Der Rausch (2020)

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Vier Lehrer saufen sich unter dem Vorwand eines wissenschaftlichen Experiments ihr Leben schön. Die erste Zusammenarbeit von Regisseur Thomas Vinterberg und Hauptdarsteller Mads Mikkelsen seit „Die Jagd“ ist kein mahnender Anti-Drogenfilm, sondern steckt voller Ambivalenzen.

Der Rausch (2020)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Pegelhalten

Ein Sanitäter in der Not, ein Fallschirm und ein Rettungsboot; das Drahtseil, auf dem man steht, und das Schiff, auf dem man untergeht – sehr, sehr viele Songs wurden in den vergangenen Jahrzehnten dem wahlweise als Genuss-, Rausch- oder Suchtstoff verwendbaren Mittel Alkohol gewidmet. Aber nur wenige bringen die Ambivalenzen in seiner Wirkung wie auch gesellschaftlichen Wahrnehmung und Akzeptanz so treffsicher zusammen, wie es Herbert Grönemeyer im Refrain von „Alkohol“ tat. Mindestens so ambivalent, allerdings mit deutlich längerer Laufzeit, greift auch Thomas Vinterberg dieses Thema in „Der Rausch“ auf, in dem er zwar viele Widersprüche der westlichen Gesellschaft um Umgang mit der chemischen Verbindung C2H6O entblößt, dabei jedoch keine einfachen Antworten zu geben versucht.

Martins (Mads Mikkelsen) Leben ist eine Einöde. Eine klassische Midlife-Crisis, könnte man sagen. Seine Ehe mit Anika (Maria Bonnevie) ist schon seit Jahren eingeschlafen, das Feuer der Leidenschaft erloschen, das Sexleben liegt brach und auch sein Job stellt ihn nicht mehr zufrieden. Täglich schleppt sich der Geschichtslehrer in den Klassenraum, um vor seinen Schülerinnen und Schülern demotiviert Vorträge herunterzuleiern, körperlich an-, geistig abwesend. Eines Tages kommt es sogar zu einer Intervention: Mehrere Eltern stehen plötzlich vor Martin und verlangen von ihm, seiner pädagogischen Verpflichtung doch bitteschön mehr Energie zu widmen, damit der Nachwuchs nicht durch die Prüfungen rauscht.

Doch woher diese Energie nehmen, wenn der Trott des Alltags, die einschläfernde Elegie des Wohlstands und eines gutbürgerlichen Lebens der eigenen Existenz jegliche Spannung, jeglichen Reiz nehmen? Abhilfe verspricht eine Theorie des norwegischen Psychologen Finn Skårderud, über die Martin von seinen drei Kollegen und zugleich besten Freunden aufgeklärt wird. Laut der wird der Mensch mit 0,5 Promille Alkohol zu wenig im Blut geboren. Diesen mutmaßlichen Mangel zu kompensieren, sorge für mehr Locker- und Zufriedenheit im Alltag, im sozialen und beruflichen Leben, für mehr Kraft und Lebensgeist.

Angefixt von der Idee nimmt Martin am nächsten Tag auf der Schultoilette ein paar Schlücke aus dem Flachmann – und plötzlich läuft es. Sowohl im Unterricht, wo die Jugendlichen wieder gespannt seiner neuen Herangehensweise an den Stoff lauschen, als auch in seiner Beziehung. Beim nächsten Treffen mit den Kollegen berichtet Martin von seinen positiven Erfahrungen, und gemeinsam wird beschlossen, ein Langzeitexperiment zu beginnen: Alle vier wollen fortan täglich von morgens bis abends konstant einen Pegel von 0,5 Promille halten und ihre Erfahrungen dokumentieren.

Spätestens an dieser Stelle schlägt der an der Oberfläche als Drama angelegte Film ins subtil Satirisch-Komödiantische um. Mit welcher Akribie diese vier wohlstandsverwöhnten Männer versuchen, sich den anschließenden Dauerrausch schönzureden, während sie sich ihr Leben schöntrinken, ist beachtlich: Sie legen Protokolle an und berufen sich auf Hemmingway, der ja schließlich auch morgens mit dem Trinken angefangen, pünktlich 19 Uhr aufgehört und es damit zu kreativen Höchstleistungen geschafft habe. Doch abgesehen von seiner gesellschaftlichen und rechtlichen Duldung hat Alkohol eine wesentliche Gemeinsamkeit mit allen anderen Drogen: Nach der anfänglichen Heiterkeit kommt das böse, verkaterte Erwachen. Nur dass sich dieser Prozess in Der Rausch nicht im Zeitraum einer Nacht, sondern über mehrere Wochen hinzieht.

