Die Filmpionierin, die niemand kennt

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Ein Beitrag von Maria Wiesner

Alice Guy-Blaché hat den ersten Film gedreht, der eine Geschichte erzählt. Sie erzählte mit Witz, prangerte gesellschaftliche Missstände an und lotete die Grenzen der Techniken des Filmemachens neu aus. Warum kennt dennoch kaum mehr einer ihren Namen?

Alice Guy-Blaché - Portrait
Alice Guy-Blaché - Portrait

Ohne Alice Guy-Blaché würde es heute vielleicht gar keine Spielfilme geben. Ja, die ersten Filmaufnahmen waren von den Brüdern Lumière. Doch was sie zeigten, war dokumentarisch und – wenn man ehrlich ist – ziemlich langweilig: Aufnahmen, wie Arbeiter die Lumière-Fabrik verlassen in "La Sortie de l'Usine Lumière à Lyon" oder einen einfahrenden Zug in "L'Arrivée d'un train en gare de La Ciotat".

Zu letzterem gibt es zwar die Legende, dass die Zuschauer diese Aufnahme damals gar nicht langweilig fanden und in Angst und Schrecken aus dem Saal liefen, weil sie die einfahrende Lok für real hielten. Doch das zeigt nur, wie viel Eindruck das neue Medium auf ein Publikum machte, das Camera-Obscura-Vorführungen mit stillstehenden Bildern gewohnt war. Wären Filme jedoch, wie bei den Lumière-Brüdern, weiterhin nur zur Dokumentation verwendet worden, ist es fragwürdig, dass das Interesse des Publikums sich über eine längere Zeitspanne hätte halten lassen. Es ist daher einer der dankbaren Zufälle der Filmgeschichte, dass an der ersten Vorführung der Lumières, am 22. März 1895 in Paris, eine junge Frau im Team des Kamera-Herstellers Gaumont teilnahm. Ihr Name war Alice Guy und sie war fasziniert von dem neuen Medium.  Sie fragte ihren Chef, Léon Gaumont, ob sie die neue Technik für einen eigenen Film nutzen könnte. 

Gaumont hatte die junge Frau ein Jahr zuvor als Sekretärin eingestellt. Da sie sich jedoch schnell auch in das Marketing des Unternehmens einarbeitete und sich für die Technik der Kameras interessierte, vertraute er ihrem Instinkt. Der schlug nicht fehl, denn Alice Guy hatte erkannt, welches Potential in der neuen Technik steckte. Ihr erster Film, und damit der erste je gedrehte Film mit fiktionaler Handlung, entstand 1896: Die Kohl-Fee (La Fee aux Choux).

 

Eine Frau zaubert darin unter eleganten schwingenden Bewegungen aus Kohlköpfen Babys hervor. Der Film ist etwa 30 Sekunden kürzer als Lumières einfahrender Zug, doch im Gegensatz dazu bleibt die Fee als „Film“ im Gedächtnis. Alice Guy erzählt hier eine Geschichte. Diese Idee und der Mut, mit ihrer Umsetzung etwas anderes zu wagen als ihre männlichen Kollegen, machen diese Frau zur Pionierin der Filmgeschichte. Gaumont ernannte Alice Guy noch im selben Jahr zur Leiter der Produktion, sie behielt diesen Posten bis 1906 und entwickelte so als erste Regisseurin das narrative Filmemachen. 

Guy probierte sich an verschiedenen Stoffen: sie drehte Tanzfilme (Danse serpentine, 1900), erzählte biblische Epen (The Life of Christ, 1906) und humorvolle Komödien (La matelas épileptique, 1906). Besonders ihr Humor ist bis heute unverkennbar, wenn man sich die erhaltenen Aufnahmen ihrer Kurzfilme ansieht. In Les résultats du féminisme (1906) etwa nimmt sie die Feminismus-Kritiker aufs Korn.

