„Im Kino gewesen, geweint!“ - Film als Therapie

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Ein Beitrag von Joachim Kurz

Das berühmte Zitat Franz Kafkas stammt zwar aus der Frühzeit des Kinos, das damals noch viel eher ein Kintopp war, doch es berührt einen Punkt, der auch heute noch seine Gültigkeit hat: Filme sind viel mehr als nur reine Unterhaltung.

Eine dunkle Begierde von David Cronenberg
Eine dunkle Begierde von David Cronenberg

Sein ganz persönliches therapeutisches Aha-Erlebnis hat vermutlich jeder Filmfreund schon einmal gehabt. Da geht man niedergeschlagen oder traurig, von Liebeskummer geplagt oder anderweitig psychisch labil ins Kino (oder vor den heimischen Fernseher) und findet dort – intendiert oder zufällig – genau den Film, der einem in dieser schwierigen Lage hilft, der anregt und schließlich dafür sorgt, dass die schweren Gedanken zumindest für einen kurzen Moment verschwinden.

Manchmal kann es aber auch umgekehrt gehen. Ich erinnere mich beispielsweise an ein Weihnachtsfest vor vielen Jahren (gut, es waren korrekterweise Jahrzehnte – und zwar mehr als zwei). Meine damalige Freundin hatte sich gerade von mir getrennt (oder ich mich von ihr – wer weiß das schon so genau?) und ich war dementsprechend leidgeplagt. Auf der Suche nach einer filmischen Abwechslung fand ich Billy Wilders The Apartment, den ich damals noch nicht gesehen hatte und von dem ich annahm, das er mich in eine heiterere Sphäre transportieren würde. Wer den Film kennt, ahnt, welch fatale Fehleinschätzung dies war.

Dass ich sozusagen die falsche Medikation für meine Missstimmung gewählt hatte, war sicherlich nicht dem Film anzulasten, dem ich seine niederschmetternde Wirkung mehr als verziehen habe. Sondern vielmehr meiner damaligen Unkenntnis über die Tief- und Abgründigkeit von Billy Wilders Humor, dem oft genug etwas überaus Existenzielles und Tragisches anhaftet. 

Zugleich aber gibt es nicht nur bei mir, sondern bei vielen Kinogängern und Filmfans immer wieder Schlüsselmomente, in denen ein Film die eigenen Sichtweisen und das Gefühlsleben gründlich auf den Kopf gestellt und neu definiert hat. So gilt beispielsweise Harry und Sally vielen (auch bei uns in der Redaktion) als Universalheilmittel gegen jede Form von Liebeskummer, Laurel & Hardy sind beliebte Tröster bei Niedergeschlagenheit, während andere Filme zielsicher den Tränenkanal auf Flutung stellen. Und neben dem Breitband wirksamer Werke gibt es natürlich immer auch solche, die den oder die einzelne/n vor allem deswegen anrühren, weil es in ihnen ein ganz bestimmtes Element oder eine Konstellation gibt, die an die eigene Biographie und eigene Erfahrungen andockt.

Betrachtet man die besondere Verbindung zwischen dem Kino und unserem Gefühls- und Seelenleben einmal abseits von persönlichen Erfahrungen, so fällt auf, wie untrennbar beides von Anfang an miteinander verbunden war. Und das dürfte auch an der merkwürdigen und bezeichnenden Gleichzeitigkeit liegen, mit der beide Phänomene auftraten: Im Jahr 1895, in dem die Gebrüder Lumière ihren ersten Stummfilm vorführten, schuf Sigmund Freud mit seiner Schrift Studien über die Hysterie die moderne Psychoanalyse. Sein fünf Jahre später erschienenes Werk Die Traumdeutung gab auch für die Filmwissenschaft wichtige Impulse für die Interpretation bewegter Bilder – zumal dem Traum wie dem Film ähnliche Eigenschaften innewohnen. In den USA wurden bereits im Jahre 1912 Filme in einer Nervenheilanstalt zu therapeutischen Zwecken vorgeführt. 

Auch wenn es bislang noch eher die Ausnahme ist, gibt es doch einige Beispiele, bei denen Filme als Teil der (psycho)therapeutischen Praxis verwendet werden: Der Wiener Therapeut Martin Poltrum etwa setzt bei seinen Behandlungen Suchtkranker am Anton-Proksch-Institut schon seit dem Jahr 2009 gezielt Filme ein, um so „die Seele der Patienten zu öffnen“.  

