seine größeren und kleineren Wehwehchen. War es wieder der Magen oder waren es dieses Mal die Gedärme? Waren es die Nieren oder doch die angeknackste Psyche? Neurologische Befunde mischten sich bei Ingmar Bergman, dem Mann, den man getrost Jahrhundertkünstler nennen darf, häufig mit psychosomatischen Leiden. Im Dramaten wie am Bayerischen Staatsschauspiel wurde für ihn – und seine im Wortsinne „inneren Leiden“ – sogar eine Extratoilette eingebaut. Was auch im Rückblick kaum verwundert: Denn irgendwie musste doch alles immer heraus aus diesem hageren Mann, aus diesem zwar autoritären, aber dennoch ungemein wirkungsmächtigen Genie der Filmkunst, das sich ab 1976 Hals über Kopf in München niederließ: Im selbstauferlegten „Exil“, wie es Bergman eigens in seinen Lebenserinnerungen Laterna Magica festhielt. 

 

Ein Fremder im eigenen Land

Seine „Lebenskatastrophe“ sei das gewesen, kommentierte Ingmar Bergman Ende der 1980er Jahre seine Flucht aus Schweden, die ihn nach kurzen Umwegen über Los Angeles und Paris schließlich in die liberal-barocke bayerische Landeshauptstadt trieb. Die „heimliche Hauptstadt“ wurde München in dieser Zeit nicht nur von Politikern, Sportlern oder Unternehmern genannt, sondern ebenso von zahlreichen Theater- wie Filmschaffenden. Fassbinder war da, Kluge war da, Achternbusch war da, genauso wie beinahe alle Unterzeichner des Oberhausener Manifests. Dazu Enno Patalas als Leiter des Filmmuseums München sowie eine damals noch international aufgestellte Studiolandschaft namens „Bavaria“ in Geiselgasteig, wo in dieser Zeit so unterschiedliche Regisseure wie Billy Wilder, Ted Kotcheff, Dario Argento, Robert van Ackeren, Jerzy Skolimowski oder Giuliano Montaldo drehten.

Dann hörte man es sozusagen im Flurfunk des Residenztheaters: Ja, Ingmar Bergman kommt wirklich. Und nicht nur für eine Inszenierung! Jener asketisch-protestantische Fragensteller, der vorher noch nie einen Film oder eine Inszenierung in einer anderen Sprache als Schwedisch oder gar im Ausland realisiert hatte, möchte sich gerade in München niederlassen. Damit war dem in der Tat nicht gerade unumstrittenen Theaterimpressario Kurt Meisel ein echter Theatercoup gelungen. 

 

München als Fegefeuer 

Doch zwischen dem ebenso autoritären wie charmanten Österreicher Meisel, über den in der Münchner Theaterszene das bissige Bonmot existierte, dass er „im Hauptberuf Schauspieler, im Nebenberuf Intendant“ sei, und dem nicht minder eitlen Bergman, der ausschließlich mit einem festen Mitarbeiterstab um sich herum arbeiten wollte, musste es zwangsläufig krachen: Das war bereits im ersten „Exiljahr“ Bergmans in München greifbar und führte 1981 sogar zu Bergmans fristloser Kündigung. Der Konflikt schaukelte sich zu einem medialen Kreuzfeuer hoch, in dessen Zentrum der berühmte Exilant aus dem Norden von allen Seiten gegrillt wurde: Egal ob CSU-Kultusminister Hans Maier, SZ-Theaterkritiker wie Joachim Kaiser oder C. Bernd Sucher oder eben der saisonweise missmutiger werdende Intendant Kurt Meisel, wirklich jeder drosch von außen und beinahe ohne Pause auf den damals stark suizidgefährdeten Bergman ein, der obendrein Valium-Tabletten nahm und wenige Tage vor seiner Flucht aus Stockholm zehn Tage in einer psychiatrischen Klinik verbracht hatte. Ehrliche Empathie sieht anders aus. 

