Es war einmal der Filmvorspann

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Kolumnen

Ein Beitrag von Rajko Burchardt

Im Kino gelten Titelsequenzen als nahezu ausgestorben, sogar einfache Stabangaben zu Beginn eines Films haben mittlerweile Seltenheitswert. Qualitätsserien übernahmen zwar die Rettung des Vorspanns, zumindest der Marktriese Netflix aber scheint sich davon verabschieden zu wollen.

Mindhunter - Titelsequenz
Mindhunter - Titelsequenz

Im Frühjahr 2017 machte der Streaming-Dienst Netflix seine weltweit knapp 120 Millionen Kunden mit einer Neuerung vertraut. Den Vorspann aller Serien können sie durch Einführung der offenbar mehrheitlich als bequem empfundenen "Skip Intro"-Option überspringen, um sich beim Bingewatching genannten Dauergenuss nicht länger von vermeintlich überflüssigen Opening Credits stören zu lassen. Das Unternehmen setzte somit ein denkwürdiges Zeichen. Denn eigentlich führen Serienproduzenten wie Netflix jene genuin filmische Tradition mühevoll gestalteter Titelsequenzen fort, die aus gegenwärtigem Kino fast verschwunden ist.

Der benutzerfreundlich apostrophierte Service übernimmt das Skippen gemäß Werkseinstellungen von Netflix automatisch, wenn mehrere Folgen einer Serie hintereinander geschaut werden. Verstehen soll man die Empfehlung demnach als Aufforderung. Klug genug, um sich ein gegenteiliges Nutzerverhalten zu merken, ist der auf individuelle Optimierung des Seherlebens ausgerichtete Algorithmus nicht – auch das wiederholte Ansehen eines Vorspanns lässt den Button kontinuierlich aufblitzen. Damit ließe sich einigermaßen zurechtkommen, würde Netflix nicht langfristig an der Abschaffung von Titelsequenzen sowie Vor- und Nachspann arbeiten.

Für die Wrestling-Serie Glow leistete sich der Streaming-Dienst beispielsweise einen aufwändigen Vorspann, den Art of the Title zu den fünf besten Titelsequenzen des Jahres 2017 zählte. Das von Richard Kenworthy entworfene Opening wird jedoch bei allen weiteren Episoden durch eine schlichte Titelkarte ersetzt, die es nach einmaliger Verwendung während der Pilotfolge rasch in Vergessenheit geraten lässt. Andere Eigenproduktionen des Unternehmens täuschen derartige Pflichtschuldigkeit noch weniger vor. Die Serien Atypical und Ozark, ebenfalls im vergangenen Jahr veröffentlicht, übernehmen die Praxis für ohnehin merklich kurze Titelsequenzen oder verzichteten gleich in der ersten Folge auf sie.  

Unter den besonderen Intros von Netflix-Serien wie Orange is the New Black oder BoJack Horseman stach zuletzt Mindhunter hervor, in der das Thema des Formats, die Tonbandaufzeichnung detaillierter Grausamkeiten, zu Beginn auf einen visuellen Nenner gebracht wird. Mindhunter-Produzent David Fincher knüpft damit an die stilbildende Eröffnung seines 1995er-Hits Sieben an: Über Jahre hinweg wurde sie von Horrorthrillern imitiert und ließ die Tradition der Titelsequenz noch einmal aufleben. Neben Filmemachern wie Tim Burton, David Cronenberg und Guillermo del Toro gehört Fincher zu den letzten Verteidigern dieser Kunst, sein Remake Verblendung kreierte eines der wenigen erinnerungswürdigen Vorspanndesigns seit 2000.

Im Kino gingen spektakuläre Titelsequenzen ebenso wie einfache Opening Credits über schwarzen oder bewegten Bildern spürbar zurück. Um die Jahrtausendwende herum verzichteten manche Blockbuster, etwa Van Helsing oder Batman Begins, erstmals auf die Nennung des Filmtitels, um ihn schmucklos ans Ende zu klatschen. Dorthin, zwischen letzter Einstellung und Laufschrift, verlagern große Studioproduktionen mittlerweile auch Titelsequenzen, wenn es sie überhaupt noch gibt. Am Anfang eines gewöhnlichen Hollywoodfilms stehen vielmehr spröde Firmenlogos und Titel – den Rest besorgt der rollende Schluss, verdeckt von hastig aufspringenden Kinobesuchern.

Es waren Grafikdesigner wie Saul Bass, Maurice Binder und Pablo Ferro, die Titelsequenzen in den 1950er und -60er Jahren zur eigenen Kunstform erhoben. Bass schrieb sich in die Arbeiten von Otto Preminger, Alfred Hitchcock und John Frankenheimer ein, mit typografischen Experimenten verhalf er auch unscheinbaren Filmen zu erhöhter Aufmerksamkeit. Binder schuf Titeldesigns für Stanley Donen und Bernardo Bertolucci, untrennbar verbunden ist sein Name mit den legendären Eröffnungssequenzen der James-Bond-Filme, deren ikonischer Pistolenlauf ein ewiges Markenzeichen der Serie wurde. Ferro kreierte Vorspanne unter Anleitung von Stanley Kubrick und abstrakte Split-Screen-Montagen.

