Features: 64 Felder, unendliche Symbolik: Schach im Film

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Ein Beitrag von Christian Neffe

Philipp Stölzls Kinoadaption von Stefan Zweigs „Schachnovelle“ ist das jüngste Beispiel aus weit mehr als 2000 Filmen, in denen das Brettspiel auftaucht. Diese Beliebtheit rührt nicht von ungefähr, sondern von der vielfältigen Metaphorik, die dem „Spiel der Könige“ innewohnt.

Schachnovelle / Das Damengambit / Das siebente Siegel

Ein Mann gefangen in einem Zimmer, die Isolation, die Untätigkeit, das vergebliche Warten auf eine Veränderung seiner Situation übermannen ihn, fressen ihn geistig auf – bis ihm das Erlernen von Schach wieder einen Sinn, eine Struktur, eine Aufgabe gibt. Dieser erzählerische Kern von Stefan Zweigs „Schachnovelle“, deren jüngste Verfilmung von Philipp Stölzl („Der Medicus“) seit dem 23. September im Kino zu sehen ist, hat eine bemerkenswerte Parallele zum Corona-Lockdown: Auch da kam es weltweit zu einem neuerlichen Schachfieber, das „Spiel der König“ fand durch seine geringe Einstiegshürde, seine Komplexität, frei verfügbare Youtube-Tutorials und digitale Plattformen, über die sich problemlos gegen andere spielen lässt, viele neue Anhänger*innen und gewann ehemalige für sich zurück. Und dann war da ja auch noch die Netflix-Miniserie „Das Damengambit“, die zum rechten Zeitpunkt kam und den Hype weiter befeuerte.

Schachnovelle und Das Damengambit sind nur zwei jüngere der unzähligen Film- und Serienbeispiele, in denen Schach eine Rolle einnimmt. Tatsächlich war und ist kein anderes Spiel so oft auf der Leinwand zu sehen: Der im Mai verstorbene Filmschach-Enthusiast Robert Basalla sprach in seinem Buch Chess in the Movies von rund 2000 Titeln – und das bereits im Jahr 2005. Neben seiner weltweiten Bekanntheit sind es vor allem zwei Aspekte, die Schach als erzählerisches Element und Rahmen interessant machen. Zum einen ist da die – im Gegensatz zu den meisten Gesellschaftsspielen – völlige Abwesenheit von Zufallselementen, hier kommt es ausschließlich auf den Verstand an. Wenn jemand gut Poker spielt, dann ist immer auch Glück dabei – gutes Schachspielen hingegen ist einzig und allein dem eigenen Können zu verdanken.

Zum anderen ist da die metaphorische Vielfalt, die sich (im Gegensatz etwa zum japanischen Go, das zwar komplexer als Schach ist, aber nur gleichförmige Steine aufzuweisen hat) aus den unterschiedlichen Figuren, ihrer Konstellation, ihren Bewegungsmustern und der Kriegs-Analogie von zwei in die Schlacht ziehenden Armeen ergibt. Für Michael Ehn und Hugo Kastner, Autoren von Alles über Schach (2010), ist es exakt diese symbolische Kraft, „die von den 64 schwarz-weißen Feldern ausgeht, gleichsam ein ewiger Kampf des Guten gegen das Böse, eine Gegenüberstellung von Gegensätzen, eine Illustration des Dualismus im Leben“, die Schach für filmische Erzählungen so ergiebig macht. Ob nun als singuläres erzählerisches Mittel, visuelles Motiv oder als übergreifender Rahmen der Erzählung.
 

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Cleverness und Konflikte
 

Ganz im Sinne der Maxime „Show, don’t tell“ kann Schach zuvorderst als relativ einfaches Mittel der Figurencharakterisierung dienen. Da es wie erwähnt als Spiel unabhängig von Glück und Zufall ist, lautet die simple Formel: Eine Person, die (gut) Schach spielt, gilt als gebildet, strategisch und vorausschauend agierend und/oder diszipliniert. Auf diese Weise wird beispielsweise Jeff Goldblums Figur in Roland Emmerichs Independence Day (1996) eingeführt, die sich in ihrer ersten Szene mit dem Vater in Schach misst. Der von Vladek Sheybal verkörperte Antagonist in James Bond: Liebesgrüße aus Moskau (1963) darf mit einem Sieg in einem Großmeisterturnier ohne viele Worte seine Intelligenz unter Beweis stellen. Rick Blaine (Humphrey Bogart) wird in der Eröffnungsszene von Casablanca (1942) durch eine Schachpartie ebenfalls unmittelbar als cleverer Charakter etabliert. Und in Harry Potter und der Stein der Weisen (2001) darf Ron in der berühmten finalen Partie Zauberschach sowohl sein (bis dahin ungeahntes) geistiges Können als auch seine Opferbereitschaft für seine Freunde demonstrieren.