„Er passte gar nicht dahin! Er hätte lieber nach Hamburg gehen sollen. Hier war er wie ein Exot.“ (Robert Atzorn)

Niemals zuvor – und übrigens auch nie wieder danach – wurden Bergman und seine künstlerische Arbeit dermaßen ausgebuht und von Grund auf gescholten, obwohl gerade die in dieser Umbruchszeit entstandenen Filmprojekte durchaus mehr als nur einen (neuen) Blick wert sind. Wer heute allerdings in manche Theater- wie Filmkritik aus dieser Bergmanschen Periode hineinliest, dem vergeht oft schon nach wenigen Absätzen Hören und Sagen. Ein Beispiel aus der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 03.07.1977: „Das ‚Ereignis’, zu dem das Münchner Publikum mit seinen blinden Ovationen für Regisseur und Ensemble diese Inszenierung von Strindbergs „Traumspiel“ partout machen wollte, ist die erste Arbeit Ingmar Bergmans an einem deutschen Theater dennoch nicht geworden: Die Aufführung ist wenig inspiriert (und kaum inspirierend), rasch verblassen ihre Bilder in der Erinnerung, mäßiger Glanz, sie hat viele Leerstellen, tote, stumpfe Passagen, und viele Augenblicke, in welchen kein Zweifel daran besteht, dass Bergman das Stück verfehlt hat.“ 

 

Dem künstlerischen Nullpunkt entgegen 

Und jetzt wird es für den Bühnenmann Bergman, der mit dem deutschen Regietheater nach 1968 auf Kriegsfuß stand und sich stattdessen für „Werktreue“ aussprach, besonders hart: Für dasselbe Blatt war auch in den folgenden 10 Inszenierungen am Bayerischen Staatsschauspiel „klar, dass er auf der Bühne längst nichts mehr zu sagen hat. Er ist ein Mann der sechziger Jahre.“ Das „deutsche Kritiker-Corps“ arbeite eben „nicht gerade mit Samthandschuhen“ versuchte das Bergman irgendwie abzuwiegeln. Doch wer ihn tatsächlich in diesen Jahren erlebt hatte, wie beispielsweise Margarethe von Trotta, die zusammen mit ihrem damaligen Mann Volker Schlöndorff und durch deren beiderseitige Zusammenarbeit mit Sven Nykvist mehrfach Zugang zur „persona Bergman“ hatte, erinnert sich folgendermaßen: „Das hat ihn schon sehr fertig gemacht! Zuerst war er schließlich von seinen schwedischen Freunden aus der Sozialdemokratie verraten worden und dann bekam er hier in München diese schlimmen Kritiken, von den die meisten ja wirklich verheerend waren.“  

Das Schlangenei; Copyright: Universum Film
Das Schlangenei; Copyright: Universum Film

 

München – Eine Hassliebe 

Es kam es noch bitterer für den lebenslang labil wirkenden Mann mit Cordhose, Flanellhemd und Strickjacke, der groteskerweise zur selben Zeit nicht müde wurde öffentlich zu betonen, dass er die Stadt München und dessen „vitales Kulturklima“ als „unerhört stimulierend“ empfand und sich parallel „eigentlich nur im Kreis seiner Schauspieler wirklich wohl fühlte“ (Rita Russek). Unterstützt durch grandios gescheiterte Filmprojekte wie Das Schlangenei (Produktion: Dino De Laurentiis und Horst Wendlandt mit einem seiner Zeit gigantischen Budget von 9,2 Millionen DM) oder dem minimal finanzierten, jedoch überaus sehenswerten ZDF-Fernsehfilm Aus dem Leben der Marionetten (1980), der bezeichnenderweise in Paris Premiere feierte, nicht in der bayrischen Filmmetropole und schon nach 3 Tagen aus den französischen Kinos verschwand, stellte sich der Kritisierte immer öfter die Frage, ob er nicht langfristig doch wieder nach Schweden zurückkehren sollte. 

