Features: Luxusleid & schmutzige Tänze: Westliche Verführungen zu DDR-Zeiten

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Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Kaviar und Champagner statt Spreewaldgurken und Eierlikör, lodernde Liebe im US-Ferienresort statt Sommerferien an der Ostsee: Einige TV- und Kino-Hits der westlichen Welt erfreuten sich auch in der DDR großer Beliebtheit. Im Rahmen unserer Reihe „Kino Ost-West“ blicken wir auf die funkelndsten Straßenfeger von damals.

Denver-Clan/Dirty Dancing/Dallas
„Der Denver-Clan“, „Dirty Dancing“ und „Dallas“

Bereits Mitte der 1960er Jahre fand das DDR-Fernsehen durch Befragungen heraus, dass etwa 85 Prozent der Landsleute über Westempfang verfügten – woran auch das Verkaufsverbot dafür geeigneter Antennen nichts zu ändern vermochte. Es war in der DDR zu keinem Zeitpunkt offiziell verboten, westliche Fernsehsendungen zu gucken; allerdings sahen der Staat und alle, die mit ihm konform gingen, die Nutzung westlicher „Hetzsender“ stets als äußerst verdächtig an, wie Ralf Husemann in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung schreibt. So bezeichnete etwa der spätere PDS- und Linken-Vorsitzende Lothar Bisky, der in Leipzig zum Thema Massenkommunikation promoviert hatte und zwischen 1980 und 1986 an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED dozierte, die Westmedien 1981 in einer Publikation als „die geheimen Verführer“.

Eine besonders dekadente Verführung war in diesem Sinne gewiss die US-Primetime-Soap Dallas (1978-1991). Das Erste strahlte die CBS-Produktion am 30.06.1981 um 21.45 Uhr erstmals aus – und zeigte fortan im Verlauf von mehr als zehn Jahren (mit einigen wenigen Auslassungen und durch das Sendeschema bedingten Kürzungen) rund 350 Folgen, die sich über 14 Staffeln erstreckten. Schauplatz der Seifenoper war die texanische Southfork-Ranch; im Zentrum stand der Zwist zwischen den ungleichen Brüdern Bobby (Patrick Duffy) und J.R. Ewing (Larry Hagman), Sprösslinge des Ewing-Oil-Mitgründers und -Alleineigentümers Jock (Jim Davis) und dessen zweiter Gattin Miss Ellie (Barbara Bel Geddes). Die Serie schilderte Machtkämpfe, Erpressungen und Mord, Habgier, Hass und Ehebruch; nicht selten tauchten unverhofft uneheliche Kinder auf. Zum unangefochtenen Star avancierte der skrupellose Fiesling J.R., der zumeist breit und fies unter seinem Stetson-Hut hervorgrinste. Dass diese Figur, die den knallharten Kapitalismus wie keine zweite verkörperte, von einem gebürtigen Leipziger (Wolfgang Pampel) synchronisiert wurde, der ein Gastspiel in Wiesbaden im Jahre 1974 genutzt hatte, um aus der DDR zu fliehen, gehört zu den Skurrilitäten in der seltsamen Liebesgeschichte zwischen der zunehmend abgedrehten US-Soap und dem Publikum im sozialistischen Staat.

 

Reich und ganz schön unmoralisch

Die Popularität von Dallas in der DDR lässt sich zum einen sicher mit den Methoden erklären, die der Serie auch in den USA oder in Westdeutschland hohe Einschaltquoten bescherten. So sorgten Cliffhanger dafür, dass man immer wieder weiterschauen musste: Wer hat denn bloß auf J.R. geschossen? Wessen Leiche treibt da wohl im Pool der Southfork-Ranch? Hinzu kamen aberwitzige Wendungen des Plots, etwa die berühmt-berüchtigte „Wiederauferstehung“ von Bobby unter der Dusche, nachdem dieser eigentlich bei einem Autounfall gestorben war – was rückwirkend zu einem Albtraum erklärt wurde. Zum anderen war ein ausgebuffter Kapitalist wie der Ölbaron J.R. für die DDR-Zuschauer_innen womöglich ein noch größeres Faszinosum und Kuriosum als für das westliche Publikum. Für Teile des DDR-Publikums mag all die Niedertracht etwas Bestätigendes gehabt haben: Die exorbitant reichen Figuren mussten unentwegt gegeneinander oder mit sich selbst kämpfen, gegen Bedrohungen von außen oder von innen. Die Ideologie des eigenen Staates schien sich somit in diesen Figuren zu bewahrheiten; der böse Kapitalismus schien die Moral zu zersetzen. Für andere mögen die Bilder der Dekadenz wiederum mit Schaulust verbunden gewesen sein: Wie lebte diese US-amerikanische Sippe? Und was vermochte sie sich alles zu leisten?

