Darling der Woche: Element unendlicher Möglichkeiten: Das Meer im Film

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Bianka-Isabell Scharmann

Unerforschte Tiefen und turmhohe Wellen: Das Meer gibt sich vielgestaltig im Film. Anlässlich des ‚Tag des Meeres‘ blicken wir auf die Bilder, die Geschichte und Bedeutung der Ozeane und ihrer Bewohner*innen im Film. Ein Text, der gleichzeitig ein Appell ist, sich um den Schutz des Meers zu bemühen. 

Ein Schlafzimmer ganz in Blau getaucht (Wasser)
"Im Rausch der Tiefe"

Die Brandung der Wellen, das sanfte Gleiten des Wassers über die Füße während einem Strandspaziergang, der noch feuchte Sand unter denselben, dazu ein leicht salziger, aber auch frischer Duft in der Nase: es braucht nicht viel, um Bilder des Meeres im Geist wachzurufen. Heute, am 08.06., ist ‚Tag des Meeres‘. Ein 2009 ins Leben gerufener Aktionstag der Vereinten Nationen, der auf der ganzen Welt begangen werden soll, um auf die Bedrohung der Weltmeere aufmerksam zu machen. Anlässlich dieses Tages blicken wir auf das Meer im Film. Wir schauen in die Geschichte, auf den Wandel, den das Meer im Film vollzogen hat, auf die unendlichen Möglichkeiten des nassen Elements. Dabei soll dieser Text aber auch ein Appell sein: Diesen Raum der Möglichkeiten, des Lebens, der Freude und auch des Zuhauses zu schützen. Ohne ihn wäre unsere Filmkultur um einiges ärmer. Und unser Leben auf diesem Planeten unmöglich.

 

 

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Die Faszination, die vom Meer ausgeht, brauchte nicht lange, um erstmalig auf Film gebannt zu werden. Schon im Jahr 1895 haben keine anderen als die Lumières die ruhige Brandung und in sie springende Badende aufgenommen. Die ersten dokumentarischen Aufnahmen wurden dann bald durch die sich herausbildenden narrativen Filme ersetzt. 

 

Mythen

 

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Mit ihnen hielten mythologische Figuren Einzug, allen voran Variationen der Meerjungfrau. Undine von 1916, The Water Nymph mit Mabel Normand von 1912 und besonders beliebt waren die Filme mit dem Schwimmstar Annette Kellermann – darunter Neptune’s Daughter von 1914 –, sie alle personifizierten die Faszination für die Mythen des Meeres. Das Meer ist in der Mythologie stark mit dem Weiblichen verbunden: das Unbekannte, das Unkontrollierbare, Unerforschte Tiefen, in die es vorzustoßen gilt, eine Naturgewalt, die man(n) beherrschen muss. Nymphen und Meerjungfrauen locken Seemänner in ihr Verderben. Diese Bedeutung des Meeres im Film ist auch heute noch spürbar. Der beliebte Disney-Film Arielle die Meerjungfrau (1989) stellt da beispielsweise eine neuere Version der Zähmung der sich dem Zugriff entziehenden Frau dar.

 

Vielgestaltig

Es ist erstaunlich, wie vielgestaltig das Meer in der Filmgeschichte auftritt: es kann eine Barriere sein, die es zu überwinden gilt oder zu teilen heißt – wie in der biblischen Geschichte um den Auszug aus Ägypten, die bereits mehrfach verfilmt wurde, darunter gleich zweimal von Cecil B. DeMille, 1923 und 1956. Es ist gleichzeitig eine Naturgewalt mit unglaublicher Zerstörungskraft – Tsunamis bevölkern seit einigen Jahren vermehrt die Leinwände, 2012 (2009), The Day After Tomorrow (2004) und andere. Dieser Wucht kann man nichts entgegensetzen, für sie ist alles gleich, Wolkenkratzer, Menschen, Autos, Pflanzen. Das Meer ist ebenso ein Ort für Monster, die aus der Tiefe kommen, wie der Kraken aus der Fluch der Karibik-Reihe; oder der Wal Moby Dick aus Herman Melvilles gleichnamigem Roman wird zum vermeintlichen Antagonisten von Chris Hemsworths Figur in Im Herzen der See (2016).

