Gangster, Verschwörungen und Ida Lupino

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Bücher

Ein Beitrag von Sonja Hartl

Heute wird ein lang gehegtes Vorhaben endlich Wirklichkeit! Alle drei Monate stellen wir fortan bei Kino-Zeit ausgewählte Filmbücher vor. Den Auftakt macht eine Monographie über Paranoia-Filme, eine Aufsatzsammlung zu Ida Lupino und ein Bildband über Los Angeles in den 1940er Jahren.

Cover: Conspiracy!/Dark City/Ida Lupino
Cover: Conspiracy!/Dark City/Ida Lupino

Verbrechen allen Ortens. In Henry Taylors Conspiracy! Theorie und Geschichte des Paranoiafilms ist das Verbrechen in den Filmen allgegenwärtig, ja, es unterläuft sogar eine Entwicklung von der Tat eines Einzelnen hin zu einer allumfassenden Verschwörung. Ein Verbrechen ist es auch, das Ida Lupino weiterhin nur wenigen ein Begriff ist. Dabei sollte sich die Ausnahmestellung der Schauspielerin und Regisseurin zu ihren Lebzeiten doch auch in der Rezeption widerspiegeln. Immerhin macht hier nun ein Aufsatzband einen wichtigen ersten Schritt. Und um sehr konkrete in Bilder gefasste Verbrechen geht es auch in dem Bildband Dark City. The Real Los Angeles Noir von Jim Heimann, in dem tatsächlich die dunkle Seiten der Stadt der Engel zu sehen ist.

 

Verschwörungen im Film

Robert Redford in Drei Tage des Condor ist der erste Gedanke, den ich bei dem Begriff Paranoia-Film habe. Aber das ist natürlich viel zu kurz gegriffen, wie Henry Taylor in seiner umfassenden Abhandlung des Themas zeigt. Auf über 500 Seiten legt er in seiner Habilitationsschrift Conspiracy! die Theorie und Geschichte des Paranoia-Films vor – aber nicht nur das: Er widmet sich ausführlich Definitionen und historischen Bedingungen, hinterfragt Begriffe und Sinnzusammenhänge wie „Genre“ und zieht Verbindungen zu Verschwörungstheorien und Konspirationismus. In einem historischen Teil legt er ausgehend von der Fantomas-Serie von Louis Feuillade über Das Cabinet des Dr. Caligari, den Film noir und Invasion of the Body Snatchers bis hin zu „Mindgames“-Filmen wie Videodrome dar, wie sich Paranoia verändert und der Paranoia-Film entwickelt hat.

Dabei zeigt er, dass „zwei generelle parallele Tendenz die Entwicklung des Paranoia- und Verschwörungsfilms“ auszeichnen, „die als allegorischer Schatten der gesellschaftlichen Entwicklung und vorherrschenden sozialen Wirkungsmacht zu begreifen sind: einerseits der Übergang von zunächst sichtbaren zu zunehmend unsichtbaren Konspirationen; andererseits der Übergang von einer Handlung- zu einer Systemlogik“. So hat sich beispielsweise das Verbrechen von der Tat eines genialen Einzelverbrechers über die einer Unterwelt-Organisation und einer bürokratischen Verschwörung hin zu „kosmologischen Verschwörungen“ seit den 1990er Jahren entwickelt. 

Cover von Conspiracy! im Schüren-Verlag

Dabei gelingt es Henry Taylor, den bisweilen umfangreichen Forschungsstand sehr gut mit eigenen Analysen zu verbinden. Den Filmbeschreibungen lässt sich sehr gut folgen – und die einzelnen Kapitel eignen sich auch als Einstiege in die behandelten Themenkomplexe. Beispielsweise wird in dem Teil zum Film noir ausgehend von der Frage, ob er ein Genre sei, die Entwicklung dieser Filme verhandelt, während Taylor zugleich verschiedene andere Gruppierungsmöglichkeit durchgeht. Dabei beginnt er Topoi herauszustellen – Amnesie, gespaltene Identität, Wirklichkeit als Traum –, die dann in den Paranoia-Filmen immer wichtiger werden. Insgesamt also eine sehr fundierte und aufschlussreiche Abhandlung.

