Features: Nicht männlich genug – von der Sissy bis zum Homo, männliche Witzfiguren

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Ein Beitrag von Susanne Gottlieb

Am 29.3. 2019 jährt sich das 60-jährige Jubiläum der Uraufführung von Billy Wilders Komödie Manche mögen’s heiß. Aus diesem Grund hat sich Susanne Gottlieb im Rahmen unserer Jahresserie Film:Sex eigehender mit dem Phänomen der „unmännlichen“ Witzfigur beschäftigt.

Filmstill zu Some like it hot / Manche mögen's heiß
Tony Curtis, Jack Lemmon und Marilyn Monroe in "Manche mögen's heiß"

Vor 60 Jahren schuf Billy Wilder eine der aus heutiger Sicht perfektesten Komödien aller Zeiten. Manche mögen‘s heiß ist die Geschichte zweier armer Musiker, die im Amerika der 1920er Jahre als Frauen verkleidet in einer weiblichen Musikkapelle untertauchen müssen, um vor einem Gangstersyndikat zu fliehen. Jack Lemmon und Tony Curtis, beide Leading Men ihrer Generation, hüpften zum Vergnügen des Publikums in Frauenkleidern und boten sich gemeinsam mit Marilyn Monroe ein amüsantes Verwirrspiel.

Naturgemäß geht alles gut aus. Curtis Figur Joe, der männlichere unter den beiden Freunden, der auch meistens das Sagen hat, verführt Monroes Ukulele-Spielerin Sugar und gewinnt am Ende des Films ihr Herz. Lemmons Jerry bleibt erst einmal in seiner „Identität“ als Frau stecken, als er sich mit einem reichen Millionär verlobt. Als er am Schluss des Films seine wahre Natur offenbart, antwortet ihm sein Verlobter mit den berühmten Worten „Nobody is perfect“, keiner ist perfekt. 

Nicht perfekt ist das Stichwort in diesem Fall. Lemmon wandelt hier zwischen den Fronten. Einerseits ist er ein Mann, andererseits verkleidet er sich als Frau und büßt somit nicht nur optisch seine Maskulinität ein, sein Verhalten wird auch „femininer“. Zudem bedarf es stets des männlicheren Joes, der ihm sagt, was er tun soll. Die Lacher generieren sich daraus, dass er und Curtis „unmännliche“ Dinge tun und sagen. Damit sind sie nicht allein. In der Tonalität des Kinos hat sich zwar über die vergangenen 60 Jahre viel verändert. Die Angewohnheit, dass Figuren, die nicht in die Schublade von heteronormativer Maskulinität fallen, in gewisse lachhafte Muster wie die weinerliche Sissy oder den „Homo“ gesteckt werden, existiert aber noch heute.

 

Wie ein Mann zu sein hat

Das Mainstream-Kino war historisch primär immer daran interessiert, hegemoniale Maskulinität auf der Leinwand zu reproduzieren. Curtis und Monroe bekommen daher ihr Happy End, während über Lemmon ein großes Fragezeichen und eine Pointe hängen. Als bestimmende Attribute, was Männlichkeit im Kino zu sein hat, galten seit jeher Eigenschaften wie Stärke, Resistenz, Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit. Der starke Mann sozusagen, der mit Köpfchen und Messer loszieht und Berge versetzt. 

Die femininen Attribute, die Frauen oder schwachen Männern zugeschanzt werden, sind Schwäche, Verletzbarkeit, Abhängigkeit und Passivität. Die Frau in Not, die von einem Mann gerettet werden muss, da sie nicht aktiv in ihr eigenes Schicksal eingreifen kann, ist bekannt und zieht sich durch Jahrzehnte an Kinogeschichte. Die Männer, die dieses Schicksal ereilt, sind weniger Opfer eines Drehbuchplots, sondern ihres kulturellen Hintergrunds. Der heteronormative Mann ist meist ein weißer Mann der gehobenen Mittelschicht in seinen besten Jahren. Die Schwächeren entweder nicht-weiß, aus unteren Klassen, homosexuell, in ihrer Genderrepräsentation ambivalent, alt oder mit weniger Macht über andere ausgestattet. 

