Kolumnen: Beautiful Traumas

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Kolumnen

Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Wir können Filme aus den unterschiedlichsten Gründen lieben. Weil sie uns zum Lachen bringen. Oder zum Weinen. Zum Fürchten. Zum Nachdenken. Oder auch weil sie uns zutiefst traumatisieren.

Polyester/Der weiße Hai/Der Krieger und die Kaiserin
Polyester/Der weiße Hai/Der Krieger und die Kaiserin

Es gibt Filme, deren Bilder und Töne einfach nur an mir vorbeigeflogen sind. Nichts ist hängen geblieben – keine Einstellung, keine Dialogzeile, kein Blick, keine Geste. Diese Film haben nichts mit mir gemacht, ich habe keine Beziehung zu ihnen aufgebaut.

Bei etlichen Filmen war das hingegen ganz anders. Zum Beispiel bei Eine Familie namens Beethoven (1993). Ich erinnere mich, dass ich damals – im Alter von neun Jahren – unbedingt in der ersten Reihe im Kino sitzen wollte. Doch dafür sollte ich bitter büßen. Denn die US-Familienkomödie besteht zu gefühlt 90 Prozent aus Point-of-View-Shots aus der Sicht von Bernhardinern, die ein haarsträubendes Abenteuer erleben, in dessen Verlauf sie sehr viel und sehr hektisch herumlaufen. Ich traue mich bis heute nicht, in der ersten Kinoreihe Platz zu nehmen – aus Angst davor, erneut mit der Bernhardiner-Perspektive konfrontiert zu werden. Eine Familie namens Beethoven werde ich mit Sicherheit nie vergessen. Dieser Film gehört zu meiner Sozialisation. Dieser Film gehört zu meinem Leben.

 

Gleiches gilt für die Serie Star Trek: The Next Generation (1987-1994). Hier war es nicht die schwindelerregende Kameraführung, die sich tief in mein Gedächtnis eingraben sollte, sondern ein garstiger Ferengi, der in einer Episode der ersten Staffel Captain Jean-Luc Picard aus Niedertracht in den Wahnsinn zu treiben versucht. Die Story habe ich damals überhaupt nicht verstanden – und die Figur Picard war mir noch ebenso unbekannt wie die Spezies der Ferengi. Aber die Ferengi’sche Fiesheit verfolgte mich bis in den Schlaf, bis in die dunkelsten Ecken meines Kinderzimmers. Überall konnte diese gnomenhafte Gestalt mit ihren großen Ohren, ihrer zerfurchten Nase und ihren spitzen Zähnen lauern, um mich in den Wahnsinn zu treiben, weil es bei Picard ja offenbar nicht klappen wollte. Und ich glaube, ich wurde nicht trotz dieses Albtraum-Einstiegs in die Star-Trek-Welt zu einem leidenschaftlichen Fan der Serie, sondern (auch) wegen dieses eindrücklichen Auftakts.

 

Da-dum … da-dum … da-dum!-da-dum!-da-dum!

Noch extremer war dies bei Steven Spielbergs Der weiße Hai (1975). Vielleicht war es keine besonders gute Idee, ihn als Elf- oder Zwölfjähriger zu gucken. Aber ich kann mir meine frühe Jugend ohne diesen Film absolut nicht vorstellen. In einem Biopic über mein Leben, das es höchstwahrscheinlich niemals geben wird, müsste es jedenfalls eine Sequenz in einem Schwimmbad geben, in welcher ich der festen Überzeugung bin, dass ich plötzlich mitten im Meer sein werde und das hungrige Titeltier mich attackieren wird, sobald ich auch nur für eine Sekunde die Augen schließe und wieder öffne: Eben noch im chlorhaltigen Beckenwasser – und zack, schon im Angesicht des salzigen, blutigen Todes!

Das Finale des Horrorthriller-Sequels 47 Meters Down: Uncaged (2019) entsprach in etwa dem, was ich mir damals als Szenario nach dem Augenöffnen ausmalte. Allerdings war meine Fantasie entschieden origineller als die lahme bis lächerliche Inszenierung des Regisseurs Johannes Roberts. Und meine Panik war deutlich glaubwürdiger als das schwache Spiel der Hauptdarstellerinnen Sophie Nélisse und Corinne Foxx. Schlimmer als ein Albtraum, der wahr wird, ist vielleicht ein Albtraum, der dir von mäßig begabten Leuten kunstlos entzaubert wird. Fest steht: Der weiße Hai ist für mich bis heute einer der wichtigsten Filme. Ich besitze ihn als VHS-Kassette, als DVD, als Blu-ray, samt der zunehmend schlechter werdenden Teile 2, 3 und 4. Ich umarme das audiovisuelle Trauma als Teil meines Erwachsenwerdens, als Teil meiner erwachten Liebe zum Kino im Allgemeinen und zum Genrefilm im Speziellen.

