„Där rode Geicher von Zwigge“ - Gert Fröbe

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Ein Beitrag von Joachim Kurz

Heute vor 30 Jahren starb Gert Fröbe. Aus diesem Anlass erinnert sich Joachim Kurz an einen Schauspieler, der ihm als Kind Angst, Schrecken und einige schlaflose Nächte bescherte.

Gert Fröbe in "Es geschah am hellichten Tag"
Gert Fröbe in "Es geschah am hellichten Tag"

Gäbe es nur eine Rolle, die am besten die Ängste beschreibt, die einem das Kino in jungen Jahren einpflanzt, dann trüge dieser kinematographische Albtraum mit ziemlicher Sicherheit in meinem Fall das Antlitz von Gert Fröbe. Dabei trage ich an diesem Umstand und dieser kindlichen Traumatisierung durchaus selbst schuld, aber das macht es keinen Deut besser.

In meiner Kindheit hatten meine Eltern die Angewohnheit abends selig vor dem Fernseher einzuschlafen, der dann munter in unserem Wohnzimmer vor sich weiter brabbelte und brummelte, knallte und anderer verheißungsvolle Geräusche von sich gab. In jenen Jahren war der Fernsehkonsum für uns Kinder streng reglementiert und sanktioniert - und klar, dass ich sowieso nie die Dinge sehen durfte, die ich sehen wollte. Aber zum Glück gab es ja die Müdigkeit der Eltern einerseits und meine kindliche Neugier und Wachheit andererseits, so dass ich mich zusammen mit meiner Schwestern abends, wenn wir gewiss sein konnten, dass der elterliche Blick längst im Reich der Träume weilte, vor den Fernsehapparat schlich. Die Anordnung der Sitzgarnitur (rot-braun gemustert und aus schwerem Eichenholz) erlaubte es, uns dank der Anordnung zweier schwerer Sessel selbst vor einem halbwachen Kontrollblick der Eltern zu verbergen. Gleichzeitig aber bestand in dieser möglichen Gefahr der entrüsteten Entdeckung auch ein gewisser Reiz, der das Glück jener gestohlenen Fernsehminuten und Stunden vervielfachte. 

An einem jener Abende also, als wir uns wieder zur Wohnzimmer-Schrankwand (Mooreiche und in einer süddeutschen Variation des Gelsenkirchener Barock gehalten) mit dem Fernsehapparat geschlichen hatten, lief ein Film, der uns schnell interessierte, denn den einen der beiden Schauspieler erkannten wir sofort als den lustigen und stets vergnügten Heinz Rühmann, der in unserer Unbedarftheit so etwas wie ein Garant für harmlosen Spaß war. Allerdings dämmerte es uns an diesem Abend schnell, dass dieser Film aus einem anderen Holz geschnitzt war. Denn da gab es diesen anderen Mann, den wir zwar ebenfalls schon von Filmen wie Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten (Regie; Ken Annakin; Großbritannien 1964) und Tschitti Tschitti Bäng Bäng (Regie: Ken Hughes; Großbritannien 1968) kannten, der hier aber auf den ersten Blick erkennbar komplett ausgewechselt schien. Gerade deswegen zog er uns sofort in seinen Bann - Gert Fröbe.

 

Der Film, in den wir damals hineingeraten waren, war natürlich Ladislao Vajdas Es geschah am hellichten Tag (1958) nach dem Roman Das Versprechen von Friedrich Dürrenmatt - bis heute einer der unglaublichsten und gruseligsten Filme der Schweizer und Bundesrepublikanischen Nachkriegsfilmgeschichte, selbst wenn das Drehbuch dem Werk ein ganz anderes und viel versöhnlicheres Ende verpasste, als dies Dürrenmatt vorgesehen hatte.

 

Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, ob wir es an diesem Abend wirklich geschafft haben den Film zu Ende zu schauen - wenn ich ihn mir heute anschaue (und ich habe das seitdem etliche Male getan), glaube ich das eher nicht. Was ich aber sicher weiß ist Folgendes: Die nächsten Nächte waren meinerseits sehr unruhig und wenn meine Mutter mich fragte, was denn sei, so konnte ich ihr darauf nichts antworten - zumindest nicht die Wahrheit.