Frauenkleider als Witz

Das Cross Dressing wie in Manche mögen‘s heiß ist eine der prägendsten Formen der männlichen Witzfigur. Diese Aufmachung von Männern, deren historische Wurzeln im Protest gegen die politische Obrigkeit liegen, war zunächst vor allem in der Schwulen- und Lesbenszene populär, bevor sie sich in den vergangenen Jahren zu einem Massenunterhaltungsphänomen entwickelte, wie etwa mit RuPaul’s Drag Race. Das Kino trägt diesen Akt des Cross Dressings noch weiter weg von dem historischen Akt des Protests und hinein in eine Mittelklasseschicht an weißen Männern, deren Gründe für Cross Dressing nur temporäre Notwendigkeit und gegen Ende lösbar sind.

In Manche mögen‘s heiß ist es die Flucht vor der Mafia, die Joe und Jerry sich als Frauen verkleiden lässt. Ein banaleres Anliegen hat Matthias Schweighöfers Alex in der deutschen Komödie Rubbeldiekatz. Da er als mittelmäßiger Schauspieler nicht den nötigen Erfolg hat, verkleidet er sich als Frau, um eine Rolle in einer Filmproduktion zu erlangen, wobei er sich in seinen weiblichen Co-Star verliebt. Die Handlung klingt nicht von ungefähr bekannt, Dustin Hoffmann befand sich in den 1980ern in einer ähnlichen Situation in Tootsie. Während Hoffmann als ältere Frau gemäß der gegenwärtigen Filmkultur in Sachen Frauendarstellung weniger den Attributen „attraktiv“ und „sexuell begehrenswert“ entsprechen muss, muss Schweighöfer als junge Frau feminin und reizvoll wirken. 

Um aus Alex daher eine glaubhafte Cross Dresserin zu machen, arbeitet der Film mit dem modernen sensiblen Mann. Während seine Brüder sich auf nackte Frauen in Magazinen einen runterholen und auf Fragen nach Alex‘ Schauspielkunst mit „Kann ich nicht beurteilen, ich kenn mich nur mit Autos aus“ reagieren, ist Alex einfühlsam und verständnisvoll. Zu feminin darf er dann letztendlich doch nicht werden. Dafür führt der Film schwule Kostümbildner ein, deren Funktion es ist, einen weit feminineren Gegenentwurf zu schaffen. Diese mit Stereotypen überladene Figur ist eine klassische Sissy-Figur des amerikanischen Kinos und findet bereits seit Jahrzehnten in etwaigen Abwandlungen vom Modedesigner, Model bis hin zum Assistenten immer wieder auf die Leinwand. Dieses zweifelhafte Scheinwerferlicht teilt sie sich mit dem ebenfalls populären „schwulen besten Freund“, ein Fixbestandteil jeglicher romantischen Komödien. 

Deutlich kritischer geht der australische Klassiker Priscilla – Königin der Wüste an das Thema heran. Protagonist Hugo Weaving darf als Travestiekünstler Tick/Mitzi noch die am ehesten normative Männerrolle übernehmen. Seine Mitstreiter Guy Pearce und Terence Stamp sind entweder extravagante Drama Queens oder transgender. Das Mantra spiegelt sich auch in einer Bar Szene wider, in der Stamp als Bernadette eine burschikose Frau unter den Tisch trinkt. Hier werden die Rollen getauscht.

