Kolumnen: Weshalb die besten Utopien von Pragmatikern sind

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Kolumnen

Ein Beitrag von Lucas Barwenczik

In einem Jahr, das nicht von großem Optimismus geprägt war, entwirft ausgerechnet der pragmatische Dokumentarfilmer Frederick Wiseman eine bessere Welt. Er muss sich dafür kein technologisches Utopia ausdenken, sondern findet sie mit seiner Kamera in den staubigen Zimmern einer öffentlichen Bibliothek.

Ex Libris: New York Public Library von Frederick Wiseman
Ex Libris: New York Public Library von Frederick Wiseman

2017 wird nicht als ein Jahr des ungezügelten Optimismus in die Geschichtsbücher eingehen, und auch sein Kino wirkte in den meisten Bildern entweder auf grimmige Weise bekümmert oder hysterisch in seinem bunten Eskapismus. Das Kino wird gegenwärtig nicht unbedingt von den Utopisten überrannt: Jede bessere Welt wird von einem Dutzend untergegangener flankiert. Einem österreichischen Regisseur galt das Happy End – um von einer guten Zukunft gar nicht erst zu sprechen – als so hoffnungslos naiv und sentimental, dass er es höhnisch als Titel für ein meist düsteres Drama wählte; als hätte er sich nicht schon oft genug als vulgär-ironischer Langweiler entlarvt.

Die schönste Vision des Jahres 2017 wurde ausgerechnet von einem Filmemacher erdacht, den man sicher nicht allzu leichtfertig als idealistischen Naivling abtun kann: Frederick Wiseman, Dokumentarfilmer und Prosaiker. Der Mann, der mit seiner Kamera starr auf Orte blickt, nicht unbeteiligt, aber vorsichtig, als könnten die beobachteten Gefüge durch die Erschütterung seiner herannahenden Füße zerbrechen. Er filmt Institutionen, viele Stunden lang, ihre Räume und Menschen, bis sich aus ganzen Szenen und Schnipseln ein großes Mosaik ergibt: Der Central Park, die kalifornische Universität Berkley, das Pariser Varietétheater Crazy Horse und viele mehr. Seine Herangehensweise ist dabei nüchtern, aber sicher kein neutrales „einfach Zeigen“ und lässt sich anhand einer kurzen Anekdote erklären. Wisemans Debütfilm Titicut Follies, welcher sich mit den schwierigen Zuständen für die Insassen im Bridgewater State Hospital in Massachusetts beschäftigt, hatte erhebliche Probleme mit der Zensur und konnte lange nicht veröffentlich werden. Die meisten Kopien enden daher mit zwei Texttafeln. Die erste beschreibt die Auflagen des obersten Gerichtshofs des Bundesstaats, der fordert, Wiseman solle „eine kurze Erklärung“ zu den seit den Dreharbeiten vorgenommenen „Veränderungen und Verbesserungen“ einfügen. Die zweite übernimmt das geforderte Statement – im exakten Wortlaut. Im Zusammenspiel neutralisiert der erste Text den zweiten, entlarvt seine Erzwungenheit. Gerade durch das (vermeintlich) reine Darstellen, die exakte Widergabe ohne umfassende Veränderungen, entsteht ein bissiger Kommentar.

Ausgerechnet von einem Mann, dessen Kino nie den Rahmen der bestehenden Welt verlässt, der Wirklichkeit nur deuten und einordnen, aber niemals erweitern will, kommt das wirkmächtigste filmische Traumgebilde des Jahres. Man könnte sagen: Eine real existierende Utopie, gefunden zwischen alten Betonbauten und noch älteren Büchern. Ex Libris: New York Public Library ordnet die vielen Elemente der gewaltigen Bibliothek zu einem umfassend in der Stadt und in ihren Gemeinden verankerten Konstrukt – im Film entsteht eine Art Blase. Ein Ort, an dem nahezu alle Menschen klug und gebildet sind. Eine Sphäre der Denker und Poeten, der Gelehrten und Lernenden. Selbst der Mann, dem die Nichtexistenz von Einhörnern erklärt werden muss, ist dort kein Idiot, sondern ein Wissbegieriger. Lesen und Lernen sind dort Instrumente, mit denen der Mensch sich nicht einfach optimiert und für den Arbeitsmarkt nützlicher macht, sondern sie ermöglichen, neu mit der Welt zu interagieren.


(Trailer zu Ex Libris: New York Public Library)

Der Film passt hervorragend in einen öffentlichen Diskurs, in dem es immer wider um (Filter-)Blasen geht, um physische und intellektuelle Abschottung, Echokammern und die Illusion einer Welt ohne andere Meinung. Nach der Vorstellung, die ich sah, versammelte sich ein Teil des Publikums in einem kleinen Kreis und dachte weiter, träumte auch ein wenig den Traum dieser schönen, alten, klugen Welt.

Es erscheint fast ein wenig albern, dass gerade die Utopisten naiv sein sollen, wenn die bessere Welt sich im Kino so einfach sichtbar machen lässt, während man für Apokalypsen und Dystopien so viele Spezialeffekte braucht.

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