Wenn CinemaScope und 3D das Kino mit Breitwandepen und Monsterspektakeln als ein dem Fernsehen überlegenes Erlebnis vermarkten sollten, waren Titelsequenzen minutenlange Demonstrationen entsprechender Talente: Epochale Ouvertüren zum Dahinschmelzen, ausschweifende Vorspanndesigns als atmosphärischer Wegweiser. Die Titelsequenz kann einem Film zum eigenen Trademark und einer unverwechselbaren Gravur verhelfen. Idealerweise aber ist sie nicht nur ein Film innerhalb des Films, nicht allein Werkzeug, das vom Kleinen zum Großen führt oder Mittel zur Einstimmung, sondern motivische Verschränkung, abstrakte Interpretation kommender Ereignisse und illustrativer Kommentar zum Geschehen selbst. 

Dass der ausgetüftelte Filmvorspann in den 1970er Jahren allmählich durch reine Stabangaben ersetzt wurde, hatte unterschiedliche Gründe. Einerseits galten Titelsequenzen im New Hollywood als altmodisch, andererseits bedeutete ihre Herstellung hohe Kosten. Schwer zu sagen, ob der von Filmemachern wie Woody Allen und John Carpenter geprägte Trend zur Schlichtheit den Anfang vom Ende der Titelsequenz markierte. Recht sicher jedoch beeinflussten Marktforschungsergebnisse den Niedergang von Opening Credits im Allgemeinen, vor allem die publikumshörigen Blockbuster-Giganten Steven Spielberg und George Lucas gaben den Wünschen vorspannmüder Zuschauer bereitwillig nach.

Einen Film sehen, nicht aber mit ausgewählten Namen der an ihm beteiligten Menschen behelligt werden zu wollen, ist natürlich recht ignorant. Das Hineinwerfen in eine Handlung kann zwar reizvoll und je nach Material auch dringend notwendig sein. Ob der zum Standard gewordene Verzicht auf Titelsequenzen und anfängliche Namensnennung allerdings durchweg künstlerische Gründe hat, scheint unwahrscheinlich. Überhaupt: Ein Film, der sich vorstellt, der uns vertraut macht mit sich. In meiner Filmsozialisation spielten die zu Beginn aufgelisteten Macher eine große Rolle. Ich habe mir ihre Namen zu merken gelernt und erst dadurch herausgefunden, dass X wiederholt mit Y arbeitete, es Gewerkschaften der einzelnen Berufsgruppen gibt oder der Meister toller Klänge Jerry Goldsmith heißt.

Über die mutmaßliche oder tatsächliche Faulheit der Zuschauer könnte man sich ohnehin leicht hinwegsetzen. Niemand verlässt das Kino wegen eines langweiligen Vorspanns. Und sollte beim Fernsehen oder Streamen jemand aus diesem Grund vorzeitig ab- bzw. umschalten, ist ihm sowieso nicht mehr zu helfen. Es braucht gar keine zu Titelsequenzen und Opening Credits verpflichtete Filmlandschaft, wie es sie durch Vorschriften der Gilden zumindest in den USA einmal gegeben habt. Genügen würde es schon, wenn Filmemacher frei entscheiden dürfen, ob sie Gebrauch davon machen, und sich nicht gegen diffuse Befürchtungen von Produzenten und Studios behaupten müssten.

Bis dahin bleibt lediglich der Rettungsanker, den Fernsehanstalten vielen Titeldesignern zuwarfen. Das Überleben der Vorspannsequenz im seriellen Format ist ein großes Verdienst von Quality- und Peak-TV, von Produktionen wie The Sopranos oder Six Feet Under. Fernsehen und Streaming halten eine Kunst hoch, deren Formvollendung sich ursprünglich gegen sie selbst richtete – von dieser hübschen Pointe also droht sich Netflix zu verabschieden. Auf seiner Website erklärt das Unternehmen, die "Skip Intro"-Funktion ermögliche ein Springen "direkt zum Beginn der eigentlichen Handlung". Darin liegt das ganze Missverständnis: Der Vorspann wird als Instrument begriffen, das vom Wesentlichen ablenkt. Die Titelsequenz sei ein uneigentlicher Teil der Handlung und nicht ihr Kontext. 

Da ist es nur logisch, dass Netflix dem ungeduldigen bzw. zu Ungeduld erzogenen Publikum auch hinten raus entgegenkommt. Schlusstitel nämlich kapselt der Programmanbieter ebenso automatisch ab: Sobald die ersten Informationen zur Herstellung eines Films oder einer Serie das reibungslose Bingewatchen unterbrechen könnten, verkleinert sich der Bildausschnitt für die Ankündigung der nächsten Eigenproduktion. Je nach Zugang und Gerät lassen sich diese weniger als Empfehlung denn Aufforderung gemeinten Hinweise nicht mehr abstellen, worüber sich beispielsweise Kunden mit Apple-Fernsehern vielfach in Online-Foren beschweren. Vor- und Nachspann versteht Netflix als Störfaktoren, die beseitigt werden müssen. Eine betrübliche Entwicklung.

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Muriel Box - Portrait
Muriel Box - Portrait
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Wieder wiederentdeckt

Keine Britin hat bei mehr Filmen Regie geführt als Muriel Box. Sie war die erste Frau, die [...]
Meinungen
Der Mattin · 05.04.2018

Hervorragender Artikel zu einem traurigen Thema. Eine Kunstform, die durch Kalkül der Studios und anerzogene Ungeduld einer neuen Kinogänger-Generation dem Untergang geweiht ist.
Zum Thema " u.a. von John Carpenter geprägter Trend zur Schlichtheit" sei nochmals erwähnt, dass dies nach eigener Aussage Carpenter's ausschließlich finanzielle Gründe hatte. Das man trotz schlichter Credit-Einblendungen eine atmosphärisch dichte und dramaturgisch perfekt aufgebaute Titelsequenz kreieren kann, bewies Carpenter unbestreitbar mit "PRINCE OF DARKNESS".

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