Asta Nielsen - Der erste europäische Filmstar

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Ein Beitrag von Maria Wiesner

Asta Nielsen zeigte, dass Film mehr sein kann als eine Jahrmarktsattraktion und wurde zur größten Mimin ihrer Zeit. Heute vor 137 Jahren wurde die Schauspielerin geboren. Für unsere Jahresreihe über Wiederentdeckungen aus der Filmgeschichte haben wir uns diesen Star einmal näher angesehen.

Asta Nielsen im Berliner Scala, 1934
Asta Nielsen im Berliner Scala, 1934 (5. Akt Kameliendame)

Das größte Lob bekam Asta Nielsen zu Lebzeiten: „Verglichen mit ihr, bin ich ein Nichts“, sagte Greta Garbo, nachdem sie 1925 mit der Dänin in Die freudlose Gasse vor der Kamera gestanden hatte. Und nicht nur die Kollegen lobten sie und eiferten ihrer Technik nach, sie war ein Phänomen ihrer Zeit, jeder kannte sie; Siegfried Kracauer schrieb später, dass „sowohl französische als auch deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg ihre Unterstände mit Photos der Nielsen ausschmückten“. Die junge Frau aus Kopenhagen war der erste europäische Filmstar und der Grund, warum Film von seichter Unterhaltung auf Jahrmärkten plötzlich zum ernsthaften Schauspiel wurde. Doch bis dahin war es für Asta Nielsen ein langer Weg. 

Am 11. September 1881 in Kopenhagen als Tochter einer Waschfrau und eines Lohnarbeiters geboren, wuchs sie in ärmlichen Verhältnissen auf. „Meine frühen Jugendjahre gingen dahin, ohne dass ich mich jung und froh fühlte. Meine einzige Freude war die Hoffnung auf eine Zukunft am Theater“, schrieb sie später in ihren Memoiren. Der Vater war gestorben, als Nielsen elf Jahre alt war. Mit 14 geht sie von der Schule ab, um den Lebensunterhalt ihrer Mutter und Schwester zu sichern. Ihre Leidenschaft will sie jedoch nicht aufgeben. Als Schülerin hatte sie im Chor des Königlichen Theaters das Bühnenleben entdeckt und beschlossen, nur dort glücklich werden zu können. Sie hat zwar für die Ausbildung kein Geld, aber große Willenskraft. Der Autor und Schauspieler Peter Jerndorff erteilt ihr kostenlosen Schauspielunterricht, den sie mit Hilfe eines Stipendiums an der Schauspielschule des Königlichen Theaters ausbauen kann. Sie sieht ihre Zukunft als ernste Tragödien-Mimin, hat damit aber wenig Erfolg.

Als sie für eine Kollegin in einem Lustspiel einspringt, wird sie entdeckt. Doch der Wunsch, in ihrer Kunst ernstgenommen zu werden, bleibt. Wegen fehlender geeigneter Rollen wendet sie sich 1911 vom Theater ab. Eine neue Chance sieht sie im Film. Der steckt zwar noch in den Kinderschuhen und ist weit davon entfernt, „ernsthafte Kunst“ zu sein, doch Asta Nielsen hat ein verlockendes Angebot. Der norwegische Dichter Thomas Krag hat ihr ein Manuskript mit dem Titel „Abgründe“ gewidmet. „Ich kam davon nicht mehr los. Es geisterte durch meine Träume“, schreibt sie später. Nielsen ist entschlossen, den „ersten künstlerischen Spielfilm in drei Akten“ zu schaffen. 

Sie schafft noch mehr. Abgründe wird sie berühmt machen. Sie wirft sich mit ihrer ganzen Leidenschaft, ihrem ganzen Können in die Rolle der Pianistin Magda Vang, die ihren Verlobten für einen Zirkusreiter verlässt, der sie schlecht behandelt, fremdgeht und am Ende vom Magda während eines Streits erstochen wird. Höhepunkt des Films ist eine erotische Tanzszene, in der Magda auf einer Bühne den Zirkusreiter umkreist, betört, mit einem Lasso fesselt und ihn lasziv mit ihren Hüften umrundet. 

Es ist diese Szene, die Geburt der Erotik im Kino, die Nielsen berühmt macht. Berühmt heißt auch: Die Szene war ein Skandal. Nach der Aufführung des Films 1911 im Frankfurter Hohenzollern-Theater schrieb eine Zuschauerin, nach eigenen Angaben „Lehrerin einer hiesigen Töchterschule“, erbost, der Film enthalte widerwärtigerweise einen „höchst indezenten Bauchtanz“. Auf polizeiliche Anordnung wurde der indezente Bauchtanz daraufhin herausgeschnitten. Nielsens Durchbruch aber konnte die Aufregung nicht aufhalten. 

