Ein Engel auf Erden: Terence Hills „Mein Name ist Somebody“

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Ein Beitrag von Oliver Nöding

Mit Mein Name ist Somebody kehrt Terence Hill gerade ein wahrscheinlich letztes Mal in die Kinos zurück. Knüpft der Film an seine alten Erfolge mit Bud Spencer an oder öffnet er gar ein ganz neues Kapitel?

Filmstill zu Mein Name ist Somebody (2018)
Mein Name ist Somebody (2018) von Terence Hill

Mein Name ist Somebody – Zwei Fäuste kehren zurück, der Titel von Terence Hills aktuellem Film, der als Geschenk an seine Fans exklusiv in ausgewählten deutschen Kinos läuft, spielt natürlich auf seinen großen Erfolg "Mein Name ist Nobody" sowie seine Beteiligung an einem der berühmtesten Duos der Kinogeschichte an.

Zwölfmal stand Hill zwischen 1970 und 1985 gemeinsam mit dem im vergangenen Jahr verstorbenen Bud Spencer vor der Kamera und stieg dabei vor allem in Deutschland zum absoluten Superstar auf. Die „Prügelfilme“ des Duos brachen hierzulande, gestützt durch die berüchtigten Schnoddersynchros von Rainer Brandt, alle Kassenrekorde und wurden zum Teil bis in die mittleren Achtzigerjahre wiederaufgeführt. Wie alternde Stars, die nicht genug kriegen können, feierten die beiden 1995 mit dem wenig beachteten Die Troublemaker noch einmal eine Reunion. Ein Comeback im großen Stil wird dem 79-jährigen Hill auch mit Mein Name ist Somebody nicht gelingen:  Der ruhige, kontemplative, mitunter rührend unbedarfte Film passt nicht in die heutige Filmlandschaft, in der ein Event das nächste jagt, Filme nach Spielzeuglinien gefertigt werden und dreistellige Millionenbudgets verschlingen. Und wenn sein deutscher Titel eine Fortführung der alten Tradition verspricht, zeigt Hill doch viel eher, dass sein mephistophelischer Clown von einst heute mit anderen Mitteln arbeitet. 

 

Frieden schließen mit der Sterblichkeit

Hill spielt den Mönch Thomas, der sich eines Tages, anscheinend ohne bestimmten Anlass, mit dem Motorrad auf den Weg von Italien nach Andalusien macht. Unterwegs sammelt er die Ausreißerin und Gelegenheitsdiebin Lucia (Veronica Bitto) auf, die er erst nicht mehr los wird und für die er dann väterliche Gefühle entwickelt, als er erkennt, dass sie schwerkrank und suizidal ist. In den Überresten einer alten Italowesternstadt bringt er sie dazu, sich mit ihrer Sterblichkeit auseinanderzusetzen und ihr Schicksal zu akzeptieren. Hill, der Mein Name ist Somebody nach eigenem Drehbuch inszenierte, widmet sein Alterswerk seinem im vergangenen Jahr verstorbenen langjährigen Partner und Freund Bud Spencer und setzt sich intensiv mit dem Tod auseinander: Mehr noch als um den Tod des Freundes – oder der Figur der Lucia – geht es um sein eigenes Sterben. Sein immer noch stahlblauer, lediglich etwas blasser gewordener Blick, scheint einen Punkt hinter dem Horizont zu suchen, etwas zu fokussieren, das erst im Alter wirklich greifbar wird – und es dann auch zu finden. 