 

Ida Lupino im Einzelnen

Werden im Zusammenhang mit Film noir überhaupt Frauen erwähnt, dann geht es in aller Regel um die Femme fatale. Viel zu oft übersehen wird indes, dass es im Film noir eine hochspannende Filmemacherin gab, deren Karriere und öffentliche Wahrnehmung bzw. Wertschätzung in keinem Verhältnis stehen. „Ihre vermeintliche Singularität als Frau gab ihr einen Außenseiterstatus, mit dem sie selbst zwar immer wieder zu kämpfen hatte, der sich aber wohl in ihrer späteren (Nicht-)Rezeption noch einmal verschärfte und erst im Nachhinein diskursiv endgültig zu einer Position an der Peripherie der Kulturindustrie verklärt bzw. degradiert wurde.“ Es geht natürlich um Ida Lupino.

Glücklicherweise beleuchtet nun anlässlich ihres 100. Geburtstags ein bei Bertz + Fischer herausgegebener Band ihr Schaffen vor und hinter der Kamera. Die Beiträge in diesem Buch gehen auf eine Veranstaltung in Zürich zurück und beschäftigen sich sowohl mit thematischen Aspekten von Ida Lupino und ihrem Werk als auch mit einzelnen Kinofilmen. Dabei wird auf Ida Lupinos zweifache Singularität abgestellt: Sie hatte in ihrer Rolle als Schauspielerin und Regisseurin eine Einzelstellung in dem industriellen System, in dem sie arbeitet, und hat zweitens ab den 1950er Jahren in ihren Filmen eine „telekinematische Ästhetik“ entwickelt, „die neben ihrer Präferenz für shooting on location vor allem mit einer ‚Mobilisierung der Mise-en scène‘ in Form subtilster Kamerafahrten besticht“.

Cover: Ida Lupino im Bertz-Fischer-Verlag

 

Ida Lupino wurde am 2. Februar 1918 in London in eine britische Schauspielerfamilie hineingeboren und schon im Alter von 13 Jahren an der Royal Academy of Dramatic Arts aufgenommen. Ab 1932 spielte sie in Kinofilmen mit, ein Jahr später reiste sie mit ihrer Mutter nach Hollywood. Mit They Drive by Night (1940) wurde sie schließlich zum Star in Hollywood. Sie wirkte nicht so abgebrüht, sondern eher klug und zugleich ein wenig zerbrechlich – obwohl sie hinter der Kamera bestimmt auftrat. Besonders aufschlussreich ist hier Elisabeth Bronfens Aufsatz zu Lupino als „eigenwilliger Star in Hollywood“, in dem sie auch analysiert, wie sich Lupino in ihrer Arbeit immer wieder den veränderten Bedingungen in der Filmindustrie angepasst hat. Sowohl vor der Kamera – als auch hinter der Kamera, wie Hannah Schoch in ihrem Beitrag herausarbeitet.

Wiederholt handelte sich Lupino Ärger ein und wurde von den Warner-Brother-Studios suspendiert. In dieser Zeit lernte sie insbesondere von Raoul Walsh die Arbeit im Schneideraum kennen. Im Jahr 1949 entschloss sie sich daher, mit ihrem damaligen Mann eine unabhängige Produktionsfirma zu gründen. Ihre erste Regiearbeit war Verführt (Not Wanted), bei dem sie für den erkrankten Regisseur Elmer Clifton einsprang und auch das Drehbuch mitschrieb. Erzählt wird von einer ledigen Mutter in der Arbeiterklasse. Auch die folgenden Filme erzählten von Frauen, die gegen widrige Lebensverhältnisse ankämpfen mussten. Hier nutze Ida Lupino die Bildwelten des Film noir, um von den subjektiven Wahrnehmungen ihrer Heldinnen zu erzählen und sich zugleich mit dem American Dream auseinanderzusetzen. 

Die acht Aufsätze und sieben Analysen ihrer Regiearbeiten vermitteln ein gutes Bild von der Schauspielerin, dem Star, der Regisseurin Ida Lupino, außerdem gibt es eine Filmographie sowie Bibliographie. Abgesehen von der Einleitung wird in dem Band auch weitgehend auf Wissenschaftsjargon verzichtet, so dass er einen guten Einstieg in eine erste Beschäftigung mit Ida Lupino bietet. Es wäre indes sehr wünschenswert, wenn sich weitere deutschsprachige Publikationen ihrer annehmen würden.