 

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Doch das Meer ist auch gleichzeitig ein Raum für Urlaub, wie es in unzähligen Filmen gezeigt worden ist; ein Raum, der Sicherheit und Spaß verspricht. Doch genau der letzte Aspekt ist es, der das vermeintliche Paradies schnell in eine Hölle verwandelt, denn The Beach (2000) stellt nur dem Schein nach den perfektesten Ort auf der Welt dar. Das Meer wirkt somit auch als Isolator, es schneidet Inseln wie auch Schiffsbrüchige von der Außenwelt ab. So hält das Meer beispielsweise in Shutter Island (2003) den Wahnsinn im Zaum. Schiffsbrüchige hingegen suchen den Kontakt, doch das Meer verhindert ihn. Cast Away (2000) hat uns nicht nur eine der besten Performances von Tom Hanks beschert, sondern auch eine der berührendsten Freundschaftsszenen der Filmgeschichte. In dieser steht die Verzweiflung Chuck Nolands über den Verlust Wilsons, seines besten Freundes, auf hoher See in krassem Kontrast zu dem ruhigen, rhythmischen Geräusch der Wellen, die unbeirrbar ihrem eigenen Takt folgen, deren Monotonie auf eine Zeit hindeutet, die sich außerhalb menschlichen Zugriffs und Ermessens befindet.

 

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Ein Verbündeter?

Das Meer folgt also seinen ganz eigenen Regeln, es ist unberechenbar. So sollte man sich nämlich keinesfalls darauf verlassen, dass das Meer ein partner in crime ist. Dieses Vertrauen wurde schon so manchem Ganoven zum Verhängnis, spülen die Wellen doch gerne mal an, was Mensch am liebsten am Meeresgrund gewusst hätte. In Der talentierte Mr. Ripley bringt Tom Ripley (Matt Damon) seinen Freund Dickie (Jude Law) auf einem Boot um – und wirft seinen Körper in die See. Hier funktioniert die Partnerschaft. In einer früheren Version derselben Grundlage – einer Novelle von Patricia Highsmith – Nur die Sonne war Zeuge von 1960 mit Alain Delon versucht Delon aka Ripley dasselbe. Doch hier taucht der Körper wieder auf. Und in dieser Version kommt Ripley nicht mit dem Mord davon. Das Meer lässt sich nicht so einfach zum Komplizen machen. Es hat seinen eigenen Willen.

Gleichzeitig ist das Meer aber auch das Versprechen einer Reise, der Aufbruch in eine neue Welt. Der wiederum, wie in Titanic (1997), auf tragische Weise durch die Unberechenbarkeit des Meeres und die Überheblichkeit des Menschen im Angesicht einer Naturgewalt endet. Die See als Raum der Möglichkeiten und vor allem auch, um seinen Mann zu stehen wurde mehrfach als Topos bearbeitet: die unzähligen Filme über Piraten und ihre Abenteuer, ihre Reisen, das in See stechen (schon mal über die Konnotation dieses Bildes nachgedacht?) legen davon Zeugnis ab.

 

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Das Meer zeigt sich jedoch bisweilen auch von seiner nährenden, schützenden und heimeligen Seite – es ist dem Menschen nicht immer feindselig gesinnt. So behütet wie in Ponyo (2008) hat man sich in diesem Element wohl selten gefühlt. Und natürlich schützt das Meer seine angestammten Bewohner*innen. Was es wiederum uns erlaubt, Geschichten anderer Lebensräume zu erzählen, uns in andere Lebensrealitäten reinzudenken. Perfekt ist dafür der Zeichentrickfilm oder die -serie – denn mit Spongebob Schwammkopf wurde beispielsweise sicherlich einer der beliebtesten Charaktere der letzten Jahre geschaffen. Findet Nemo (2003) und der Nachfolger Findet Dorie (2016) haben uns mit auf ihre ganz eigenen Reisen unter Wasser genommen und auch wenn Große Haie – kleine Fische (2004) mehr Klamauk und Hutziehen vor Filmgeschichte war als gesellschaftlich relevante Parabel, hatte man doch großen Spaß an den Problemen vegetarischer Haie und den Verführungskünsten schillernder Fischdamen.

 

Wasserscheide in der Filmgeschichte

Bisher habe ich selbst hier von dem Meer als Person oder zumindest als Entität gesprochen, ihm Eigenschaften und Charakterzüge attestiert. Dass filmisch gesehen diese Personifikation gar nicht so alt ist (die mythologische mal ausgeklammert), das wurde im Verlauf der Recherche für diesen Text klar. Denn ich begann mir die Frage zu stellen, wann genau das Meer im Film eigentlich zu einer wirklichen Sache, zu einem Thema wurde.

 

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Es sind zwei Noten, die so vieles verändert haben, zwei Noten und eine Schwanzflosse, die aus dem Wasser ragt: Spielbergs Der weiße Hai (1975) hat das Meer in einen Charakter verwandelt. Aus mythischem Seemonster und Geschöpfen wurde eine reale Bedrohung. Nymphen und Meerjungfrauen, von denen wir wissen, dass sie nicht existieren, oder auch Seemonster, die keine wirklichen sind – Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer wurde erstmalig 1916 verfilmt, um dann 1954 mit 20.000 Leagues Under the Sea ein Disney-Makeover zu bekommen: sie machten Platz für das im Hai personifizierte, uralte Böse ohne Gefühle.

