„Wir neigen dazu, uns nur noch anzuschreien.“ - Interview mit Jessica Chastain

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Interviews

Ein Beitrag von Anna Wollner

Sie kam vor ein paar Jahren wie aus dem Nichts und hat Hollywood im Sturm erobert. Take Shelter, The Tree of Life, The Help, Zero Dark Thirty, Das Verschwinden der Eleanor Rigby, Interstellar, Der Marsianer, Die Erfindung der Wahrheit, Molly‘s Game und jetzt Die Frau, die vorausgeht. Jessica Chastain gehört mittlerweile zu den Besten ihrer Zunft.

Filmstill zu Die Frau, die vorausgeht (2017)
Die Frau, die vorausgeht (2017) von Susanna White

Die Rollen, die sie spielt: charakterstarke Frauen. Egal, ob Drama oder Action, Arthouse oder Blockbuster. In Die Frau, die vorausgeht verkörpert sie Catherine Weldon, die in den 1880er Jahren den Lakota-Häuptling Sitting Bull porträtierte. Anna Wollner traf Jessica Chastain im September beim Filmfest in Toronto. Noch vor dem Skandal um Harvey Weinstein und die #metoo-Debatte.

 

Es gab im Film ein paar Änderungen zur historischen Figur. Warum?

Wir wollten keinen Dokumentarfilm machen. Die Frau, die vorausgeht basiert ja nur auf wahren Begebenheiten. Das heißt, wir hatten natürlich künstlerische Freiheiten und haben aus dramaturgischen Gründen Dinge geändert. Im ersten Drehbuchentwurf zum Beispiel wusste Catherine Weldon, wer Sitting Bull war. Es gab einen Dialog darüber, warum sie ihn unbedingt treffen wollte. 

Warum wurde das gestrichen?

Wir wollten uns mehr darauf konzentrieren, wie die beiden sich das erste Mal kennengelernt haben und nicht, warum sie ihn unbedingt treffen wollte. Für mich beginnt die eigentliche Geschichte nämlich erst, als Sitting Bull das erste Mal auf der Leinwand erscheint. Wir müssen uns als Zuschauer also immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass das, was wir da auf der Leinwand sehen, nur eine Interpretation der Ereignisse ist.

Müssen Filmkritiker in diesem Zusammenhang manchmal gnädiger sein?

Definitiv. Vor allem bei einem Film wie diesem. Als klar war, dass ich die Rolle spiele, gab es viele Gegenstimmen. Viele befürchteten, wir würden eine weiße Heilsbringer-Geschichte daraus machen. Aber so einen Begriff zu wählen, bei einem Film, der in den 1880ern spielt, kann nur die Idee eines weißen Mannes sein. Denn 1880 waren Frauen vor allem nur Besitz und hatten keine Rechte. Eine Frau konnte niemanden retten. Wir brauchen definitiv mehr Vielfalt. Auch bei Filmkritikern. 

Die Frau, die vorausgeht; Copyright: Tobis Filmverleih
Die Frau, die vorausgeht; Copyright: Tobis Filmverleih

Machen Sie sich Gedanken darum, wenn so etwas im Internet über Sie kursiert?

Natürlich. Und es wird immer schwieriger damit umzugehen, denn die Leute können nicht mehr abstrahieren. Zwischen mir als Person des öffentlichen Lebens, meinen Rollen und mir als Privatperson. Uns ging es hier darum, ein Porträt von Sitting Bull zu machen. Als Person, nicht als Archetyp. Anstatt dass die Leute sich darauf freuen, einen Film über ihn zu sehen, kritisieren sie ihn, bevor wir auch nur eine Szene gedreht haben. Klar tut so etwas weh. Natürlich ist es wichtig, Dinge zu hinterfragen. Aber doch erst nach der Filmsichtung und nicht schon im Vorfeld. Wir müssen miteinander reden und uns nicht anschreien.

Sie sagen, der Film sei kein Dokumentarfilm. Wie groß ist dennoch Ihre Verantwortung gegenüber der realen Person, die Sie spielen?

Die war sehr groß und ich habe in der Vorbereitung alles gegeben. Ich habe Weldons Briefe gelesen, Bücher über sie – wenn man erstmal anfängt zu suchen, findet man eine Fülle an Informationen. Unser Drehbuchautor Steven Knight legt großen Wert auf intensive Recherche. Er hat alle Informationsbrocken über sie wie ein großes Puzzle zusammengefügt. Und das war gar nicht so einfach. Sie liegt in Brooklyn begraben, ihr Grab ist nicht markiert – und er hat es dennoch gefunden. Sie ist eine Figur, die von den Geschichtsbüchern nicht nur vergessen, sondern gleich ganz ignoriert wurde. Mir ist es wichtig, so viel wie möglich rauszufinden und das als Inspiration für die Geschichte zu benutzen. Wir erzählen eine Geschichte über zwei Menschen, die beide entrechtet waren in einer Zeit, in der ihre Stimmen in dem Land, in dem sie lebten, nicht gehört wurden. Aber gemeinsam haben sie Hoffnung gefunden. 