Der Kipppunkt – für die Figuren wie für die Tonalität des Films – ist spätestens dann erreicht, als die vier beschließen, ihre persönlichen Promillegrenzen auszuloten. Dieser zentrale Plotpoint verlangt ein ordentliches Maß an suspension of disbelief – den (guten) Willen, eine gewisse Unglaubwürdigkeit auszublenden –, kommt er doch ausgerechnet dann, als das Quartett gerade so daran vorbeigeschrammt ist, dass ihr Saufen am Arbeitsplatz aufgedeckt wird. Niemand würde da wohl auf die Idee kommen noch „höher zu gehen“, wie es hier heißt. Doch der Plot muss ja irgendwie weiterlaufen. Und das tut er auch – zum Glück. Denn welche Facetten Vinterberg und sein langjähriger Co-Drehbuchautor Tobias Lindholm ihrer Grundidee (respektive der von Finn Skårderud, der tatsächlich kein Produkt ihrer Fiktion ist) entlocken, ist beachtlich.

Vordergründig scheint sich Der Rausch für die Fragen zu interessieren, wo denn nun die Grenzen zwischen Genuss und Sucht liegen mögen, wo die Unterschiede bei der gesellschaftlichen Akzeptanz von Alkoholkonsum in verschiedenen Lebens- und Verantwortungsbereichen liegen und warum sie so willkürlich erscheinen. Eine famose Montage aus Archivbildern mit volltrunkenen Politikern scheint geradezu zu schreien: Und diesen Saufnasen vertrauen wir unsere Regierungen an, während Trinken in anderen Jobs verpönt ist? Dass im Falle von Der Rausch Pädagogen im Mittelpunkt stehen und damit Minderjährige involviert sind, treibt das Konfliktpotential des sich hier entspannenden Gedankenspiel natürlich bewusst auf die Spitze. Doch genau das macht die Angelegenheit so spannend.

Hinzu kommt, dass – auch wenn hier unschwer anklagende Töne zu vernehmen sind – sich Vinterberg und Lindholm niemals auf eine moralisch-mahnende Position festlegen. Noch immer macht die Dosis das Gift, und so sind sie in der Der Rausch auch so ehrlich, dem Alkohol positive Facetten abzuringen. Der Geschichtslehrer Martin, der Musiklehrer Peter (Lars Ranthe) und der Psychologielehrer Nikolaj (Magnus Milang) – sie alle sind Kopfmenschen und schwingen sich im Unterricht dank des Trinkens zu neuen Höhenflügen auf. Aus der Reihe fällt allerdings Sportlehrer Tommy (Thomas Bo Larsen), dem der Alkoholkonsum alles andere als gut bekommt – ausgerechnet jener Pädagoge also, der nicht den Geist, sondern den Körper schärfen soll. Auch das ist ein deutliches Statement, was für Auswirkungen diese Droge auf welche Teile der menschlichen Konstitution hat.

Der Rausch bleibt bis zum Schluss ein Film der Differenzen und Differenzierungen, der offenen Fragen, der ethischen Grautöne und charakterlichen Ambivalenzen. Es tut beinahe weh, diesen Kerlen dabei zuzusehen, wie sie ihre Leben in Grund und Boden saufen – bis man sich wieder ins Gedächtnis ruft, dass sie diese Entscheidung selbst getroffen haben. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem aus der Freiwilligkeit Sucht und damit Zwang wird. Und schon ist das Mitleid wieder da. Ein Film voller Widersprüche – so widersprüchlich wie der gesellschaftliche Umgang mit C2H6O selbst.

Der Rausch (2020)

Vier Lehrer unternehmen ein seltsames Experiment, bei dem sie Tag und Nacht unter einem gewissen Alkohollevel stehen, weil sie daran glauben, dass ihre Umwelt und sie selbst von diesem permanenten Zustand der leichten Trunkenheit profitieren könnten. Allerdings endet das fragwürdige Experiment in einem kompletten Desaster.

 

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Meinungen
Wolfgang · 13.12.2020

... seit Jahren gibt es Leut´, die das mit Minidosen LSD probieren ... ist erkenntnisreicher und bestimmt lustiger ...

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