Features: Wie sich BRD und DDR im Dokumentarfilm aneinander abgearbeitet haben

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Ein Beitrag von Kais Harrabi

Die deutsche Teilung hat Jahrzehnte lang auch Dokumentarfilmer beschäftigt. Heute lässt sich aus den Filmen viel über BRD und DDR lernen. Und darüber, warum die Wiedervereinigung so schwierig ist.

"KgU - Kampfgruppe der Unmenschlichkeit" von Joachim Hadaschik
"KgU - Kampfgruppe der Unmenschlichkeit" von Joachim Hadaschik

BRD und DDR haben sich auch im Dokumentarfilm immer wieder aneinander abgearbeitet. Eine Retrospektive beim Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig zeigt die ganze Spannbreite – von klassischer Propaganda, wie die von der DEFA produzierten „KgU – Kampfgruppe der Unmenschlichkeit“ oder „Nach 900 Tagen“ bis zu sperrigen Essayfilmen wie Thomas Harlans „Wundkanal“. Dabei zeigt sich auch: der Blick auf das gegnerische System verrät viel über das eigene.

„Zwei Systeme mussten sich gegenseitig und ihrer Bevölkerung beweisen, dass sie recht haben“, erklärt der Filmkritiker Olaf Möller die Gemengelage in Dominik Graf und Martin Farkas‘ Es werde Stadt. Der Film – eine Auftragsarbeit zum 50. Jubiläum des Grimme-Preises im Jahr 2014 – beleuchtet das untergegangene Fernsehen der Bonner Republik und stellt es dem, des neuen, vereinigten Deutschlands gegenüber. Er ist aber nur bedingt ein nostalgischer Blick auf das Westfernsehen, sondern zeigt auch, dass der Rechtfertigungsdruck eine treibende kreative Kraft war. Der Film war in seiner Langfassung Teil der Retrospektive BRDDR auf dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm DOK Leipzig. Die dort gezeigten Filme illustrieren nicht nur die These von Olaf Möller (der zusammen mit dem Programmchef Ralph Eue auch die Reihe kuratiert hat), sondern zeigen auch ganz subtil, warum sich BRD und DDR nicht so einfach wiedervereinigen haben lassen.

 

Antifaschismus oder Wirtschaftswunder

Da ist zum Beispiel Im Namen des Lebens von Alfons Machalz aus dem Jahr 1979. Machalz zeigt Ostdeutsche Gedenkkultur für die Opfer des Faschismus: Mahnmale, Monumente, viel Beton. Von Schulen über Betriebe bis hin zu den unzähligen Statuen und Skulpturen lässt Machalz keine Gelegenheit aus, um klarzumachen: Antifaschismus ist Staatsräson in der DDR. Einmal sagt der Sprecher bestimmt: „Niemand und nichts wird in diesem Lande vergessen“. Machalz zitiert aus dem Schwur von Buchenwald: „Die Vernichtung des Faschismus ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ 

In Machalz‘ Propagandafilm wird klar: Die DDR beansprucht den Antifaschismus für sich und begreift sich direkt in einer Linie mit den Überlebenden der Konzentrationslager. Der Mann an der Rampe von Walter Heynowski und Gerhard Scheumann zeigt unterdessen die BRD als ein Land, das ungebrochen vom Faschismus fasziniert ist. Als Beispiel dafür dient der Militariahandel: Für gut 3.000 Mark kann man sich in der BRD ganz einfach Nazi-Memorabilia zusammenkaufen und sich so einen „Mann an der Rampe“ zusammenbasteln, also einen, der den Zugverkehr nach Auschwitz organisiert hat. Mit dem Antifaschismus, so die Conclusio, ist es in der BRD also nicht so weit her.