Bisweilen dient Schach aber auch der metaphorischen Verdichtung von Konflikten. Nochmal Casablanca: Hier wird das Spiel mit der Französischen Eröffnung begonnen – ein Verweis auf die Okkupation Frankreichs durch Nazi-Deutschland. In Thomas Crown ist nicht zu fassen (1968) ist die Partie zwischen Faye Dunaway (als Detektivin) und Steve McQueen (als Bankräuber) ein ebenbürtiger Kampf der Geschlechter, ein sinnlich-erotischer Wettstreit auf geistiger Ebene, verstärkt durch die elegante Gestaltung der Schachfiguren. Und in Ingmar Bergmanns Das siebente Siegel (1957) spielt Max von Sydow als Antonius Block nicht nur sprich-, sondern wortwörtlich mit dem Tod (Bengt Ekerot) um sein Leben.

Bemerkenswert ist auch die Symbolik in der Partie zwischen Professor X (Patrick Stewart) und Magneto (Ian McKellen) im ersten X-Men-Film: Während letzterer Schwerfiguren einsetzt, die für die Mutanten und ihre Kräfte stehen, nutzt Professor X Bauern, um seinen Gegner mattzusetzen – was auf sein Bestreben nach einer Zusammenarbeit und Koexistenz mit „gewöhnlichen“, nicht-mutierten Menschen hindeutet.
 

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Aussichtslose Kämpfe
 

Legendär natürlich die Partie zwischen HAL 9000 und David Bowman (Keir Dullea) in Kubricks 2001: Ein Computer besiegt einen Menschen. Was heutzutage niemanden mehr überrascht, gelang in der Realität erstmals im Jahre 1996 – und war deshalb 1968 sowohl ein entsprechend aussagekräftiger Moment über die Intelligenz von HAL als auch eine Metapher für den übergreifenden Konflikt Mensch gegen Maschine, der sich später im Film weiter ausspielt. Interessantes Detail hierbei: Die von HAL aufgestellte Matt-Prognose ließe sich durchaus noch hinauszögern – wohl ein früher Verweis des Regisseurs auf die spätere Fehlfunktion der künstlichen Intelligenz.

Eine ungewöhnliche, aber umso spannendere Analogie wurde 2002 in der ersten Staffel der HBO-Serie The Wire aufgemacht. Darin erklärt der von Larry Gilliard, Jr. verkörperte Dealer seinen Freunden anhand der Schachfiguren die Machtstrukturen des Drogenhandels: Die Bauern seien die Soldaten an vorderster Front, so wie es die Jungs sind, die im Viertel die Drecksarbeit erledigen müssen. Die Königin sei „the muscle“, „the go-get-shit-done-piece“ und der König der „top dawg“, der nichts machen müsse, weil alle anderen für ihn kämpfen. Als seine Freunde fragen, wie man denn zum König werden könne, erteilt ihnen D’Angelo eine Absage: Die Bauern fallen zuerst, und selbst wenn es einer bis zum Ende des Feldes schaffe und zur Königin werde, diene er weiterhin dem König. Die Hierarchien im Drogengeschäft, in der Gesellschaft allgemein, so die Erkenntnis, sind unverrückbar.
 

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So sehr sich Schach-Enthusiast*innen jedoch über jede Filmszene freuen, in denen das Spiel auftaucht, und so oft auch Expert*innen zu Rate gezogen werden, um nachvollziehbare und spannende Stellungen zu entwickeln, so selten bekommt das Schachauge tatsächlich eine solche Partie in Gänze geboten. In den genannten Filmen sind die Aufstellungen meist nur ausschnittsweise oder gar nicht zu sehen (lobenswerte Ausnahme: In Liebesgrüße aus Moskau wird die Partie auf einer Wandtafel für alle Zuschauenden nachgestellt). Wenn überhaupt werden nur die wichtigsten Züge gezeigt, die Montage bringt die eigentliche Zugfolge durcheinander (sehr deutlich zu erkennen in Thomas Crown ist nicht zu fassen), und des Öfteren kommt es sogar vor, dass das Brett um 90 Grad gedreht ist, wie Schachmeister Daniel Rensch in einer sehenswerten Videoreihe zeigt.


