Es geschah am hellichten Tag

Es geschah am hellichten Tag

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Heinz Rühmann und Gert Fröbe in Bestform

Die Kinderzeichnung vom Igelriesen, das kleine Mädchen im Wald, der panisch schwitzende Hausierer, der Mörder mit der Kasperpuppe, der schwarze Buick, die nervösen Hände mit dem Rasiermesser: Wer diesen Film jemals in jungen Jahren sah, wird sich zumindest noch an einzelne dieser starken schwarzweißen, von effektvoller Musik unterstrichenen Bilder erinnern, die von atemloser Bedrohlichkeit durchtränkt sind. Es geschah am hellichten Tag aus dem Jahre 1958 zählt zweifellos zu den visuell derart markanten Filmen, die sich mit ungeheurer Emotionalität und Nachhaltigkeit in das Bewusstsein des Zuschauers brennen. Diese flirrende Intensität liegt nicht zuletzt in dem ebenso grausamen wie spannenden Thema begründet, das sich mit einem der abscheulichsten Verbrechen überhaupt beschäftigt. Als Auftrag für einen Fernsehfilm über Sexualdelikte an Kindern verfasste der Schweizer Autor und Künstler Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) das Drehbuch zu Es geschah am hellichten Tag, wobei er parallel dazu die literarische Fassung Das Versprechen. Requiem auf den Kriminalroman schrieb. Diese repräsentiert eine psychologisch ausgereifte und verschärfte, schwerlastige Variante der Geschichte und beschwört mit scharfsinniger Präzision deutlicher filigrane philosophische Dimensionen herauf. Doch trotz seiner letztlich ein wenig gefälligen Gestaltung vermag die dramatische Verfilmung dieses Krimis mit seiner aufschreckenden Spannung und seinen fabelhaften Akteuren auch mit heutigem Blick in geradezu magischer Manier zu fesseln.
Oberleutnant Dr. Matthäi (Heinz Rühmann) von der Zürcher Kantonspolizei, ein passionierter Einzelgänger mit permanentem Wohnsitz in einem Hotel, bereitet sich gerade auf seine Abreise nach Jordanien vor, wo der renommierte Kriminalexperte für fünf Jahre seinen Dienst ausüben soll. Doch der letzte Fall, mit dem sich der ebenso professionell wie kühl auftretende Matthäi im beschaulichen Mägendorf beschäftigen muss, erschüttert nicht nur Mark und Bein der ländlichen Bevölkerung, sondern entwickelt sich für den Kriminalisten persönlich zu einer Krise innerhalb seiner gewöhnlich distanzierten Lebenskonfiguration. Die Leiche der kleinen Gritli Moser wird entsetzlich zugerichtet im Wald vom Hausierer Jacquier (Michel Simon) entdeckt, der trotz verzweifelter Unschuldsbeteuerungen sofort als Mörder gilt und nur knapp von Matthäi vor der Lynchjustiz der aufgebrachten Bauern gerettet werden kann. Als der Oberleutnant den schwierigen Gang zu Gritlis Eltern absolviert, um ihnen den Tod ihrer Tochter mitzuteilen, gibt er ihrer Mutter spontan das Versprechen, den Mörder zu finden – bei seiner Seligkeit.

Während der Ermittlungen, die nach Matthäis Abreise der aufstrebende Leutnant Henzi (Siegfried Lowitz) übernehmen soll, der den Fall so rasch wie möglich lösen will und sich auf den Hausierer als Schuldigen einschießt, ist Matthäi selbst zunehmend davon überzeugt, dass es sich bei dem Mörder um einen unbekannten, in der Region pendelnden Serientäter handelt, der bereits zwei kleine Mädchen getötet hat und bald wieder zuschlagen wird. Kurzerhand lässt Matthäi seinen Flieger nach Jordanien sausen und konzentriert sich von nun an ganz auf die Suche nach dem großen dunklen Mann, den Gritli auf einer Zeichnung als „Igelriesen“ beschrieben hat und den er für den Mörder hält. Auch als die Polizei den Fall zu den Akten legt, nachdem der Hausierer unter dem Druck der Verhöre ein Geständnis abgelegt und sich anschließend in seiner Zelle erhängt hat, ermittelt Matthäi ganz privat weiter, zur Verwunderung und Besorgnis seiner ehemaligen Kollegen. Und in der Tat verhält sich der Oberleutnant, der sogar seinen Dienst quittiert, äußerst seltsam, so beherrscht ist er von der Idee, dass der Igelriese bald eine neue Tat begehen wird. Er pachtet eine Tankstelle an der Landstraße und holt sich als Haushälterin die allein erziehende Frau Heller (Maria Rosa Salgado) ins Haus, deren kleine Tochter Annemarie (Anita von Ow) der ermordeten Gritli durchaus ähnlich sieht. Bald bemerkt auch der gehemmte Geschäftsmann Schrott (Gert Fröbe), der von seiner dominanten Frau (Berta Drews) ungnädig beherrscht wird und regelmäßig in seinem Buick auf der Landstraße unterwegs ist, mit zunehmender Nervosität die Anwesenheit des kleinen blonden Mädchens in der Nähe der Tankstelle …

Es geschah am hellichten Tag ist ein vielschichtiger Krimi von schwelender Intensität und Höchstspannung, der sich von moralischen Fragen flankiert und mit psychologischer Filigranität auf das finale Duell zwischen dem besessenen Ermittler und dem ebensolchen Mörder zuspitzt. Hier brillieren Heinz Rühmann und Gert Fröbe als Gegenspieler, die ihre Rollen mit einer souveränen Meisterschaft verkörpern, die diesen Film zu Recht zu einem schwarzweißen Klassiker des deutschen Films werden ließ, der auch fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen noch unbedingt sehenswert ist.

Es geschah am hellichten Tag

Die Kinderzeichnung vom Igelriesen, das kleine Mädchen im Wald, der panisch schwitzende Hausierer, der Mörder mit der Kasperpuppe, der schwarze Buick, die nervösen Hände mit dem Rasiermesser: Wer diesen Film jemals in jungen Jahren sah, wird sich zumindest noch an einzelne dieser starken schwarzweißen, von effektvoller Musik unterstrichenen Bilder erinnern, die von atemloser Bedrohlichkeit durchtränkt sind.
  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Weitere Filme von

Ladislao Vajda