Im Westen feiert man sich unterdessen für den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder. Statt Antifaschismus ist in der jungen BRD „Wohlstand für alle!“ Staatsräson. Der Wahlwerbespot Der Wirtschaftswunderbaum aus dem legendären „Keine Experimente“-Wahlkampf von 1957 zeigt Ludwig Erhard und Adenauers Finanzminister Fritz Schäffer, wie sie im „Deutschen Garten“ ein Bäumchen hegen und pflegen, sodass es prächtige Goldmünzen als Früchte abwirft. Doch ein kleiner Giftzwerg mit rotem Ballon droht das Idyll durch vermeintlich abstruse Forderungen zu zerstören.

 

Wie gut, dass Erhard den Ballon mit seiner Zigarre zum Platzen bringt. Die CDU gewann die Wahl 1957 haushoch und die BRD konsolidierte ihr Selbstverständnis als Land des Wirtschaftswunders.

 

Wolfsburg gegen Stalinstadt

Besonders drastisch zeigt sich der Gegensatz der beiden Deutschlands aber bei der Gegenüberstellung zweier Filme über Schwerindustrie: Nach 900 Tagen von Karl Gass aus der DDR und Franz Schroedters Volkswagen-Erbauungsfilm Aus eigener Kraft. Beide entstanden Anfang der 1950er und zeigten da schon, wie unterschiedlich BRD und DDR ausgerichtet sind. Gass‘ Film feiert die Erbauung des Eisenhüttenkombinats Ost und der dazugehörigen Wohnstadt Stalinstadt (heute Eisenhüttenstadt) als glorreiche Errungenschaften des Volkes, zu Ehren des großen Josef Stalin. Dabei beschwört Gass mit viel Pathos das Wunder des industriellen Aufbaus und stellt klar: Die Arbeiter wollen es so, sie arbeiten füreinander, für den Frieden und für Stalin. Deshalb werde die Planstadt auch Stalinstadt heißen, als Zeichen der Freundschaft mit der Sowjetunion und des Friedens.

 

In Aus eigener Kraft geht es unterdessen wesentlich individualistischer zu. Der Film zeigt die Fertigung des VW-Käfers im Stammwerk in Wolfsburg. Auch hier befehligen Arbeiter schwere Maschinen, Blech wird geformt und Motoren zusammengeschraubt. Bemerkenswert ist aber, dass der Film als Ziel der Arbeit etwas ganz anderes zeigt: Den Zahltag. Wo in Gass‘ Film nach Feierabend einfach weitergearbeitet wird, um beispielsweise eine Freilichtbühne hochzuziehen, geht es für die VW-Arbeiter vor allem darum, sich (und ihren Frauen) schöne Dinge zu kaufen. Ein größeres Haus, ein Motorrad und am Ende vielleicht auch einen Volkswagen. Arbeit wird hier als Vorbedingung vom Konsum gezeigt: durch sie werden einerseits begehrenswerte, langlebige und hochqualitative Konsumgüter hergestellt (der VW), sie ermöglicht es den Arbeitern aber auch, sich selbst solche Produkte zu kaufen. Nach Schichtende schüttelt man sich die Hand und ein jeder geht nach Hause, entweder zu Frau und Kindern oder ins Heim für ledige Männer. Verbrüderung unter den Arbeitern gibt’s hier nicht.

 

Der Blick nach drüben

Die BRD konnte es natürlich nicht lassen zur Selbstvergewisserung auch immer wieder einen Blick ins andere Deutschland zu werfen. Aus dem Alltag in der DDR: Dritter Versuch einer Rekonstruktion nach Berichten und Dialogen ist eine Fernsehdokumentation des NDR von 1971. Sie beginnt mit einer Taxifahrt, auf der der Taxifahrer in bestem Hamburger Dialekt behauptet, es sei doch nicht alles so schlecht drüben und man solle doch da mal darüber berichten. Die Arbeiter dort hätten es schließlich viel besser, der Druck sei nicht so groß. Ausgehend davon zeigt der Film drei Episoden aus dem vermeintlichen DDR-Alltag: Eine kleine Familie, die Ärger zu kriegen droht, weil der Sohn mit Rolling-Stones-Bildchen auf dem Schulhof dealt; Leiter Seidel, der eine geplante Reise absagen muss, weil eine Parteifeierlichkeit ins Haus steht und eine Chemikerin, die unbedingt in einen Verein eintreten muss, damit ihre Abteilung sich „Kollektiv sozialistischer Arbeit“ nennen darf. Ein Moderator (Rüdiger Humpert) greift immer wieder erläuternd ins Geschehen ein. 