 

Die Duse des Films

Sie hatte inzwischen den Abgründe-Regisseur Urban Gad geheiratet (es war der erste von vier Ehemännern). 1911 ging das Paar mit einem Exklusivvertrag der Deutschen Bioscop GmbH nach Berlin. Im neuen Studio in Babelsberg drehten sie in drei Jahren 24 Filme, immer hart im Kampf mit der Zensur, die beispielsweise die Ehebruchsszenen in Heißes Blut (1911) bemängelten. Doch auch wenn Erotik immer wieder mit ihr in Verbindung gebracht wurde, so war es Nielsens Ernsthaftigkeit und dramatische Leistung, die das Niveau des Spielfilms von einer bloßen Sketchnummer hin zu künstlerischem Schauspiel hoben. Nicht umsonst bekam Nielsen von Kritikern den Beinamen „Duse des Films“, in Anlehnung an Eleonora Duse, jene italienische Schauspielerin, die bis dahin als größte Mimin aller Zeiten galt, weil sie komplett in ihren Rollen aufging. Auch Nielsen wandte eine ähnliche Technik an. Die Übertreibungen der anderen Stummfilmschauspieler waren ihr zuwider. Sie setzte auf zurückhaltende und wenig theatralische Mimik und Gestik, die gerade dadurch besonders ausdrucksstark war. 

Allein wie sie etwa im Stummfilm Im Lebenswirbel (1918) ein Telefonat allein durch Augenaufschlag, -rollen, -zusammenkneifen verständlich macht, ist große Kunst.

(Szene ab Minute 27:00) 

Die bekanntesten Regisseuren der Zeit rissen sich um die Zusammenarbeit: mit Ernst Lubitsch drehte sie Rausch (1919, nach Strindberg), mit Leopold Jessner eine Verfilmung von Wedekinds Erdgeist (1923) und mit Franz Eckstein Ibsens Hedda Gabler (1925). Ihre Rollen waren die tragischen Frauen, nachtschwarz, manisch, verzweifelt, liebend. Zufrieden war sie mit der Qualität ihrer Angebote jedoch nie, liebäugelte immer wieder mit der Rückkehr zum Theater. Ihre Popularität aber wusste sie geschickt zu nutzen, sie machte Werbung und vertrieb sogar eine eigene Zigarettenmarke.  

 

Goebbels Angebot abgelehnt

Rund 70 Stummfilme drehte sie bis 1932, erst der Tonfilm setzte ihrer Karriere ein Ende. Es war nicht das richtige Medium für ihre sprechenden Augen und auch ihr dänischer Akzent mag dazu beigetragen haben, dass aus ihr und der deutschen Produktionsgesellschaft nichts mehr wurde. Zudem fiel diese Revolution des Mediums mit der Machtergreifung der Nazis überein. Propagandaminister Joseph Goebbels persönlich machte Nielsen das Angebot einer eigenen Filmproduktion. Sie lehnte ab. Ihr Sommerhäuschen auf Hiddensee war nach Hitlers Machtergreifung eine Anlaufstelle regimekritischer Künstler. 1937 kehrt Nielsen nach Kopenhagen zurück.

Den Dänen galt sie dennoch aufgrund ihres langen Aufenthalts im deutschen Ausland als Kollaborateurin. Nielsen musste darum kämpfen, die Anerkennung ihrer Landsleute zurückzugewinnen. Zudem warf der Krieg sie auch finanziell zurück. Ihr Berliner Heim fiel den Bombenangriffen zum Opfer, das meiste ihres deutschen Vermögens hatte sie zudem durch die Abreise nach Kopenhagen eingebüßt. In ihrer Heimatstadt lebte sie danach in bescheidenen Verhältnissen und besann sich, wie starke Frauen das so tun, auf ihre anderen Talente.

1946 erschienen ihre zweibändigen Memoiren „Die schweigende Muse“, die von Kritik als literarisches Meisterwerk bezeichnet wurden. Nielsen schrieb Zeitungsartikel, verfasste über 50 Novellen und gab in Rundfunksendungen Lebenshilfe für alte Menschen. Zum Film kehrte sie nur noch einmal zurück: 1968 als Regisseurin und Produzentin den Dokumentarfilm Asta Nielsen, in dem sie über ihre Arbeit berichtete und Ausschnitte aus ihren Filmen zeigte. Am 25. Mai 1972 starb Nielsen. Sie verfügte, in einem weißen Sarg beigesetzt zu werden, dem nur ihr Ehemann Christian Theede folgen sollte, den sie 1970 geheiratet und immer als große Liebe ihres Lebens bezeichnet hatte. Ihr  Vermögen hinterließ sie einer Stiftung, die Reisen für bedürftige alte Menschen finanziert und setzte damit noch am Ende konsequent um, was sie sich von ihrem Schauspiel gewünscht hatte: „Ich wollte als Schauspielerin allen Kranken, Armen und Kummervollen eine Stimme geben.“ 

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