Roy Scheider in Der weiße Hai; Copyright: Universal Pictures
Roy Scheider in Der weiße Hai; Copyright: Universal Pictures

 

Und nicht immer müssen es rabiate filmische Mittel, beängstigende Aliens oder gefräßige Killerfische sein, die ein Trauma verursachen; manchmal reichen auch Tränen. Zum Beispiel jene, die ich bereits für Michelle Williams vergossen habe. Das fing mit der Teenagerserie Dawson’s Creek (1998-2003) an, in der ihre Figur Jen Lindley irgendwie immer am meisten leiden und ganz zum Schluss sogar sterben musste. Und das setzte sich mit den (großartigen) Filmen Meine beste Freundin (2001), Brokeback Mountain (2005), Wendy and Lucy (2008) und Blue Valentine (2010) fort, in denen sie stets Frauen spielte, die enttäuscht wurden, denen andere Figuren schrecklich das Herz brachen, die Ungerechtigkeiten und Schmerzen erleiden mussten. Ich verbinde mit Michelle Williams seit mehr als zwei Dekaden große Gefühle der Traurigkeit und der ungesunden Über-Identifikation – und es steht für mich völlig außer Frage, dass ich auch in Zukunft alles, alles, alles gucken muss, worin sie in Erscheinung tritt. Vermutlich ist das Liebe. Womöglich aber auch ein Hang zur Selbstqual.

Michelle Williams in Blue Valentine; Copyright: Senator/Central
Michelle Williams in Blue Valentine; Copyright: Senator/Central

 

Darüber hinaus kommt es bei der Traumatisierung durch Filme wohl nicht nur darauf an, was oder wer zu sehen ist – sondern auch, in welcher Verfassung man sich bei der Sichtung gerade befindet. In der Abschlussprüfungsphase meines Studiums war ich, ehrlich gesagt, ein psychisches Wrack. Als ich in diesem Zustand die Vorstadt-Satire Polyester (1981) von John Waters sah, die eigentlich überaus witzig und abgedreht ist, habe ich sie seltsamerweise als melodramatisches Einfühlungsangebot wahr- und angenommen – und so heftig mit der von Divine verkörperten verzweifelten Hausfrau Francine Fishpaw mitgelitten, dass sich deren Nervenzusammenbruch beinahe auf mich übertragen hätte. Der untreue Ehegatte, die missratenen Teenager-Kinder, der betrügerische Lover, diverse unfreundliche Fremde; einfach alle sind unfassbar gemein zu Francine – und die Aufgeregtheit, die ich dabei empfing und alsbald selbst empfand, wird mir ewig in Erinnerung bleiben.

 

Unter dem LKW

Übertroffen wurde sie lediglich noch von einem hysterisch anmutenden Lachanfall, der fließend in einen Tränenausbruch überging, als ich in besagter Phase Tom Tykwers Liebesgeschichte Der Krieger und die Kaiserin (2000) guckte. Darin landet die Krankenschwester Sissi (Franka Potente) bei einem Unfall unter einem LKW und wird von dem Ex-Soldaten Bodo (Benno Fürmann) gerettet. Die Sequenz ist überwältigend umgesetzt und hätte mich gewiss in jeder Lebensphase sehr bewegt. Diese völlige Entgleisung der Gefühle war indes eine ziemlich singuläre Erfahrung. Ich habe mir den Film seither nicht noch einmal angesehen; irgendwann werde ich es mal wieder wagen. Vielleicht nicht unbedingt heute. Und vielleicht auch nicht unbedingt morgen. Aber die Konfrontation, das Schockerlebnis, die emotionale Überforderung – sie gehören für mich zum Filmegucken dazu. Sie sorgen für Spannung; sie machen uns von Zuschauer_innen zu Mitfühlenden, härten uns ab und sensibilisieren uns zugleich. Ich möchte auf keines meiner Film-Traumata verzichten.

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Women's March 2017 in Washington D.C.
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