 

Die wahre Seite des Noir

Dass Noir mittlerweile viel mehr beschreibt als Filme, wird in dem opulenten Bildband Dark City. The Real Los Angeles Noir von Jim Heimann deutlich, der nun bei Taschen erschienen ist. Darin zeigt der Kulturanthropologe die Schattenseiten der Stadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und zwar in aller Deutlichkeit: In dem Kapitel „Murder & Mayhem“ sind Verbrechensfotos zu sehen, ein erschossener Barkeeper, ein zu Tode geschlagener Mann, eine Frau, nackt und erhängt in einem Schrank. Es ist brutale Bilder, die auf tatsächliche Verbrechen und reale Opfer verweisen. Noir ist hier eine Mode, kein Gimmick, nichts, mit dem sich Distinktionsgewinn verbindet, sondern es beschreibt die Abgründe einer Stadt, in der heruntergekommene und gefährliche Viertel neben dem „Filmland“ bestehen, in dem Hollywood seine Träume produziert.

Cover: Dark City im Taschen-Verlag

In „Glamourland“ – so der Titel des dritten Kapitels – ist tatsächlich alles sauberer, aufgeräumter, geordneter. Doch darauf folgen dann die „Headline Crimes“, in denen man in das Los Angeles eintaucht, das man aus Filmen kennt. Micky Cohen wird vorgestellt, Bugsy Siegel ist zu sehen und die Tatort-Fotos sowie Zeitungsberichte zum Fall der „Black Dahlia“. Aber auch Bilder von Robert Mitchum, der 50 Tage im Gefängnis wegen Marihuana-Besitzes saß – und immer wieder Zeitungsausschnitte, die Einblicke in die Presse von damals erlauben. Dazu gehören natürlich auch Bilder und Berichte über Cheryl Crane, die mit 14 Jahren den damaligen Freund ihrer Mutter Lana Turner erstach.

Cliff Wesselmann, Photo Courtesy of Gregory Paul Williams, BL Press LLC / TASCHEN
© Cliff Wesselmann, Photo Courtesy of Gregory Paul Williams, BL Press LLC / TASCHEN

Los Angeles war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Stadt ohne Vergangenheit, mit den schillernden Fassaden auf der einen Seite und einer kriminellen Parallelwelt auf der anderen Seite. Von diesen Gangstern, Kriminellen, korrupten Polizisten, Starlets, Prostituierten und verlorenen Glückssuchern erzählt dieses Buch anhand der Bilder von Pressefotografen, die Zugang zu Tatorten, Nachtclubs und Leichenschauhäusern hatten, darunter Agness „Aggie“ Underwood und George Watson. Aber es gibt eben auch die Bilder der Polizeifotografen, die die ersten am Tatort waren. Und dadurch vermittelt dieser Band einen völlig unglamourösen Eindruck von den Schattenseiten dieser Stadt – zugleich findet man so viele Hinweise auf Filme, die aus diesem oder jenem Fall gedreht wurden, aus denen man diese oder jene Episode kennt. Großartig!

  • Gangsterwelten - Cover
    Gangsterwelten - Cover

    Vom Le samouraï bis Ein Prophet – in informativen Aufsätzen beschäftigen sich die AutorInnen mit der Entwicklung des Gangsters im französischen Film und zeigen, wie mit dem Gangsterfilm die „Ambivalenzen der Moderne“ reflektiert und analysiert werden können.

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    Weiter geht es mit Frankreich: Mit Außer Atem wurde er ein Star, seither hat er fast 100 Filme gedreht. Jean-Paul Belmondo erzählt in seiner Autobiographie von seinem Leben und seiner Karriere – mit Witz, Ironie und mitunter sehr persönlich.

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  • The Shape of Water - Cover
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    Aus der Reihe „Buch zum Film“ gibt es drei spannende Titel. So hat Guillermo del Toro zu seinem Oscargewinner The Shape of Water unter gleichem Titel einen Roman geschrieben, der den Film noch einmal erleben lässt.

  • Call Me By Your Name - Cover
    Call Me By Your Name - Cover

    Passend zum Kinostart ist außerdem André Acimans Ruf mich bei Deinem Namen in der Filmausgabe neu bei dtv herausgekommen. Das Buch erzählt die Geschichte von Elio und Oliver noch ein wenig weiter – und dieser Schluss wird wohl als Ausgangspunkt für die angekündigte Fortsetzung dienen.

  • Die Verlegerin - Cover
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