Klassische Sportfilm-Strukturen
 

Solch grobe Fehler unterlaufen Filmen, die Schach nicht nur zum narrativen Mittel, sondern zum erzählerischen Rahmen machen, in der Regel zwar nicht. Doch auch hier interessiert sich die Kamera oftmals mehr für die Gesichter der Spielenden, ihre Reaktionen auf das Gegenüber, die psychologische und nicht die spielerische Ebene. Beispielhaft hierfür: Bauernopfer (2014) von Edward Zwick über das US-amerikanische Ausnahmetalent Bobby Fischer (Tobey Maguire). Dessen im Film finale Partie gegen Boris Spasski (Liev Schreiber), die laut Film als eine der besten aller Zeiten gilt, wird im Schnitt zerstückelt, das Brett nur von der Seite oder ausschnittsweise im Close-up gezeigt, nicht einmal der für alle Anwesenden so überraschende Eröffnungszug ist explizit zu sehen. Die eigentliche Zugreihenfolge sowie die übergreifende Strategie verbirgt Bauernopfer vor dem Blick der Zuschauer*innen. Woher Spasskis anschließender Applaus für das überragende Spiel Fischers rührt, erschließt sich aus dem Film selbst nicht.
 

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Strukturell betrachtet lässt sich Bauernopfer jedoch als prototypisch für die meisten Filme verstehen, die sich explizit mit Schach auseinandersetzen: Sie erzählen eine klassische Sportfilm-Aufstiegsgeschichte über ein junges Talent, das sich allen Widerständen zum Trotz emporkämpft, von einer Niederlage auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird, sich noch einmal fängt und schließlich einen furiosen Sieg erringt. Wesentlich dafür ist in der Regel eine Schüler*innen-Mentoren-Beziehung (Mentorinnen scheint der Schachfilm nicht zu kennen), von größter Bedeutung ist diese etwa in Das Königsspiel – Ein Meister wird geboren (1993) von Steven Zaillian über das US-Nachwuchstalent Josh Waitzkin (Max Pomeranc), das sowohl von Laurence Fishburne im Blitzschach als auch Ben Kingsley im Turnierschach geschult wird.
 

Spiel, Wissenschaft oder Kunst?
 

Während Bauernopfer oder auch Das Damengambit die Welt des Schachs als gnadenlos, ja geradezu toxisch für die eigenen Psyche zeichnen, in der das Spielfeld zum Kriegsschauplatz wird (nicht nur metaphorisch: in beiden Werken wird der Kalte Krieg auf das Schachbrett verlagert) und sich die Protagonist*innen immer mehr in eine Manie der Isolation steigern, um besser zu werden, wählt Das Königsspiel einen positiveren Ansatz: Der junge Josh will nicht nur für das eigene Ego spielen, sondern auch, um tatsächlich Spaß zu haben. Die für seine Weiterentwicklung so wichtige, aber zu steife Mentorenfigur von Ben Kingsley verbietet ihm, im Park am Blitzschach teilzunehmen, dort lerne er nur Tricks, aber keine Strategien – mit der Folge, dass Josh den Spaß und damit auch ein wichtiges Turnierspiel verliert. Die Frage, ob Schach nun Spiel, Wissenschaft oder Kunst sei, ist eine der zentralen von Das Königsspiel – und wird am Ende mit „Alles davon“ beantwortet. Dem vielfach bedienten toxischen Narrativ vom „Du musst dein Gegenüber psychisch zerstören“ wird hier ein positiver Entwurf entgegengestellt.

Noch positiver fällt dieser Rahmen in Mira Nairs Queen of Katwe (2016) aus. Der jungen Phiona (Madina Nalwanga) aus den Slums von Kampala in Uganda gelingt es hier, dem Kreis der Armut und Marginalisierung durch Schach zu entkommen, wofür ein spezifisches Spielelement zum Symbol erhoben wird: die Bauernumwandlung. Wenn er kämpfe und durchhalte, bis er auf der letzten Linie ankomme, wird Phiona zu Beginn erklärt, könne er zur Königin und damit mächtigsten Figur auf dem Feld werden. Am Ende, dank der tatkräftigen Unterstützung ihres Schachlehrers (David Oyelowo), hat es Phiona selbst vom Bauern zur Königin geschafft und sich dabei ihr gutmütiges Wesen bewahrt, während sämtliche ihrer Gegner*innen als jene verbissene Gewinnertypen gezeichnet werden, wie es etwa auch ein Bobby Fischer war.

So vielfältig wie die Eröffnungsmöglichkeiten beim Schach, so vielfältig fällt auch dessen Einsatz im Film aus – entweder als einfaches Mittel der Charakterisierung, als Metapher für Konflikte, als Stellvertreterschauplatz eines (ideologischen) Krieges, als Möglichkeit der Profilierung, der Selbstwirksamkeit oder des Ausbruchs aus einem repressiven System – oder aber wie in Schachnovelle als mentale Medizin, um bei geistiger Gesundheit zu bleiben. Schade nur, dass sich das „Spiel der Könige“ dabei immer wieder den Regeln einer Inszenierung zu beugen hat, die sich nicht traut, eine Partie in Gänze zu zeigen, wohl aus Angst, nicht schachspielende Zuschauer*innen zu verlieren.

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