"Geschichten helfen, Grenzen zu überwinden" - Im Interview mit Amma Asante

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Ein Beitrag von Anna Wollner

Amma Asante

Es ist eine Geschichte, die fast zu unglaublich klingt, als dass sie wahr sein könnte. Im London der 1940er Jahre verliebt sich der botswanische Kronprinz Seretse Khama in die bürgerliche Engländerin Ruth Williams und heiratet sie. Gegen den Willen des britischen Empires und der botswanischen Obrigkeit. Mit A United Kingdom erzählt die ghanaisch-britische Regisseurin und Schauspielerin Amma Asante mit David Oyelowo und Rosamunde Pike in den Hauptrollen von dieser damals skandalträchtigen Liebesgeschichte. Anna Wollner hat Amma Asante in Toronto zum Interview getroffen.

Frau Asante, die treibende Kraft hinter „A United Kingdom“ war Hauptdarsteller und Produzent David Oyelowo. Wissen Sie, was ihn so an der Geschichte der bürgerlichen Ruth Williams und dem botswanischen Präsidenten Seretse Khama so fasziniert hat?

Eigentlich müssten Sie ihn das fragen, aber ich weiß, was er antworten würde. Es ist eine afrikanische Geschichte über einen afrikanischen Anführer, die er nicht kannte. Er hatte zuvor noch nie von ihm gehört. David ist das Kind afrikanischer Eltern, geboren in London, zu Teilen aufgewachsen in Nigeria. Es hat ihn überrascht, dass er die Geschichte von Seretse und Ruth nicht kannte. Und ich muss ihm zustimmen. Wir in England haben noch nie davon gehört, dabei sollten wir das eigentlich. Wir sollten uns in unserer eigenen Geschichte besser auskennen.

Das Schließen dieser Bildungslücke war sein einziger Anreiz für die Umsetzung des Films?

Nein, es ging ihm darum, die ganze Geschichte zu erzählen. Aber genauso auch die Chance beim Schopf zu ergreifen, eine schwarze Hauptfigur zu spielen. Eine afrikanische Hauptfigur, um genauer zu sein. Eine Figur, die nicht Kindersoldat oder Diktator ist. In A United Kingdom geht es um etwas viel Positiveres: das Einsetzen und Kämpfen für eine gute Sache. Um etwas vollkommen Normales, ein Gefühl, dass jeder kennt: sich zu verlieben. Was ist man bereit, für seine Liebe zu geben, wie weit würde man gehen? Im Kern unserer Geschichte geht es um ein Paar, das vereint. Es geht um einen Mann, der sich für die Gerechtigkeit einsetzt, für das Recht, die Person zu lieben, die er liebt, und der auf gesellschaftliche Konventionen keine Rücksicht nimmt. Obwohl die Geschichte vor über einem halben Jahrhundert spielt, ist sie auch heute noch brandaktuell.

Sie versuchen gewissermaßen mit dem Film das Erbe dieser Geschichte zu kontrollieren?

Es geht mir gar nicht so sehr darum, die Kontrolle zu behalten und die Geschichte vor anderen zu schützen, die vielleicht Unsinn mit ihr anstellen würden, sondern sie zu teilen. Es steht bei Geschichten wie dieser oft die unausgesprochene Frage im Raum, wer das Recht hat, die Geschichte zu erzählen, und wer nicht. Aber ich glaube nicht, dass Geschichten irgendjemandem gehören können. Mein erster Film handelte von Teenagern in South Wales. Ich habe nie in Wales gelebt, ich bin nicht weiß, ich habe die Art von Armut nie erfahren, aber das war mir alles nicht wichtig. Ich wollte von niemandem den Vorwurf hören „Du bist schwarz, du darfst diese Geschichte nicht erzählen.“ Dieser Perspektivwechsel ist wichtig. Man hat im Leben immer eine Wahl. Es gibt ein ganzes Spektrum an erzählenswerten Perspektiven, durch die man auf Afrika, auf Irland oder auch Deutschland gucken kann. Filme und Geschichten haben immer eine Wahrheit, aber nie die Ultimative. Das Teilen dieser Perspektiven ist wichtiger als das Besitzen.


(Bild aus A United Kingdom; Copyright: Alamode Film)

Es gibt verschiedene Bücher über die Geschichte von Ruth und Seretse Khama. Welche hat Sie am meisten angezogen?

