Darling der Woche: 0,5 Promille zu wenig? Das steckt hinter der Idee von "Der Rausch"

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Christian Neffe

Filmstill zu Another Round (2020) von Thomas Vinterberg
Another Round (2020) von Thomas Vinterberg

Lange, lange mussten wir auf die Veröffentlichung von Der Rausch warten. Nun ist der neue Film von Regisseur Thomas Vinterberg und Hauptdarsteller Mads Mikkelsen — ihre erste Zusammenarbeit seit Die Jagd — endlich im Kino angelaufen und kann dort für die verdiente Begeisterung sorgen. Die Geschichte rund um vier Lehrer, die ihrer Mid-Life-Crisis zu entkommen versuchen, indem sie tagsüber einen Pegel von konstant 0,5 Promille halten wollen, ist eine kluge und ambivalente Auseinandersetzung mit der gesellschaftlich weithin akzeptierten Droge Alkohol und ihren Folgen — den positiven wie negativen.

Am Anfang all dessen steht eine simple Idee. Oder vielmehr eine mutmaßliche Theorie, die des norwegischen Psychiaters Finn Skårderud, um genau zu sein. Der, so erzählt es der von Magnus Millang verkörperte Arbeitskollege des Protagonisten, behauptet, der Mensch werde mit 0,5 Promille zu wenig Alkohol im Blut geboren. Dieses Defizit auszugleichen, führe zu einem entspannteren, glücklicheren Leben, einem besseren Umgang mit den Mitmenschen und allgemein größerer Zufriedenheit. Vinterberg habe sich von eben dieser These zu dem Film inspirieren lassen, ist vielerorts zu lesen. Doch was genau steckt dahinter?

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In der Tat ist Finn Skårderud kein Produkt von Vinterbergs Fantasie, sondern — wenig überraschend — eine ganz reale Person. Geboren im Jahr 1956 arbeitet er in Norwegen als Psychiater (unter anderem für das Olympische Komitee seines Landes), als Psychotherapeut, Autor und Professor an der Universität von Oslo und Lillehammer. In ersteren Tätigkeiten behandelt er auch Suchtkranke. Was direkt die Frage aufwirft: Wie kann so jemand, der immer wieder mit den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums konfrontiert wird, eine derartige These aufstellen?

Die ernüchternde Antwort: gar nicht. Zumindest nicht so, wie es im Film dargestellt und erläutert wird. Das, was in Der Rausch zur Theorie erhoben wird, ist stattdessen einem Vorwort entnommen, das Skårderud vor einigen Jahren dem erstmals 1880 veröffentlichten Buch Der psychologische Effekt von Wein des italienischen Autors Edmondo De Amicis beifügte. Skårderud sagte dazu beim norwegischen Radiosender NRK laut dem Nachrichtenportal France24: 

„On the first page, I wrote that after one or two glasses, yes, life’s pretty good, we think maybe we’re born with a 0,05 percent deficit. [But] in the following paragraph, I reject that theory entirely.“

Skårderud schrieb also lediglich, dass sich bei einem Blutalkoholpegel von 0,5 Promille das Gefühl einstelle, wir seien mit einem solchen Defizit geboren worden, dies sei der perfekte Zustand für uns — und eben nicht, dass es tatsächlich ein solches Defizit gebe.

Also alles ein großes Missverständnis oder bewusste Fehlinterpretation? Womöglich, aber mit einer interessanten Implikation. Denn auf seine Weise spiegelt Der Rausch dadurch wieder, wie selektiv unsere Wahrnehmung dann ist, wenn es um Äußerungen zu (uns betreffenden) kritischen Themen geht und die wir dann kognitiv so modifizieren, dass sie unsere Einstellung dazu bestätigen oder verstärken. Klassischer Confirmation Bias also, wie es der Psychologe Peter Wason bereits in den 60ern beschrieb und wonach der Mensch dazu neigt, Informationen bevorzugt so zu wählen und zu interpretieren, dass sie die eigenen Vorstellungen und Erwartungen erfüllen.

Zu erkennen ist dies im Film auch daran, dass das Vierergespann, das Skårderuds „Theorie“ erproben will, sich auf Ernest Hemingway beruft, der ja schließlich ebenfalls von morgens bis abends getrunken und den dies zu kreativen Höchstleistungen getrieben habe — dabei jedoch all die Schicksale ausblenden, die durch dauerhaften Alkoholkonsum beschädigt oder gar zerstört wurden.

Diese — ob nun bewusste oder unbewusste — Fehlinterpretation Skårderuds soll Vinterbergs Film also nicht zum Vorwurf gemacht werden. Im Gegenteil, geht er damit sogar ziemlich clever um, wie es seine Verhandlung rund um das Thema Alkohol im Allgemeinen ist. In seiner finalen Aussage stimmt der Film dann nämlich doch mit Skårderud überein, der im gleichen Interview zum Umgang mit dem Genuss- und/oder Rauschmittel sagte:

The difficulty is in finding the right balance, to not abuse it.

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