Linda Gray und Larry Hagman in „Dallas“; Copyright: Warner Home Video
Linda Gray und Larry Hagman in „Dallas“; Copyright: Warner Home Video

 

Und dann kam Der Denver-Clan (1981-1989). Nachdem das ZDF den CBS-Hit Dallas abgelehnt hatte, sicherte es sich rasch das ABC-Konkurrenzprodukt und begann am 24.04.1983 um 21.00 Uhr mit der Ausstrahlung der 218 Episoden in insgesamt neun Staffeln. Somit war fortan in zahlreichen westdeutschen und etlichen DDR-Haushalten dienstagabends Dallas- und mittwochabends Denver-Clan-Zeit. Auch hier stand eine Öl-Dynastie im Mittelpunkt, diesmal in Colorado. Und alles war entschieden pompöser: Das 48-Zimmer-Anwesen der Familie Carrington war größer und eleganter ausgestattet als die ländliche Southfork-Ranch, die Fönfrisuren waren voluminöser, das Make-up wirkte üppiger, die Schulterpolster waren breiter und die von Stardesigner Nolan Miller entworfenen Kleider hatten mehr Glamour als der Jeans- und Cowboyhut-Look der Texaner_innen. Das Budget pro Folge lag bei rund 1,2 Millionen US-Dollar, während für eine Dallas-Episode lediglich 700.000 US-Dollar zur Verfügung standen.

 

Catfights und Katastrophen

Zudem nahmen sich die Intrigen noch knalliger aus, was vor allem der biestigen Alexis Morell Carrington Colby Dexter Rowan (Joan Collins) zu verdanken war. Schon die stattliche Ansammlung ihrer Nachnamen lässt erkennen, dass sich Alexis sehr oft vermählen und wieder scheiden ließ. Mit der einstigen Sekretärin Krystle (Linda Evans) – der neuen Gattin ihres extrem wohlhabenden Ex-Mannes Blake Carrington (John Forsythe) – lieferte sie sich häufig wüst-wilde Streitereien, die auch mal zu Handgreiflichkeiten im Atelier oder im Seerosenteich führen konnten. Obendrein wartete die Serie unter anderem mit Totschlag, einem ereignisreichen Gerichtsprozess, einem herbeigeführten Reitunfall, der Rückkehr eines verschollenen Sohnes, diversen Affären, einem Attentat moldawischer Terroristen auf einer royalen Hochzeit, einer Entführung, einer dubiosen Doppelgängerin, einem Tunnel-Drama und einem doppelten (und zur Hälfte tödlichen) Balkonsturz auf. Plausibilität spielte beim Denver-Clan eine noch geringere Rolle als bei Dallas; alles war noch absurder und gemeiner.

Der SPIEGEL mutmaßte seinerzeit, dass für das deutsche Publikum „die kleinkrämerischen Southfork-Simpel eher als Identifikationsfiguren“ taugten, da es sich „in Miss Ellies miefiger Wohnküche“ letztlich doch behaglicher fühlen könnte als in der riesigen Carrington-Villa. Der hochglänzende Wahnsinn von Denver-Clan verfügte in seiner überzogenen Darstellung der US-High-Society aber über einen noch größeren Ausgefallenheitsbonus: Die Outfits, die Interieurs und Exterieurs gaben einen spannungsvollen Einblick in eine völlig unbekannte (und völlig verrückte) Lebensweise.

Joan Collins, John Forsythe und Linda Evans in „Der Denver-Clan“; Copyright: Paramount Home Entertainment
Joan Collins, John Forsythe und Linda Evans in „Der Denver-Clan“; Copyright: Paramount Home Entertainment

 

Um TV-Produktionen aus der westlichen Welt sehen zu können, musste das DDR-Publikum allerdings nicht immer ins Westfernsehen zappen. So strahlte das DDR-Fernsehen zuweilen auch Serien aus, die außerhalb der DDR entstanden waren, etwa die britische Krimiserie Das Gesetz des Schweigens (zwischen 1966 und 1968 gedreht, 1971 erstmals in der DDR ausgestrahlt), die westdeutsche Mini-Serie Die Gentlemen bitten zur Kasse mit Horst Tappert (1966 gedreht, 1974 erstmals in der DDR ausgestrahlt) oder den italienisch-britisch-US-amerikanischen Mehrteiler Die letzten Tage von Pompeji mit Franco Nero, Olivia Hussey und Laurence Olivier (1984 gedreht, 1985 erstmals in der DDR ausgestrahlt); hier findet sich eine ausführliche Liste.

 

Ost-West-Gegenstücke

Und natürlich gab es auch DDR-Serien, die mit Begeisterung selbst von Zuschauer_innen geguckt wurden, die sonst lieber Westfernsehen einschalteten – zum Beispiel die aufwendige Produktion Zur See, deren neun Folgen das DDR-Fernsehen ab Januar 1977 jeweils freitags zur besten Sendezeit zeigte. Ähnlich wie viele Westprogramme dockte Zur See geschickt an die Sehnsucht der DDR-Bürger_innen nach fernen Ländern an: Die Serie erzählte teils wahre Geschichten von Seefahrern an Bord der MS J. G. Fichte, einem Fracht- und Ausbildungsschiff der Deutschen Seereederei (DSR), das von Rostock nach Kuba und wieder zurück fuhr. Sie soll dem Westberliner Fernsehproduzenten Wolfgang Rademann vier Jahre später als Inspiration für Das Traumschiff im ZDF gedient haben. Der 1971 im DDR-Fernsehen gestartete Polizeiruf 110 war wiederum nicht weniger ein Straßenfeger als dessen 1970 angelaufenes westdeutsches Pendant Tatort – und sollte sogar die Wende überdauern.