 

Auffallend viele Einstellungen und Szenen zeigen diesen Thomas, wie er die Schönheit der Natur oder des Sternenhimmels bewundert, wie er entspannt unter freiem Himmel ein Nickerchen macht oder Briefe aus der Wüste liest, ein Buch des religiösen Schriftstellers Carlo Caretto. Es gibt Marienerscheinungen, wie durch ein Wunder auf dem Wüstenboden blühende Blumen, und Schutztiere, die die Protagonisten zu begleiten scheinen. Die Schlägerei, die in der Mitte des Films die offenkundigste Verbeugung vor den Fans und der eigenen Vergangenheit darstellt, ist auch ein krasser Bruch des kontemplativen Tons. Wer angesichts des deutschen Titels eine Rückkehr zu den Prügelkomödien erwartet, wird Mein Name ist Somebody irritiert verlassen. Aber wer genauer hinschaut, der erkennt in Hills Thomas doch eine recht konsequente Verlängerung seiner Persona ins Rentenalter.

 

Virtuosen der Backpfeife

Bei der Kritik hatte das Duo Spencer/Hill stets einen eher schweren Stand: Die beiden verkörperten in ihren Filmen einfache Typen, die irgendwie durchs Netz der Gesellschaft gerutscht waren und sich mit kleinen Gaunereien und Gelegenheitsjobs über Wasser hielten. Probleme wurden von ihnen mit der Faust gelöst, die Filme kulminierten meist in ausufernden Massenschlägereien. Kraftausdrücke, Klamauk, dumme Sprüche und Furzwitze waren nicht der Stoff, mit dem das Feuilleton zu überzeugen war, dafür liebte das Publikum die Eskapaden der zwei umso mehr. Die rechte und die linke Hand des Teufels, der Italowestern, mit dem alles anfing (Hill und Spencer hatten bereits zuvor in einigen Filmen zusammen agiert, doch erst dieser etablierte die erfolgreiche Formel), zog fünf Millionen Menschen ins Kino und landete am Ende des Jahres auf Platz drei der Kinocharts. Ein Jahr später kam die Fortsetzung Vier Fäuste für ein Halleluja auf über elf Millionen Zuschauer und eroberte sogar die Spitzenposition – weit vor Coppolas Der Pate. 1973 setzte der Abenteuerfilm Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle die Erfolgsgeschichte fort (Platz 2, 6,5 Millionen Zuschauer). Und so ging das bis 1981 weiter: In jedem Jahr fand sich mindestens ein Film der beiden oder mit Hill und Spencer in einer Solorolle in den Top Ten wieder. Erst dann setzten Ermüdungserscheinungen ein, die 1985 schließlich im orientierungslosen Die Miami-Cops resultierten, der das vorläufige Ende der Kollaboration bedeutete. 

Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle; Copyright: Tobis
Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle; Copyright: Tobis

So einfach das Rezept der Filme heute bei unbedarftem Blick erscheint: Ihr Erfolg fußte auf einer sehr clever entwickelten Beziehungsdynamik zwischen den beiden Protagonisten, ihrer unübersehbaren Chemie und natürlich der schauspielerischen Umsetzung. In Kollaboration mit wechselnden Regisseuren entstand ein auffallend homogenes Werk, das im Kern beinahe mythische Qualitäten erreicht: Ihre Figuren – der schlitzohrige, aufmüpfige Hill auf der einen Seite, der phlegmatische Kraftprotz Spencer auf der anderen – kommen aus dem Nichts wie fleischgewordene dei ex machina, räumen mit einigen austauschbaren Bösewichtern auf und verschwinden am Ende wieder, um sich dann im nächsten Film unter anderen Namen zu materialisieren. Gerade Hill wirkt mit seinem guten Aussehen und besagtem Blick immer wie ein Engel, der einen vom rechten Pfad abgekommenen Taugenichts (Spencer) dazu manipuliert, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. 