Aus dem Leben der Marionetten; Copyright: Arthaus
Aus dem Leben der Marionetten; Copyright: Arthaus

Dort war das Steuerverfahren längst gegen ihn eingestellt worden. Also wieder zurück auf die Insel Fårö? Und gleichzeitig heraus aus dem deutschen Kultursumpf, mitten hinein in diese bizarre Seelen- wie Felsenlandschaft, wo Bergman seit 1967 ein weithin isoliertes Wohnhaus besaß. „Er lebte dort wie ein Asket. Sein Haus lag so weit abseits, war umringt von militärischen Sperrgebiert und man musste mit der Fähre kommen: Das gefiel ihm sehr, nur dort fühlte er sich wirklich wohl“ erinnert sich Margarethe von Trotta, deren Dokumentarfilm Auf der Suche nach Ingmar Bergman zum Bergman-Gedenkreigen 2018 in den deutschen Kinos anläuft. Und das tat er dann auch: Zuerst nur wenige Monate, um 1978 unter anderem Herbstsonate mit Ingrid Bergman in Norwegen zu drehen. Im Anschluss entstand sein facettenreiches, immer noch wenig bekanntes Fårö-Dokument (1979), ehe er sich stetig weniger Zeit für seine Inszenierungen nahm und sich spätestens seit 1981 zunehmend in die szenische Gedankenwelt von Fanny und Alexander hineinträumte, deren Dreharbeiten er schließlich 1982 erfolgreich beenden konnte. Wieder in Schweden und wieder mit (s)einem (überwiegend) festen Bergman-Ensemble. 

 

Was bleibt von Bergman in München?

Was also 1976 „als freudiger Schock“ (Joachim Kaiser) für die Münchner Kulturszene begonnen und sich innerhalb weniger Jahre zur Bergmanschen Totalkatastrophe entwickelt hatte, gelangte wenigstens zum Ende hin in geruhsamere Bahnen. In dieser Dekade, in der es im Grunde keine Sieger gab, sondern letzten Endes nur „Angst, Schande, Demütigung, Zorn und Enttäuschung“ unter allen Beteiligten herrschte, um es in den Worten des Schweden auszudrücken, taumelte Ingmar Bergman innerlich gewaltig: „Was wird aus meiner künstlerischen Identität?“ Auch wenn er nach außen hin oft genug klarstellte: „Und außerdem mag ich München sehr“, fühlte er sich in der Rückschau nie wirklich heimisch an der Isar. 

 

Fast 10 Jahre hatte er letzten Endes in der Titurelstraße 2 in München-Bogenhausen gewohnt, 1986 hatte er schlussendlich am Residenztheater ein letztes Mal inszeniert, bis er sich vollends auf seine Lebensinsel Fårö zurückzog. Bis heute erinnert an diesem spröden Hochhausbau keine Gedenktafel an den berühmten Exilanten, der dort in einem der oberen Stockwerke wohnte. Quasi mit Rita Russek als Nachbarin, die ab 1982 im fünften Stock desselben Hauses einzog und auch noch bis zum Tode Bergmans 2007 sehr regelmäßig mit ihm telefonierte oder auch in Schweden mit ihm zusammenarbeitete. 

Das ist einerseits sehr traurig, andererseits wirklich „skandalös“ (Rita Russek) und erinnert durchaus an die fatale Wurstigkeit vieler hiesiger Stadtvertreter, die sich auch in der Vergangenheit etwa schon mit Rainer Werner Fassbinder, Thomas Mann oder Freddie Mercury extrem schwertaten, denen bis heute in München öffentlich kaum gedacht wird, obwohl sie doch zweifelsfrei das kulturelle Klima der Stadt im letzten Jahrhundert irreversibel bereichert hatten. Das ist eben, so scheint es, ein typisches Münchner Paradoxon – und passt dadurch wie die Faust aufs Auge, erst recht, wenn man in diesen Tagen aufmerksam an Ingmar Bergmans Exilzeit in München zurückdenkt, die insgesamt einer Hassliebe glich: „Ich bin ein pessimistischer Optimist und ein optimistischer Pessimist“, pflegte er hier zu sagen. Besser lässt sich dieses ganze Dilemma gar nicht in Worte fassen.

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