Was für mich ein Schlüssel zu filmbedingten Albträumen war, war für Gert Fröbe der Zugang zu höheren filmischen Weihen: Aufgrund seiner Rolle in Es geschah am hellichten Tag soll er später von Albert R. Broccoli einen weiteren Part als Bösewicht angetragen bekommen haben, für den er mindestens ebenso bekannt sein dürfte wie in der Rolle des Kindermörders - Auric Goldfinger im dritten Film der Bond-Reihe Goldfinger (Regie: Guy Hamilton; Großbritannien 1964).

 

Dank dieser und vieler anderen Rollen mag man kaum glauben, wie Gert Fröbe 1948 aussah, als er zum ersten Mal auf der Kinoleinwand zu sehen war: In Robert A. Stemmles sehenswertem, auf einem Kabarettprogramm basierenden Berliner Ballade spielt er den spindeldürren Kriegsheimkehrer Otto Normalverbraucher, der mitten in den Berliner Trümmerlandschaften davon träumt, sich endlich wieder einmal sattessen zu können.

Kaum zehn Jahre später und damit parallel zum bundesdeutschen Wirtschaftswunder hatte sich der 1913 geborene rötlichblonde Zwickauer, in Jugendjahren noch Straßenmusikant, bereits einen stattlichen Wohlstandsbauch angefressen und wurde so auch zum Inbegriff des selbstzufriedenen Deutschen, der das Gestern tüchtig verdrängt hat, der aber wie sein Oberst von Holstein in Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten immer noch die preußischen Tugenden pflegt. Unvergessen dürfte jener Satz sein, der geradezu prototypisch ist für die Rollen, für die Fröbe immer wieder ausgesucht wurde: 

„Es gibt nichts, was ein deutscher Offizier nicht kann“ hieß da es, bevor ein des Fliegens völlig unkundiger deutscher Soldat an den Steuerknüppel eines Flugapparates gesetzt wird, um für Kaiser und Vaterland den Sieg in einem Luftrennen zu erringen.

 

Ähnlich fröhlich und mit Lust am Komödiantischen war auch Fröbes Auftritt als Räuber Hotzenplotz in der Verfilmung von 1974. 

 

Solche Rollen versperren aber leicht den Blick darauf, dass Fröbe auch anders konnte - und dass er keineswegs nur ein begnadeter Komödiant war, sondern auch ein Meister der leisen, feinen Zwischentöne, der mit Großmeistern des Regiefachs wie Luchino Visconti (Ludwig II.; 1972) und Ingmar Bergman (Das Schlangenei, 1977) zusammenarbeitete. 

 

 

Später, als die Filmangebote spärlicher wurden - ingesamt wird er als Darsteller in 111 Filmen und TV-Werken geführt -, verlegte sich Fröbe auf Rezitationsabende, bei denen er Ringelnatz, Morgenstern und Kästner zum Vortrag brachte. Nach einem dieser Abende erlag er, der ein Mundhöhlenkarzinom überstanden hatte, am 5. September 1988 den Folgen eines Herzinfarktes, den er anscheinend am Morgen erlitten hatte. Gert Fröbes letzter Auftritt in „Die Schwarzwaldklinik - Hochzeit mit Hindernissen“, die Folge wurde erst mit einiger Verspätung nach seinem Tod am 25. März 1989 ausgestrahlt.

 

Betrachtet man die ungeheure Karriere von Gert Fröbe, dann erstaunt und fasziniert die Bandbreite seiner Filme, die Vielfalt seiner Begabungen und Ausdrucksmöglichkeiten, die Leichtigkeit, über die dieser massige Mann verfügt - auch wenn er für mich stets der Mann bleiben wird, der mich das Fürchten lehrte. Nicht allein dafür gilt ihm mein Dank. 

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