 

Ein Stereotyp auf Abruf

Etwas mehr „Männlichkeit“ dürfen die homosexuellen Männer für sich verbuchen, wenn auch nur, weil sie keine Pumps tragen. Auch Schwulsein wird nach wie vor als ein Mangel an Männlichkeit ausgelegt. Die Ablehnung beruht zum Teil darauf, dass Homosexuellen als männlich angesehene Attribute wie Karriere, Frau, Kind und Haus verwehrt bleiben. Sie pendeln somit zwischen einer femininen Version von Heteromännern als auch als einer „schwachen Imitation“ von heterosexueller Weiblichkeit. Einerseits dürfen sie nie vollends alle männlichen Eigenschaften widerspiegeln, die die heteronormative Kultur vorgibt, andererseits fallen sie auch nicht in die Schublade von heterosexuellen Frauen, da Heterosexualität kulturell normativ höhergestellt wird als Homosexualität.

In Filmen dienen solche Figuren oft als Belustigung. Die deutsche Komödie Coming In, ein Film über einen schwulen Friseur, der entdeckt, dass er auch Frauen mag, spielt exzessiv mit diesen „weiblichen Männern“. Die Männer sind fast allesamt exzentrische Drama Queens. Hauptfigur Tom (Kostja Ullmann), der auch für eine Frau interessant sein muss, steht hier zwischen den Welten. Er selbst meint über sich: „Alle sagen immer, dass ich total unschwul rüberkomme.“ 

Der Film propagiert somit, dass Homosexuelle zwanghaft entlang bestimmter femininer Verhaltensmuster agieren. Dennoch kommen schwule Männer in diesem Film in ihrer „nicht-normativen Männlichkeit“ regelmäßig besser weg als Frauen. „Kein Mann, der bei Verstand ist, würde aufgeben, was du hast“, ruft ihm sein Hetero-Freund entgegen. Die Botschaft ist somit, dass Frauen aufgrund ihrer Anhänglichkeit und Schwäche komplizierter zu daten sind. Homosexuelle Männer dagegen, die nicht die männlichen Attribute von Verantwortung und Stärke in sich vereinen, hüpfen zumindest von unkomplizierter Bettstory zu Bettstory, ohne dabei „weibliche Bedürfnisse“ wie Nähe und Emotionen an ihrem Partner abzuladen.

Ein weiteres Problem in der Darstellung von Homosexualität im Film ist die Verniedlichung von Liebe. Jüngere Beispiele wie Bohemian Rhapsody oder Call Me By Your Name haben einen alten Anklagepunkt wieder aufgebracht, dass schwule Liebe eher als „male bonding“ als als sexuelle Begierde dargestellt wird. Dadurch entsteht in der Darstellung von homosexueller Liebe und Identität eine Catch-22 Situation. Einerseits wird gleichgeschlechtlicher Sex als abnorm markiert, andererseits kann er nur durch heteronormative, soziale und kulturelle Konventionen erreicht werden. Die Ideale sind immer noch die Ehe, das Niederlassen und das Fortpflanzen. 

Sexueller Trieb als Selbstfindung

Männer, die definitiv auf Frauen stehen, aber sich dennoch in einer Krise der Männlichkeit befinden, tauchen in seit den 1980ern und 1990ern immer populärer werdenden Jugendkomödien auf. Im Zentrum steht meist eine Gruppe männlicher, aus der Mittelschicht stammender Jugendlicher, die nichts anderes im Kopf hat als Frauen flachzulegen. 

Jedoch schufen die Filme ein aus heutiger Sicht problematisches sexistisches Bild des noch unreifen Schürzenjägers. In moderneren Filmen wird diese sexuelle Jagd daher feminisiert, verbunden mit mehr Respekt für Frauen. In Superbad beispielsweise weigert sich Evan (Michael Cera), mit seiner betrunkenen Flamme zu schlafen, da er sich wie ein Vergewaltiger fühlen würde. Die teilweise großspurigen sexistischen Kommentare seines Kumpels Seth (Jonah Hill) relativiert er.