 

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Und mit James Camerons The Abyss (1989) wurde das Meer letztendlich vollkommen belebt, zu einer Figur aus Wasser, der man von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen kann. Luc Besson wandelte im gleichen Jahr ähnlich die Angst vor der Tiefe in eine tiefsitzende Faszination mit Im Rausch der Tiefe um, in dem in einer ikonischen Szene die Unterwasserorganismen wie kleine Sterne zu leuchten beginnen. Und wenn das heimelige Schlafzimmer sich in einen Ort unter Wasser verwandelt, sich beide Räume zu einem verschmelzen, dann ist das das perfekte Bild für die Unterwasserträume, die uns das Kino beschert.

Tatsächlich stellen die 70er und 80er Jahre so etwas wie eine Wasserscheide dar: Seitdem tritt das Meer verstärkt und in verschiedenen Facetten im Film in Erscheinung. Davon zeugt auch der hier gegebene kursorische Überblick: Im Film der letzten gut vier Jahrzehnte wütet und waltet das Meer, sorgt es für Wunder und Bilder fast schon außerirdischer Schönheit in immer größerem Umfang.

Ein Aspekt blieb bisher jedoch fast unberührt: Das Meer ist ganz klar Nahrungsspender und Arbeitgeber für uns Menschen – aber, und das ist viel wichtiger, Lebensraum für unzählige Organismen, Fische und Säugetiere.  

 

Unerforschte Tiefen

Das Meer bietet, wie bereits angesprochen, auch einen Raum, den es zu entdecken, zu erforschen und ans Licht zu holen gilt. Der erste, der versuchte, den Lebensraum filmisch zu dokumentieren war der Franzose Jean Painlevé, dem es gelang, Meeresbewohner auf Zelluloid zu bannen. The Seahorse von 1934 dokumentiert beispielsweise das Leben der Seepferde. Tatsächlich begann Painlevé schon im Jahr 1927 mit der Kamera die Gewässer Frankreichs zu erforschen und benutzte dafür die ersten Unterwasserkameras der Welt.

 

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Dass der Lebensraum Ozean noch bis heute fasziniert, davon zeugen die unzähligen Unterwasseraufnahmen in vielen dokumentarischen Produktionen. Sie ermöglichen es uns, aus sicherer Entfernung die Farbenpracht der Fische und Korallen, das Spiels des Lichts unter Wasser einzusaugen, und sogar bis in die Tiefen der See vorzustoßen, wo wir auf echte Kreaturen stoßen, die wahr gewordene Fiktion zu sein scheinen.

Einige von ihnen, wie der Film The Great Barrier Reef (2018), verfolgen auch eine bestimmte Agenda: In dem sie uns immer wieder vor Augen führen, wie einzigartig, wie schön und voller Wunder diese Lebensräume sind, soll der Wille, sich um den Schutz dieser durch den Klimawandel bedrohten Regionen zu bemühen, angefacht werden. Bisher stellt sich aber wirklich die Frage, ob die Filme und die gezeigten Bewohner nicht doch zu weit weg von unserer Lebensrealität sind – denn viel getan hat sich in Bezug auf den Schutz der Meere nicht wirklich. 

Obwohl 71% der Erdoberfläche von Meeren bedeckt sind, sind sie die am wenigsten geschützten Gebiete der Erde. Die Vereinten Nationen haben, als der ‚Tag des Meeres‘ ins Leben gerufen wurde, vereinbart, bis 2020 mindestens 10 Prozent der Weltmeere zu schützen. Das Ziel wurde knapp verfehlt, stehen bisher doch nur 7 Prozent der Meeresfläche unter Schutz. Zum Vergleich: gut 15 Prozent der Landfläche sind geschützt. Dass die EU tatsächlich vorne mit dabei ist, stehen 12 Prozent der Gewässer unter Schutz und in Deutschland sogar 45 Prozent, ist da nur ein kleiner Trost – im Anbetracht der relativ kleinen geografischen Größe der EU zu anderen Ländern der Welt und deren Hoheitsgewässern.

 

Das Ende des Films ist noch nicht gedreht 

 

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Die Meere erwärmen sich aufgrund des Klimawandels – das ist bekannt. Die Korallenriffe werden zuhauf von Bleichen heimgesucht, ein noch größerer Temperaturanstieg ist für diese sensiblen Ökosysteme das Todesurteil. Immer mehr Plastik gelangt in die Ozeane, selbst in den tiefsten Gräben wurden Partikel bereits nachgewiesen. Endet unsere Faszination für das Meer wirklich, wenn wir den Film beendet haben – oder geht sie darüber hinaus?

Wenn der Klimawandel ein Film wäre, dann blieben uns nur noch ein paar Minuten bis zum Ende, ein paar Minuten, um mit einem fulminanten und überraschenden Plot-Twist zu enden. Es ist höchste Zeit, diese letzten Sequenzen zu drehen. Ansonsten werden wir bald statt der schillernden Farben der Riffe nur noch das Weiß des Todes beschauen können.

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