Aus dem Alltag in der DDR ist kein Frontalpropaganda-Film, der von unmenschlichen Zuständen berichtet. Er betont, dass die beiden Deutschlands durchaus auch viel gemeinsam haben. Allerdings zeigt der Film auch, wie Menschen im Alltag auf Linie gebracht werden: Individualität gibt es zwar, suggeriert der Film, aber jeder muss sich der Partei unterordnen. Wer nicht mitmacht, dem wird so lange ein schlechtes Gewissen eingeredet, bis er oder sie einknickt und doch mitmacht. 

In der DDR gaben sich die Filmemacher da weniger subtil. KgU – Kampfgruppe der Unmenschlichkeit ist Propaganda in Reinform. Erzählt wird, wie Westdeutsche Saboteure Anschläge auf Betriebe und Infrastruktur in der DDR verüben und dabei den Tod von Unschuldigen, Frauen und Kindern in Kauf nehmen. 

 

In gewisser Weise bestätigt KgU genau das, was Aus dem Alltag in der DDR bereits aus westdeutscher Perspektive gezeigt hat: Der Staat in der DDR weiß um die Macht des schlechten Gewissens und lässt nichts unversucht, seine Bürger damit auf Linie zu bringen. So zeigt KgU dann auch Saboteure, die sich kurz vor der entscheidenden Tat doch noch ein Herz fassen und sich selbst bei der Volkspolizei anzeigen. Die Botschaft ist eindeutig: Im Westen hausen Unmenschen, die die friedliebende DDR mit barbarischen Gewaltakten zu zerstören suchen.

 

Das Ende der DDR

Über den Dokumentarfilm lassen sich aber nicht nur die ideologischen Differenzen erfahren, sondern vor allem auch, wie sie sich im Leben niedergeschlagen haben. Zum Beispiel in Imbiß Spezial von Thomas Heise. Er beobachtet die Angestellten eines Schnellrestaurants. Die DDR geht auf ihr Ende zu, man überlegt, ob man auch rübermachen soll. Es herrscht Mangelwirtschaft. Darüber legt Heise die Tonspur des DDR Radios, das von bevorstehenden Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag kündet. Das Massenmedium könnte nicht weiter vom Volk entfernt sein. Als der Film fertig war, stand die Mauer schon nicht mehr. Der Film verweist dadurch aber auch auf blinde Flecken, die der Propaganda- und Dokumentarfilm zwangsläufig hat. Was zu sehen ist, muss nicht unbedingt die ganze Wahrheit sein.

Was sich bei dieser filmischen Gegenüberstellung, wie sie das DOK Leipzig gewagt hat, feststellen lässt, ist aber, dass der Dokumentarfilm sowohl BRD als auch DDR zur Selbstvergewisserung gedient hat. Unter den verschiedenen Schichten an Propaganda und Ideologie kommen aber auch feine Unterschiede zwischen BRD und DDR hervor. Die Sinnstiftung im Alltag lief in der Bundesrepublik ganz anders ab, als in der DDR. Der Gegensatz von Kollektivismus und Individualität, der in den Filmen durchscheint, taugt am Ende vielleicht sogar als Erklärung, warum eine Wiedervereinigung nicht nur ökonomisch, sondern auch mental schwieriger ist, als gedacht.

 

Filmliste zur Retrospektive: https://www.dok-leipzig.de/de/festival/sonderreihen/retrospektive/retrospektive-filme

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