Ich habe nur Susann Williams’ Buch gelesen, denn dafür hatte ich die Rechte. Für mich ging es immer um die Liebe. Im Film und im echten Leben. Was bedeutet es, sich in jemanden zu verlieben. Nicht nur in einen Menschen, sondern in ein ganzes Land. Susanns Buch hat sich nicht nur mit der Liebe zwischen diesen beiden außergewöhnlichen Menschen auseinandergesetzt, sondern auch mit der politischen Dimension. Politik ist komplex. Als ich das Buch das erste Mal las, konnte ich immer nur ein paar Seiten pro Tag lesen, denn es war einfach zu kompakt. Das hat selbst Susann zugegeben und sie ist Geschichtsprofessorin. Vieles hat auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben. Ich musste einen Weg finden, die Komplexität der politischen Dimension zu entschlacken und zugänglicher zu machen. Ich hatte ja nur knapp zwei Stunden Zeit. Und die Geschichte erstreckte sich über sieben Jahre. Die Mischung aus Politik und Liebe war also die größte Herausforderung. Wir haben sicherlich Entscheidungen getroffen, Dinge wegzulassen, die anderen aufstoßen werden. Die Geschichte war damals mehr als nur eine diplomatische Randnotiz und hatte großen Einfluss auf die Geschichte zumindest eines Landes.

Hat sich durch die Arbeit an dem Film Ihre eigene Perspektive auf die Geschichte verändert?

Ja, hat sie. Meine Eltern sind aus Ghana, das erste subsaharische Land, das seine Unabhängigkeit bekommen hat. Sie sind als Kinder einer Kolonie groß geworden, mein Vater ist damals für die Unabhängigkeit auf die Straße gegangen. Selbst wenn ich jetzt darüber rede, bekomme ich eine Gänsehaut. Er hat mich mit seiner Einstellung zum Leben sehr geprägt. Er hat immer die Ansicht vertreten, dass wir Menschen alle mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben.  Er hat an eine vereinte afrikanische Nation geglaubt. Als es um die Unabhängigkeit Afrikas ging, haben viele damals gedacht, dass würde nur klappen, wenn man die Besatzer gnadenlos vor die Tür setzen und Afrika ein rein schwarzer Kontinent werden würde. Die Idee von Gleichheit zwischen Weißen und Schwarzen war damals für einige unvorstellbar. Selbst ich wusste nicht, dass es vor Nelson Mandela schon einmal jemandem gelungen ist, ein gespaltenes Land zu vereinen.

Wie haben Sie das im Film transportieren wollen?

Als ich das erste Mal das Drehbuch las, gab es keine einzige weibliche schwarze Sprechrolle. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich wollte den Frauen unbedingt eine Stimme geben. Als ich das erste Mal nach Botswana fuhr, wollte ich genau das herausfinden. Wie waren die Reaktionen der Frauen auf Ruth? Es war unglaublich schwer, irgendetwas herauszufinden. Der Grundtenor war „Ruth ist eine liebenswerte Frau“. Sie lieben sie, vergöttern sie beinahe. Selbst heute noch. Die Transformation von einer abgelehnten Königin zu einer geliebten First Lady ist eigentlich eine Geschichte für sich.


(Bild aus A United Kingdom; Copyright: Alamode Film)

Ein wichtiger Aspekt des Films ist Ruths Kampf für Anerkennung. Wie wichtig war Ihnen dieser Perspektivwechsel?

Sehr. Denn wir sind so daran gewöhnt, dass die schwarze Hauptfigur oder eine andere ethnische Minderheit um Akzeptanz kämpft und anders ist. Aber hier ist die weiße Frau die Andere. Normalerweise ist die weiße Frau oder der weiße Mann in einem afrikanischen Setting der Heilsbringer, der Erlöser und repariert alles. Genau das wollte ich nicht. Ruth ist viel hilfsbedürftiger als die anderen. Sie kämpft für Akzeptanz und Zugehörigkeit. Sie braucht Botswana vielmehr als Botswana sie braucht. Sie rettet keinen, sie will einfach nur Teil der Gesellschaft werden.

Woran machen Sie das fest?