Komplizierter wird es mit dem britischen Film Sex on the Beach. Der Film verfällt auf die klassischen Elemente „Sex, Alkohol und Frauen“. Die vier Jungen tragen perverse T-Shirts, machen Schwulenwitze und zieren sich dabei, sich gegenseitig den Rücken einzucremen. Diese infantile Pseudomaskulinität bricht sich jedoch mit der Figur des James (Theo James). Während die vier sich aufgrund ihres spätpubertären Status noch aufführen dürfen, ist James bereits erwachsen und müsste mehr dem konventionellen Bild entsprechen. Wenn Schwerenöter Jay (James Buckley) über sexuelle Eroberungen lügt, um sich vor seinen Kumpels zu beweisen, dann wirkt das weniger problematisch, da seine Männlichkeit als jungfräulicher Teenager noch in der Krise steckt und so als Witz verwendet wird. James dagegen wirkt misogyn, wenn er junge Frauen als Kletten bezeichnet, sie mit Bier anschüttet oder andere Kerle einlädt, an seinen Fingern zu schnüffeln. Seine heteronormativen Qualitäten schlagen daher ins Toxische um.

 

Der unvollständige Mann

Im Gegensatz zu James und als potenzielle Weiterführung der vier Jungs steht der infantile Mann. Dieser ist kein jugendlicher, künftiger CEO in spe mehr, der noch auf sexuelle Triebe hört. Von ihm wird erwartet, dass er den heteronormativen Kategorien von Erfolg und Karriere entspricht. Ein klassisches Beispiel dafür ist Adam Sandler, der eine Karriere damit aufgebaut hat, unreife Mannkinder zu spielen. Eines der ersten und schillerndsten Beispiele dieser Figuren ist sein Billy Madison. 

Dieser ist entspricht nicht nur als Charakter der präpubertären Maskulinität von Hilflosigkeit, Vulgarität und Naivität, er kleidet sich auch wie ein 10-Jähriger. Steve Buscemi, der ein ehemaliges Mobbing-Opfer von ihm spielt, wird ebenfalls als nicht maskulin genug dargestellt. Ein Typ, der von jemanden wie Billy gepiesackt werden kann, muss noch tiefer in der Männlichkeitsordnung stehen. Und so trägt Buscemi auch heimlich schon mal Lippenstift auf.

Mehr mit Karriere und Erfolg in Einklang, aber auf Kriegsfuß mit Heim, Frau und Kind steht Til Schweiger als Ludo in Keinohrhasen. „Du kannst nicht ewig so weiterleben. Was ist mit Liebe, Zuneigung und Geborgenheit?“, fragt ihn seine Schwester beim gemeinsamen Abendessen. Ludo mag zwar durchaus heteronormative Qualitäten haben, er hat eine erfolgreiche Karriere und leidet auch nicht an einer unerfüllten Sexualität, aber er ist nicht vollwertig. Als Mann muss er Stärke und Handlungsfähigkeit beweisen. Indem er seine One-Nights-Stands regelmäßig in die Wüste schickt, beweist er aber kein Verantwortungsgefühl, wie ihm Anna (Nora Tschirner) erklärt.

 

Unerreichbare Ziele

Dass er am Ende die Liebe findet, zeigt, dass auch die männlichsten unter den unzulänglichen Männern sich letztendlich einem Narrativ unterordnen müssen. Diese Attribute, anhand derer hegemoniale Maskulinität kulturell reproduziert wird, sind stoisch fixiert und lassen sich von Film zu Film und Genre zu Genre nur bedingt verändern, egal wie unerreichbar und unrealistisch sie zum Teil sind. Dennoch öffnen sich derzeit im Filmbusiness Türen, die vor Jahren noch als verschlossen galten. Männer, die sich mit ihren Gefühlen auseinandersetzen, finden ihren Weg auf die Leinwand. Schwule Männer dürfen Protagonisten sein. Die Sprache und die Konventionen, anhand derer ihre Geschichte erzählt werden, werden mit der Zeit nachziehen müssen.

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