Denn wenn diese von dem Film, den tollen Bildern und der Musik gerührt seien, fiele es ihnen leichter, über Persönliches zu sprechen. Neben ihm gibt es noch einen weiteren Therapeuten in Wien (natürlich, wo auch sonst?), der eine Filmtherapie anbietet: Otto Teischel, dessen Homepage und dessen Buch Einführung in die existenzielle Filmtherapie (Vandenhoeck & Ruprecht Psychologie, Göttingen 2017, 151 S.) für jeden Filminteressierten und jeden dem Kino zugeneigten Psychologen eine wahre Goldgrube sind. Dort findet sich unter anderem folgende Beschreibung der Verwandtschaft von Film und Traum: „Im Traum wie im Film sind die üblichen Gesetze von Raum, Zeit und logischer Darstellung aufgehoben. Alles ist möglich: Schnitt, Umkehrung, Verschiebung, Verdichtung, Tempowechsel. Das Unbewusste kennt keine Zeit.“

Und weiter heißt es dort

„Traum und Film sind schöpferische Leistungen, die bewegen, beglücken oder verstören. Es sind die großen Menschheitsthemen, die Filmschaffende und Publikum in ihren Bann ziehen: Liebe und Hass, Schuld und Sühne, Glück und Trauer, Macht und Ohnmacht, Sehnsucht und Leidenschaft. In der Psychoanalyse gilt die Traumdeutung als der Königsweg zum Unbewussten. Der psychoanalytische Blick auf den Film sucht den verborgenen Sinn – den Film hinter dem Film – und eröffnet so zusätzliche Möglichkeiten der Interpretation.“

Die therapeutische Wirkung des Films liegt unter anderem an einem Umstand, den die Filmtheorie unter den Schlagworten Apparatus-Theorie (im angelsächsischen Sprachraum) bzw. Dispositif (in Frankreich vor allem durch Michel Foucault geprägt) zu fassen versucht hat: Nach dieser Theorie erschafft der Film bzw. das Kino vor allem durch die Positionierung des Zuschauers im Raum, durch die filmische Zentralperspektive und durch die Identifikation mit dem Blick der Kamera eine ganz eigene psychische Welt, eine paradoxe Konstellation, in er er einerseits wisse, dass das Leinwandbild nur ein Bild ist, um zugleich eben jenen Zustand der Täuschung zu genießen. Durch das kinematografische Bild vermittelt, sieht er eine reale Welt, als wäre es ein Phantasiebild seiner Träume. Diesen Konjunktiv des Träumens nennt Christian Metz, einer der führenden Vertreter der Apparatus-Theorie, in Anlehnung und Abgrenzung zum „Traumzustand“ den „Filmzustand“.

Nicht umsonst spielt seit jeher in der Filmgeschichte die Hypnose eine ganz besondere Rolle und wird seit Anbeginn der Kinos immer wieder thematisiert. Denn das Erlöschen des Lichts, das Verstummen der Gespräche, das Öffnen des Vorhangs und das Herunterzählen im Intro alter Filme sind Strategien, die den Techniken der Hypnose ähneln und im Kino die Aufmerksamkeit ganz auf die Wirkmacht der Bilder lenken.

Mitunter haben Filme nicht nur eine therapeutische, sondern darüber hinaus auch eine ergänzende pädagogische Wirkung: In seinem autobiografischen Roman Unser allerbestes Jahr beschreibt der kanadische Journalist, Schriftsteller, Fernsehmoderator und Filmkritiker David Gilmour eine außergewöhnliche Vater-Sohn-Beziehung, die ihm auch selbst auf ähnliche Weise widerfuhr: Von der Pubertät geplagt, weigert sich in dem Buch der 16-jährige Jesse, in die Schule zu gehen. Sein Vater David lässt sich schließlich darauf ein, besteht aber darauf, dass sie beide gemeinsam pro Woche drei vom Vater ausgesuchte Filme anschauen und darüber sprechen. Und so gelingt es den beiden, diese schwierige Phase zu überwinden und aus den Filmen, die von Klassikern bis hin zu Basic Instinct reichen, jede Menge fürs Leben zu lernen. 

Sicher sind Filme kein Allheilmittel und sie ersetzen gerade bei ausgeprägten Erkrankungen wie Depressionen oder Angst-Attacken keine therapeutische Betreuung. Aber sie können diese zumindest ergänzen und unterstützen. Weil Filme mit ihrem Appell an Logik, Emotion und Intuition und mit dem hohen Maß an Identifikation des Zuschauers mit dem Geschehen auf der Leinwand einen Königsweg zur eigenen Seele darstellen. Oder um es mit den Worten Ingmar Bergmans zu sagen: „No art passes our conscience the way film does, and goes directly to our feelings, deep down into the dark rooms of our souls.”

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