Das merkt man zum Beispiel in den Szenen, in denen Seretse durch die Dörfer tingelt und sich die Probleme der Bevölkerung anhört. Ruth ist nicht dabei. Sie wird hier nicht gebraucht. Er ist der erste Ansprechpartner für das Volk. Sie muss das Land erst noch lieben lernen. In diesem Sinne erzähle ich sogar eine doppelte Liebesgeschichte. Die von Ruth und Seretse und die von Ruth und Botswana. Dafür muss Ruth aber vom Volk akzeptiert werden. Es ist schwer ein Land zu lieben, wenn seine Bewohner dich nicht akzeptieren.

Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder die Diskussion um Rassismus und Hautfarbe in Hollywood. Wie schwierig war es für Sie als schwarze Frau, eine Karriere als Filmemacherin zu lancieren?

Es bedarf gar keiner gesonderten Anekdoten, um klar zu machen, dass das noch immer ein Thema ist. Nicht nur in Hollywood. Die Statistiken sprechen für sich. Ich bin ja nicht nur schwarz, ich bin zudem auch noch eine Frau. Und schwarze Frauen gehen in Statistiken oft unter. Als schwarze Regisseurin gehöre ich noch nicht mal zu dem einen Prozent. Wir existieren auf dem Papier eigentlich gar nicht.

Was tun Sie dagegen?

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, bei jedem meiner Filme eine junge Frau zu unterstützen. Als eine Art Mentorin. Bei meinem nächsten Film sind es sogar vier. Ich sage den Frauen immer, egal welche Hautfarbe sie haben, dass es ein Spiel auf Zeit ist, wie schnell man es schafft, nach Niederlagen wieder aufzustehen. Es geht um Ausdauer und die Kraft durchzuhalten. Die Frage, wie oft man dazu bereit ist, sich neu zu erfinden und weiterzumachen. Für jeden Schlag, den ich einstecke, erinnere ich mich daran, dass es darum geht, aus den Niederlagen Kraft zu ziehen. Man darf sich von den Hindernissen nicht abschrecken lassen. Denn wenn ich mir alles immer zu Herzen nehmen würde, würde ich morgens nicht mehr aus dem Bett kommen. Wenn ich mich immer daran erinnern würde, dass ich noch nicht mal zu einem Prozent gehöre, könnte ich es gleich lassen und eine Bäckerei oder eine Reinigung aufmachen.

Obwohl Sie, wie Sie selbst sagen, zu einer Minderheit von unter ein Prozent gehören, was treibt Sie an, Filme zu machen?

Ich bin eine Getriebene, mit einem unbändigen Drang Geschichten zu erzählen. Geschichten über Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Ich habe meine ganze Bildung dem Filmemachen zu verdanken. Ich mag den Gedanken, Leuten Geschichten näher zu bringen, von denen sie ohne mich vielleicht nie gehört hätten. Geschichten helfen, Grenzen zu überwinden. Meine Filme helfen mir, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ich nehme sie durch die Augen meiner Figuren war. Das erweitert meinen Horizont. Und hoffentlich auch den der Zuschauer.


(Trailer zu A United Kingdom)

Sie sind mit Soren Kragh Pedersen verheiratet, einem Weißen. Haben Sie ähnliche Anfeindungen erlebt wie Ruth und Seretse?

Keiner von uns muss heute das durchmachen, was die beiden in dieser Zeit erlebt haben. Aber noch immer gilt, dass selbst heute Beziehungen zwischen unterschiedlichen Hautfarben und Ethnien nicht so akzeptiert sind, wie wir uns das 2017 wünschen würden. Das ist das, was ich jeden Tag erlebe.

Werden Sie und Ihr Mann in der Öffentlichkeit noch angestarrt?

Es kommt ganz darauf an, wo wir unterwegs sind. In Europa passiert das öfter als in Amerika oder England. Wir haben acht Jahre in Holland gewohnt. Ich dachte immer, Holland sei ein multikulturelles Land, aber wir sind da mehr angefeindet worden als in London. In London schert sich keiner darum. Da ist jeder viel zu sehr damit beschäftigt, sein Leben zu leben. In Holland haben die Leute geguckt und getuschelt. Meine Stieftochter ist weiß, ihre Mutter ist Dänin, sie ist eine Vorzeige-Skandinavierin mit blonden Haaren. Die Leute haben sich herausgenommen uns Fragen zu stellen, die man normalerweise nicht stellen würde. Wer ist die schwarze Frau neben dir, die kann doch nie im Leben deiner Mutter sein. In London hätte uns das keiner gefragt.

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Hitler und Goebbels bei der UFA am 04.01.1935
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