Die Frau, die vorausgeht; Copyright: Tobis Filmverleih
Die Frau, die vorausgeht; Copyright: Tobis Filmverleih

Sie gehören selbst einer Minderheit in Hollywood an. Sie sind eine Frau. Konnten Sie etwas von Ihren eigenen Erfahrungen mit in die Rolle einbringen?

Catherine ist in unserer Geschichte eine Beobachterin. Das bin ich auch. Wir wollten sie als Zeugin der Geschehnisse. Sitting Bulls Bogen schlägt sich vom abgeschlagenen Kartoffelbauer bis zu dem Krieger und Häuptling, der er war. Er inspiriert sie und hilft ihr, ihren eigenen Frieden mit der Gesellschaft zu machen. Für mich war das eine sehr emotionale Reise. Denn auch ich suche immer Geschichten, die sich mit Randgruppen beschäftigt. 

Sie neigen dazu starke Frauenfiguren zu spielen, die gegen die männerdominierte Welt arbeiten. Haben Sie das Gefühl, dass Sie auch außerhalb der Welt am Set an Macht gewinnen und gehört werden?

Ich bin an dem Punkt angekommen, an dem es mir in erster Linie um Authentizität geht. Ich habe keine Zeit, um mich mit unwichtigen Dingen aufzuhalten. Ich sage, was ich denke. Wem das nicht gefällt, muss sich damit abfinden. Mir geht es nicht darum, jeden Streit zu gewinnen und Recht zu haben. Mir geht es mehr darum, zuzuhören und für alles offen zu sein. Diesen Punkt zu erreichen, hat lange gedauert. Aber mir geht es sehr gut an diesem Ort. Unsere Gesellschaft könnte sehr davon profitieren, wenn sich alle mehr zuhören würden. Wir neigen dazu, uns nur noch anzuschreien. Ein für mich vollkommen falscher Ansatz. 

Ihre Figur Catherine sagt im Film den Satz „Es ist verdammt schwer mutig zu sein“. Würden Sie das so unterschreiben?

Oh ja, sofort. Denn oft ist es einfacher, den Mund zu halten, keine Aufmerksamkeit zu erregen und keine hohen Wellen zu schlagen. Denn natürlich besteht immer die Gefahr, missverstanden zu werden. Vielleicht trauen sich deswegen viele nicht, laut zu werden. Aber ich hoffe, dass wir mittlerweile auf einem guten Weg sind, eine Gesellschaft zu schaffen, in der Leute sprechen dürfen und auch gehört und vor allem verstanden werden. Denn ja, es gehört Mut dazu, Dinge auszusprechen.

Die Frau, die vorausgeht; Copyright: Tobis Filmverleih
Die Frau, die vorausgeht; Copyright: Tobis Filmverleih

Welcher ihrer Filmcharaktere hat Sie am meisten verändert?

Jede Figur, die ich spiele, verändert mich. Genauso wie jedes Museum, das ich mir angucke. Jeder Film ist wie eine Klasse, die ich besuche. Wenn ich mich für einen entscheiden müsste, wäre das wohl am ehesten noch The Tree of Life von Terence Malick. Das war ein monumentaler Moment meines Lebens. Nicht nur für meine Karriere, sondern für mein Verständnis, was es heißt, auf der Welt zu sein. Malick war und ist mein spiritueller Führer. 

Amerika hat sich in den vergangenen Monaten sehr verändert. Wie haben Sie das während der Dreharbeiten wahrgenommen?

Als wir den Film gedreht haben, gab es gerade die Proteste in Standing Rock. Das hat uns alle sehr mitgenommen. Aber wenn wir uns die aktuelle politische Lage angucken, wiederholt sich die Geschichte. Menschen werden gezwungen, etwas zu unterschreiben, was sie nicht wollen. Die Regierung hat ihnen ihr Land weggenommen. Was mich daran schockiert ist, dass es sich eben wiederholt. Wann hören wir endlich damit auf, Dinge und Menschen besitzen zu wollen? Das Land gehört uns nicht. Und noch weniger haben wir das Recht, es zu zerstören.

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