 

Der Kurzfilm zeigt eine Welt, in der die Rollen getauscht sind: Die Männer sitzen zuhause, bügeln die Wäsche und schmücken Hüte, die Frauen rauchen, legen die Füße hoch und verführen, auf wen sie gerade Lust haben. Der Film treibt die damals verbreiteten Karikaturen über Suffragetten und Feministinnen auf die Spitze und hält damit der patriarchalen Gesellschaft den Spiegel vor. Am deutlichsten wird das in einer Szene, in der ein Mann mit Köfferchen von einer Frau auf einer Parkbank angemacht wird. Er ziert sich, dreht sich zur Seite, sie geht darüber einfach hinweg. Erst als eine andere Frau ihm zu Hilfe eilt, lässt sie von ihm ab. Unter dem Mantel der Komödie zeigt Guy hier ihre Kritik an einer Gesellschaft, die zwar seit der Französischen Revolution von Freiheit und Gleichheit redete, diese jedoch ausschließlich für die Männer forderte und den Frauen noch lange keine gleichen Rechte einräumte (bis 1945 mussten Französinnen übrigens darauf warten, bei Wahlen als mündige Bürgerinnen ihre Stimme abgeben zu dürfen). 

 

Zuhause bleiben wollte sie nicht

Dass Alice Guy nicht nur Regie führen, Drehbücher schreiben und über die Besetzung ihrer Filme bestimmen konnte, lag an ihrer herausgehobenen Stellung bei Gaumont – und an ihrem Familienstand. Als sie 1907 Herbert Blaché heiratete – sie war damals 34 Jahre alt, er fast ein Jahrzehnt jünger – musste sie ihren Leitungsposten bei Gaumont aufgeben. Ihren Mann hatte sie während ihrer Arbeit kennengelernt, auch er arbeitete beim Kamerahersteller, damals aber unter ihrer Führung. Nach der Hochzeit war sie ihren Posten also los und er wurde von Gaumont zum Produktionsmanager für die Vereinigten Staaten befördert. 

Alice trug nach der Heirat den Doppelnamen Guy-Blaché, ein erstes Zeichen darauf, dass sie nicht vorhatte, sich völlig in den Schatten ihres Mannes zu stellen. Nach dem Umzug in die Vereinigten Staaten brachte sie zwei Kinder zur Welt. Doch zuhause zu sitzen und sich auf die Rolle der Mutter zu konzentrieren lag ihr nicht. Bereits nach der ersten Geburt widmete sie sich dem Aufbau eines eigenen Filmstudios. 1910 gründete sie mit ihrem Mann die „Solax Company“. Zunächst produzierten sie Filme in Queens in New York City, waren damit jedoch innerhalb von zwei Jahren so erfolgreich, dass sie in Fort Lee, New Jersey, ein noch größeres Studio bauen ließen. New Jersey war Amerikas Hollywood, als Hollywood noch ein unbedeutender Stadtteil von Los Angeles war – erst ein Patentstreit mit Thomas Edison sollte um 1912 dafür sorgen, dass viele Filmemacher in den Westen auswanderten, wo Edisons Patentrechte nicht durchgesetzt werden konnten. 

Guy-Blaché konzentrierte sich bei Solax auf die Arbeit als künstlerische Leiterin und Regisseurin und überließ ihrem Mann den Titel des Produktionsmanagers. Sie machte dort weiter, wo sie in Frankreich aufgehört hatte: Sie lotete die Grenzen des Filmemachens aus. Schon bei Gaumont hatte sie mit Spezialeffekten wie doppelter Belichtung und Close-up-Aufnahmen sowie mit Tonaufnahmen während des Filmens experimentiert (zwischen 1902 und 1906 produzierte sie über 100 „Ton-Filme“ für Gaumont). Besonders die Technik der Tonaufnahmen baute sie weiter aus. Zudem ermutigte sie ihre Schauspieler dazu, mehr auf sich selbst und ihr Talent zu vertrauen. „Be natural“, gib Dich natürlich, hatte sie in großen Lettern an die Wand ihres Studios schreiben lassen. Dass ihre Filme bis heute nichts an Kraft verloren haben, liegt nicht zuletzt an diesem Hinweis an die Schauspieler, die bei ihr immer ein bisschen echter, gelassener und für das heutige Auge weniger affektiert wirken.

