Orte erfinden, den Tod überlisten

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Jahresrückblick

Ein Beitrag von Ines Meier

Debra Graniks „Leave no Trace“ und Andreas Dresens „Gundermann“ gehören für Ines Meier zu den Filmen des Jahres, die ihr noch Tage später nachhingen. Ihr Weltbild nachhaltig verändert hat allerdings eine Serie.

Bild aus "Unser Kosmos: Die Reise geht weiter"
Bild aus "Unser Kosmos: Die Reise geht weiter"

Ich wollte über den Wald als Hort des Widerstands in Debra Graniks Leave no Trace schreiben. Oder über Andreas Dresens Gundermann und dieses irre weltverschmerzte, liebevolle Lied über seine Tochter Linda. Beides filmische Momente, die mir den Stecker gezogen haben.

Der eine, weil er seine abseitigen Figuren nicht aus einem falschen Harmonieverständnis heraus an die Gesellschaft übergibt und damit verraten würde. Der andere aus gar nicht so unähnlichen Gründen. Auch Gundermann bügelt nichts glatt, will nichts auflösen, stampft nichts ein. So wie Leave no Trace tut er viel mehr: Er öffnet das, was wir als unmöglich zu vereinbaren gelernt haben, zur Freiheit hin. Bei Granik habe ich meinen Kindheitswald wiedergefunden. Einen Wald, der hoffentlich nichts mit der Art von Wald zu tun hat, mit dem wir Deutschen klischeemäßig einen an der Waffel haben. Bei Dresen mein Kindheitsland, mein Elternland. Es stand plötzlich wieder vor mir: erträumt, erkämpft, gescheitert, verschwunden. In einer Komplexität, die man im Kino kaum sieht. Beide Filme fragen scheuklappenlos und mit großem Herzen: Wie wollen wir miteinander leben? Beide habe ich noch Tage mit mir herumgetragen und war glücklich darüber, dass Film sowas kann.

Trailer zu Leave No Trace

 

Mein Weltbild verbogen, gerettet und gesprengt hat aber eine Serie. Und auch die hat auf verquere Weise mit den genannten Filmen zu tun. Damit, sich einen Ort, ein Koordinatensystem zu suchen oder aus Mangel an eigener Mehrheitsfähigkeit vielleicht eher: zu erfinden. Innerhalb eines Jahres habe ich drei Menschen verloren, zwei Pferde und fast einen Hund. Die Tiere lesen sich komisch, sind aber nicht komisch gemeint. Mein Schmerz platzt aus jeder Haarspitze. Nach Kübler-Ross bin ich mitten in Trauerphase 3: dem Verhandeln. Statt mit Gott deale ich mit dem Universum, kleiner geht’s irgendwie nicht. Ich versuche den Tod zu überlisten, indem ich ihn argumentativ angehe. Ich quatsche ihn so lange zu, bis er verschwunden ist. Wenn das gelingt, so zumindest deute ich den Hintergrund meines irren Unterfangens, wäre auch der Verlust der Freundinnen und Freunde weniger schmerzhaft.

Die Bilder also, die meine Trauer an die Hand nehmen, entwirft Unser Kosmos: Die Reise geht weiter (2014), eine Neuauflage des von Carl Sagan moderierten Unser Kosmos von 1980. Präsentiert wird dieses Roadmovie durch die Schwerelosigkeit vom Astrophysiker Neil deGrasse Tyson. Der Kosmische Kalender, über den er spaziert, skaliert die 14 Milliarden Jahre alte Geschichte des Kosmos auf ein Jahr. Unsere technische Zivilisation beginnt dort im letzten Bruchteil der letzten Sekunde des Jahres. Tysons National-Geographic-Produktion ist sowas wie der Gegenentwurf zur BBC-Mini-Serie Hyperspace (2001). Letztere wird nicht von ungefähr vom Jurassic-Park-Schauspieler Sam Neill präsentiert – genüsslich wird hier jedes Bedrohungsszenario großflächig schwarzgemalt, das All ist ein brutaler Ort, aus dem sekündlich die Apokalypse droht. Panikattacken-Futter.

Neil deGrasse Tyson ist dagegen sowas wie ein UN-Botschafter. Sein tropfenförmiges „Schiff der Fantasie“, mit dem er uns durch das Weltall führt, ist unbewaffnet. Er selbst tiefenentspannt. Er erzählt die Geschichte des Universums und damit unsere eigene als die großartigste Geschichte, die jemals erzählt wurde. Wir als Menschen, sagt er, sind Kosmos, der sich selbst gewahr wird. Er staunt und begeistert sich. Er ist dabei, und das ist in unseren Zeiten so rar, dass es einen umhaut: demütig im besten Sinne. Er führt uns durch die Wissenschaftsgeschichte und durch ihre großen Entdeckerinnen und Entdecker. Er räumt dabei den Frauen den Platz ein, der ihnen gebührt. Er warnt wiederholt vor dem menschengemachten Klimawandel und hält uns Venus vor Augen, zutiefst besorgt, aber ohne jeden Zynismus.