Horst Drinda und Günter Naumann in „Zur See“; Copyright: Icestorm Entertainment / Deutscher Fernsehfunk (DFF)
Horst Drinda und Günter Naumann in „Zur See“; Copyright: Icestorm Entertainment / Deutscher Fernsehfunk (DFF)

 

Und im Filmbereich? Auch hier gab es einiges aus dem nicht-sozialistischen Ausland, was in den DDR-Kinos oder im DDR-Fernsehen präsentiert wurde und als Straßenfeger fungieren konnte (hier gibt es eine Liste). Neben Sergio Leones Gangster-Epos Es war einmal in Amerika mit Robert De Niro (1984; DDR-Premiere: 1986) oder der Chaos-Komödie Beverly Hills Cop mit Eddie Murphy (1984; DDR-Premiere: 1987) gehörte etwa Otto – Der Film (1985) dazu, der in der DDR bis Jahresende von rund 5,7 Millionen Kinogänger_innen besucht wurde (in Westdeutschland waren es 8,8 Millionen).

 

Subversive Gaunereien

Die dänische Krimikomödien-Reihe um die dreiköpfige Olsenbande, die 1968 ihren Anfang nahm, war in der DDR sogar noch wesentlich erfolgreicher als in Westdeutschland, wo sie unter dem Titel Die Panzerknackerbande lief. Dies lag vermutlich zum einen an der Übersetzung der Dialoge und der Synchronisation, die dem DEFA-Studio für Synchronisation besser gelang als den Verantwortlichen im Westen. Zum anderen sollen die Tricks der Kleinganoven in der DDR auf große Sympathie gestoßen sein:

„Mit einem ferngesteuerten Spielzeugauto die Alarmanlagen überlisten, Wachmänner mit Pornoheften ablenken, mit dem Stethoskop einen Franz-Jäger-Tresor knacken … Das Muster all dieser improvisierten Tricks deckte sich mit Erfahrungen, die das DDR-Publikum aus seinem Alltag kannte: Mit wenig Aufwand und vorhandenem Material die Widrigkeiten überlisten, dabei viel Geschick und Einfallsreichtum beweisen und auch noch Spaß an der Sache haben. So mancher Eigenheimbauer oder Trabbi-Bastler erkannte sich wieder in Egon, Benny und Kjeld.“ (mdr.de)

Poul Bundgaard, Morten Grunwald und Ove Sprogøe in Die Olsenbande; Copyright: Icestorm Entertainment / MDR/Degeto
Poul Bundgaard, Morten Grunwald und Ove Sprogøe in Die Olsenbande; Copyright: Icestorm Entertainment / MDR/Degeto

 

Schlangen vor den Kinokassen verursachte ferner die US-Romanze Dirty Dancing (1987) von Emile Ardolino, die am 30.06.1989 anlief und in der DDR mehr als drei Millionen Leute angezogen haben soll. Auch die gleichnamige TV-Serie, die es zwischen 1988 und 1989 lediglich auf eine Staffel mit elf Episoden brachte und in der keines der Gesichter aus dem Film auftauchte, wurde im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. Die Geschichte der 17-jährigen Frances „Baby“ Houseman (Jennifer Grey), die im Sommer des Jahres 1963 in einem Ferienresort den jungen Tanzlehrer Johnny Castle (Patrick Swayze) kennen- und lieben lernt, war mit ihren Schmacht-Liedern wie „She’s Like the Wind“ deutlich sinnlicher als das Adoleszenzkino der DDR (wie zum Beispiel die 1968 realisierte DEFA-Produktion Heißer Sommer mit den Schlagerstars Chris Doerk und Frank Schöbel) – was auch dazu führte, dass unter Jugendlichen die Nachfrage nach Tanzkursen mit Unterweisung in Mambo, Boogie und Rock’n’Roll aufkam. Gewiss war der Film naiv und formelhaft, er verströmte jedoch auch – wie die Edel-Soaps Dallas und Denver-Clan, aber auf ein jüngeres Publikum zielend – eine faszinierende Verruchtheit.

Patrick Swayze und Jennifer Grey in Dirty Dancing; Copyright: Concorde Home Entertainment
Patrick Swayze und Jennifer Grey in Dirty Dancing; Copyright: Concorde Home Entertainment

 

Mehr zum Thema findet sich etwa in den Publikationen Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser: Die DDR und die Westmedien (Wallstein-Verlag) von Franziska Kuschel und Denver Clan und Neues Deutschland: Mediennutzung in der DDR von Michael Meyen (Ch. Links Verlag).

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Die Söhne der großen Bärin - Bild
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