Und nicht nur die Technik beschäftigte Guy-Blaché, auch von kontroversen gesellschaftlichen Themen konnte sie nicht ablassen. Im Jahr 1912 führte sie Regie für A Fool and his Money, den sie ausschließlich mit schwarzen Schauspielern besetzte. 

 

„Ich habe noch nie von ihr gehört“

Spätestens an dieser Stelle muss sich nun die Frage stellen: Wie kommt es, dass heutzutage kaum jemand den Namen Alice Guy-Blaché noch kennt? Dass diese Frage nicht einfach nur Koketterie ist, zeigt der Dokumentarfilm Be Natural: The Untold Story of Alice Guy-Blaché von Pamela B. Green, der in Cannes 2018 seine Weltpremiere feierte. Green stellt diese Frage in ihrem Film einigen Dutzend Filmschaffenden. Von Schauspielern wie Sir Ben Kingsley bis zu Regisseurinnen wie Catherine Hardwicke bekommt sie immer die gleiche Antwort: „Ich habe noch nie von ihr gehört.“

 

Was Green bei ihren langjährigen Recherchen herausfindet, ist, dass Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine Seltenheit im Filmgeschäft waren. Nicht nur für Guy-Blaché standen sie sowohl vor als auch hinter der Kamera, arbeiteten im Schnitt oder schrieben Drehbücher. Das junge Medium war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein kreativer Spielplatz und Frauen waren ein gleichberechtigter Teil des Teams. Das sollte sich nach dem Ersten Weltkrieg ändern, als Investoren auf der Suche nach Profit ins Business drängten. Filmproduktionen wurden zur Investition, Männer dominierten in den neuen Produktionsfirmen in Hollywood das Geschäft. Als dann ein paar Jahrzehnte später die ersten Enzyklopädien zur Filmgeschichte geschrieben wurden, kam niemand mehr auf die Idee, dass eine Frau schon im 19. Jahrhundert Regisseurin gewesen sein könnte. 

Das ist einer der Gründe, warum Guy-Blaché vergessen wurde. Mit dem zweiten war sie verheiratet. Ihr Mann Herbert war eifersüchtig auf den Erfolg seiner Frau und gründete seine eigene Film-Firma „Blaché Features“. Dann verließ er seine Frau und die Kinder und ging mit einer Schauspielerin nach Hollywood. Er verlor ein Großteil des Firmenvermögens bei Börsenspekulationen. Im Jahr 1921 musste Alice Guy-Blaché das Solax-Studio wegen Bankrotts aufgeben, ein Jahr später ließ sie sich von Herbert scheiden und zog zurück nach Frankreich. In den 15 Jahren hatte sich auch in Frankreichs Filmindustrie viel verändert. Alice Guy-Blaché konnte keinen Fuß mehr fassen, sie sollte nie wieder einen Film drehen. Pamela B. Green schreibt ihr während ihrer Recherchen mehr als 1000 Filme zu, IMDb führt sie in 444 Filmen als Regisseurin auf. Bei ihrer enormen Schnelligkeit im Filmmachen – selbst als sie das zweite Mal schwanger war, produzierte sie zwischen einem bis drei Filme pro Woche – liegt die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen. (Eine ziemlich ausführliche Filmografie findet sich etwa auf den Seiten der Bibliothek der Columbia University.

 

Bis an ihr Lebensende kämpfte Alice Guy-Blaché darum, für ihr Schaffen anerkannt zu werden. Ähnlich wie Agnès Varda heutzutage in Interviews immer wieder betonen muss, dass sie lange vor Godard und Truffaut den ersten Novelle-Vague-Film gedreht hat, so erzählte auch Guy-Blaché bis ins hohe Alter in Interviews immer wieder ihre Geschichte und versuchte, sich den Platz zurückzuerobern, der ihr zwischen all den männlichen Regisseuren und Produzenten zustand. 

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