Trailer zu Unser Kosmos: Die Reise geht weiter

 

Das Größte allerdings ist, wenn Tyson mit seinem „Schiff der Fantasie“ zu Reisen durch das All aufbricht. Er fliegt mit uns an Saturn vorbei und seinen Ringen aus Schneebällen. An den mehrere Lichtjahre hohen Säulen der Schöpfung, die das Weltall mit neuen Sternen versorgen. Wir sind auch Sternenstaub, erinnert uns Tyson, und das ist keine Metapher. Er nimmt uns mit auf eine holprige Tour in ein schwarzes Loch, aus dem man, wenn man nur weit genug käme, die gesamte Zukunft des gesamten Universums sehen könnte. Er katapultiert uns aus der Egomanie, der Nahsicht der Großstadt, in der man kontinuierlich ignoriert, dass man auf einem winzigen Planeten lebt, in einem winzigen Sonnensystem, in einer von Milliarden von Galaxien. Eigentlich ist Unser Kosmos: Die Reise geht weiter eine großartige Simulation des „Overview-Effekts“, den AstronautInnen beschreiben. Ununterbrochen steht einem der Mund offen. Das ist doch alles total krass! Und redet da irgendjemand drüber im Alltag? Nö. Derweil fliegt die Voyager 1 seit sechs Jahren als erstes menschengemachtes Objekt durch den interstellaren Raum. Mit dabei die berühmte Datenplatte „Voyager Golden Record“, eine Art Visitenkarte der Menschheit, sollte die Sonde auf außerirdisches Leben treffen. Man kann dieser Platte einiges vorwerfen, in der Bildersammlung sind etwa Armut und Kriege komplett ausgespart. Aber wenn man sich von Tyson inspiriert durch die Datensammlung der Voyager klickt, stolpert man irgendwann über etwas ganz und gar Magisches: Auf einem der Fotos ist rotstichig eine Frau vor einem Baum zu sehen. Sie recht Laub zusammen. Man möchte heulen vor Rührung.

Spektakulärer noch sind die Bärtierchen, die uns Tyson bedeutungsvoll vorstellt und die so aussehen, wie sie heißen. Kaum einen Millimeter groß sind diese tapsigen Achtbeiner. Sollten jemals Außerirdische auf unseren Planeten treffen, werden sie wirklich denken, wir Menschen seien die Krone der Schöpfung? Tyson findet: Eher nicht. Denn die Bärtierchen sind viel widerstandsfähiger als unsere Spezies. Sie können so ziemlich überall überleben, Wissenschaftler haben sie sogar ins Weltall geschickt. War ihnen schnuppe, sie haben ja auch alle fünf Massenaussterben der Erde hinter sich, da kommt es auf ein bisschen luftleeren Raum, heftige UV-Strahlung und Eiseskälte nicht mehr an. Und da ist noch was. Bärtierchen können sich den Tod borgen und keiner kapiert, wie das funktioniert. Zeit ist den Bärtierchen egal. Sie können komplett austrocknen, aber fügt man ihnen Jahrzehnte später Wasser zu, erwachen sie wieder zum Leben. Sie pendeln unbeeindruckt zwischen Leben und Tod hin und her, no biggie. Und wir? Im Gegensatz zu den Bärtierchen haben wir einen Stoffwechsel, der besiegelt, dass unsere menschliche Form endlich ist. Andererseits: In dieser unfassbar riesigen Spielwiese aus Werden und Vergehen geht eben auch keine Energie verloren. Ich werde meine Freundinnen und Freunde nie wiedersehen, aber ihre Teilchen sind irgendwo da draußen, schließen sich anderen Formen an. So unterschiedlich und viel zu jung sie alle ums Leben gekommen sind, K. hatte Recht: Sterben ist keine Option. Weh tut es trotzdem.

Nachtrag

Was auch weht tut: Während ich vor Kurzem diesen Text schrieb, hatte ich auch kurz im Internet nach eventuellen Vorwürfen wegen sexueller Belästigung gegen Neil deGrasse Tyson recherchiert. Es gab keine Einträge. Ich war erleichtert. Gleichzeitig fragte ich mich, ob ich im Zuge der #MeeToo-Debatte eigentlich langsam paranoid werde. Nur weil ich über einen Mann schreibe, frage ich mich automatisch, ob er Dreck am Stecken hat? Ist das nicht sexistisch? Ich habe mich für meinen Impuls geschämt. 

Vergangene Woche, am 29. November, veröffentlichte die Website Pathos dann einen Artikel, in dem zwei Frauen Neil deGrasse Tyson sexuelle Belästigung vorwerfen. „Two more women“, heißt es in der Überschrift. Bereits Anfang November hatte Pathos ein exklusives Interview mit Tchiya Amet veröffentlicht, die Tyson seit 2010 öffentlich beschuldigt, sie während ihrer gemeinsamen Studienzeit in den 1980er Jahren erst unter Drogen gesetzt und sie dann vergewaltigt zu haben. Fox Entertainment Group und die Produzenten der Serie „Unser Kosmos: Die Reise geht weiter“ haben inzwischen eine Untersuchung der Vorwürfe angekündigt. Neil deGrasse Tyson wiederum hat am Wochenende auf seiner Facebook-Seite eine lange Stellungnahme zu den Anschuldigungen veröffentlicht und seine volle Kooperation zugesagt. Er hat sich bei den beiden Frauen entschuldigt, die im sexuelles Fehlverhalten vorwerfen, weist aber den Vorwurf der Vergewaltigung von sich. Beim Lesen des Postings habe ich mich besonders in einem der letzten Absätze verhakt. Über seine ehemalige Mitstudentin Amet schreibt er dort:

„For me, what was most significant, was that in this new life, long after dropping out of astrophysics graduate school, she was posting videos of colored tuning forks endowed with vibrational therapeutic energy that she channels from the orbiting planets. As a scientist, I found this odd.“

Ich bleibe immer wieder daran hängen. Und das vorab: Ich möchte niemanden vorschnell verurteilen. Mir geht es erst einmal ums Wording. Sollte es in einer Stellungnahme dieser Art eine Rolle spielen, womit sich Amet beschäftigt? Nach meiner Auffassung nicht. Und genau deswegen hat dieser Absatz für mich einen sehr schalen Beigeschmack, denn Tyson diskreditiert die Frau, die ihm Vergewaltigung vorwirft, indirekt als „unwissenschaftlich“ – ergo „unglaubwürdig“.

 

 

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Ines Meier
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