 

Zwischen Idealismus und Plattfüßen

Die Diskrepanz zwischen den beiden Figuren war immer der Kern ihres Witzes, was der Kritik zwischen all den Kalauern und Maulschellen leider meist verborgen blieb. Und es ist das Zusammenspiel von Hill und Spencer, das die Filme tatsächlich zeitlos macht, so sehr sie oberflächlich auch in ihrer Entstehungszeit verhaftet sind, und ihnen eine heute noch treue Fanschar sichert. Das diabolische Blitzen in Hills Augen, wenn er dem gutgläubigen, opportunistischen Spencer irgendeine Lügengeschichte auftischt, die ihn zum Mitmachen bewegen soll; dessen Resignation, wenn er feststellt, dass er wieder einmal nur manipuliert und benutzt wurde, dass er gar nicht der Anführer ist, sondern nur eine Marionette; schließlich der Moment, in dem sein Zorn über diese Manipulation der Begeisterung an der gemeinsamen Mission und den übermenschlich anmutenden Talenten des Partners weicht – eine Begeisterung, die er diesem lästigen Clown natürlich niemals zeigen will, um die Souveränität nicht zu verlieren. 

 

Es sind vor allem diese kleinen Momente, die Reaktionen Spencers, seine Blicke, Stöhner, Augenroller, Stoßseufzer, fallenden Schultern, facepalms, die auch nach 40 Jahren noch für die Filme einnehmen und als glaubwürdige Repräsentationen des täglichen menschlichen Kampfes mit der eigenen Unzulänglichkeit, der Zerrissenheit zwischen Idealismus, Egoismus und schierer Indifferenz und Bequemlichkeit gelten dürfen. Hill war vermutlich der vielseitigere, technisch bessere Schauspieler, gutaussehend und sportlich noch dazu, aber es ist Spencer, der sie erdet. Gemeinsam verkörpern sie die ganze Dialektik des Seins: das verzweifelte Streben nach den Sternen, die dank Plattfüßen und Fettwanst unerreichbar bleiben müssen.

 

"Mein Name ist Nobody" als Selbstspiegelung

Das Konzept, das in Mein Name ist Somebody am Werk ist, hat Hills Schaffen als Hauptdarsteller über mehr als 50 Jahre getragen. Schon in seinem großen Solohit, Tonino Valieriis Italowestern-Klassiker Mein Name ist Nobody spielte er den buchstäblich Namenlosen, der wie ein Geist ins Leben des alternden Revolverhelden Jack Beauregard (Henry Fonda) tritt, um diesem ein seinem Leben angemessenes Ende zu bescheren. Auch wenn sie motivisch, technisch und tonal kaum weiter auseinanderliegen könnten, handelt es sich doch um Spiegelfilme. Dort der wie ein Gummiball umher hüpfende, seinen großen Helden in die letzte Schlacht treibende „Nobody“, hier der alternde Thomas, der eine Todgeweihte für die letzte große Reise wappnet. Es ist natürlich kein Zufall und mehr als ein Zitat, dass diese Lektion in der andalusischen Sierra Nevada abgehalten wird, an dem Ort, wo Hill den Grundstein für seine Karriere legte und einst etliche Eurowestern entstanden – heute eine Fußnote der Geschichte, von der nur noch Ruinen zeugen. 

Mein Name ist Nobody; Copyright: Tobis
Mein Name ist Nobody; Copyright: Tobis

Auch wenn sich Hill in seinem Film immer noch als Reisender inszeniert: Er weiß, dass diese Reise bald beendet sein wird. Es war eine aufregende, aber bestimmt auch anstrengende Reise: Er arbeitete mit Luchino Visconti, einem der großen europäischen Filmemacher, er hatte Anteil am bahnbrechenden Erfolg der Karl-May-Verfilmungen, der wiederum den Grundstein für den Italowestern legte, zu dessen wichtigsten Protagonisten er zählte, und stieg mit seinem Partner Bud Spencer zum Weltstar auf. Auf seiner anlässlich von Mein Name ist Somebody abgehaltenen Promotour jubelten dem alten Herrn Tausende von Fans zu, für die seine Filme untrennbar mit der eigenen Biografie verschmolzen sind. Wie sein „Nobody“ hat Hill mit seinen Filmen untilgbare Spuren hinterlassen, Wege beeinflusst, Persönlichkeiten geformt. Was auch immer er in den nächsten Jahren noch vorhat: Wenn er gehen wird, gibt es nichts, rein gar nichts zu bedauern.

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