Filmgeschichte(n): Die Berlinale: Pioniergeist since 1951

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Filmgeschichte(n)

Ein Beitrag von Katrin Doerksen

O.K. von Michael Verhoeven - Filmstill
O.K. von Michael Verhoeven - Filmstill

Wenn am 20. Februar 2020 der Startschuss für die 70. Berlinale fällt, wird vieles anders sein als in den Jahren zuvor. Die Ära Kosslick ist vorbei und die neuen Festivalleiter Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek haben die ersten Veränderungen eingeführt: Eine neue Wettbewerbssektion namens Encounters, dafür ist die Reihe Kulinarisches Kino gestrichen. Auch der Festivalalltag wird sich verändern: Das Kino im Sony Center, bislang zentrale Spielstätte der Berlinale, ist inzwischen geschlossen, ebenso wie zahlreiche Restaurants und Cafés rund um den Potsdamer Platz. So dass man sich fragt, wie lange das Festivalzentrum überhaupt noch in diesem scheintoten Winkel der Stadt liegen wird.

Es gehört einfach dazu, dass neue Festivaldirektoren Veränderungen mit sich bringen. Die einst durch eine Initiative der US-amerikanischen Militärregierung angestoßenen Filmfestspiele fanden ab 1951 einmal jährlich im Juni statt und waren zunächst vor allem eine glamouröse Bühne für Stars und Sternchen aus aller Welt — bis Berlinaledirektor Wolf Donner das Festival 1978 in den Winter verlegte, weil sich so der European Film Market weniger mit anderen Filmmessen überschnitt. Donners Nachfolger Moritz de Hadeln war es schließlich, der das Festivalzentrum vom Berliner Zoo zum Potsdamer Platz verlegte. Dieter Kosslick wiederum machte sich darum verdient das deutsche Kino stärker in die Berlinale zu integrieren. Er holte vereinzelt einheimische Filme in den Wettbewerb, gründete die Sektion Perspektive Deutsches Kino.

 

Dennoch: Die wahren Revolutionen gingen auf der Berlinale selten von ihren Direktoren aus. Mehr als alle andere A-Festivals der Welt schrieben sich die Berliner Filmfestspiele stets auf die Fahne besonders politisch zu sein. So verwundert es kaum, dass gerade politische und gesellschaftliche Ereignisse und Zeitgeistströmungen immer wieder Einfluss auf das Festival nahmen. Gelegentlich brauchte es dann nur noch die richtigen Leute in der richtigen Position, um Neuerungen durchzuboxen.

 

Die Kinolandschaft verändern — mit einem Film pro Tag

Eine Sache wird freilich auch auf der 70. Berlinale sein wie immer. Wenn im Kino Arsenal ein Film des Forum-Programms beginnt, wird nach einigen Minuten die Tür aufgehen. Eine kleine Frau wird hereinkommen, dahinter ihr wesentlich größerer Mann. Sie werden sich in die erste Reihe setzen, immer auf die selben Plätze, und er wird ihr flüsternd die englischen Untertitel übersetzen. Erika und Ulrich Gregor ist es unter anderem zu verdanken, dass das Forum überhaupt existiert.

 

Im Jahr 1970 gab es auf der Berlinale einen großen Eklat. Auslöser: O.K., der Film von Michael Verhoeven, der in diesem Jahr den krönenden Abschluss des Forum-Programms bildet. O.K. verlegt eine Vietnamkriegsthematik in den Bayerischen Wald: Inspiriert von tatsächlichen Kriegsverbrechen vergehen sich darin zwei G.I.s an der jungen Phan Ti Mao (Eva Mattes). Die Jury unter George Stevens empfand den Film als antiamerikanisch — nur Jurymitglied Dušan Makavejev stellte sich gegen diese Meinung. Der Entscheidungsprozess kam zum Erliegen, die Berlinale endete 1970 ohne Bärenvergabe.

Erika und Ulrich Gregor hatten zu diesem Zeitpunkt bereits vor einem Jahr mit ihrem Verein Freunde der Deutschen Kinemathek das Forum gegründet — als dezidiertes Gegenfestival zur Berlinale mit ihrem schwerfälligen Wettbewerb. Das Forum sollte ein Ort sein, um noch unbekannte Filmländer kennenzulernen. Um Filme zu sehen, die sich konkret politisch positionierten, formal experimentierten, von westlichen Sehgewohnheiten abwichen. Bald gab es im Forum Bollywoodfilme zu sehen, Martial Arts oder eine komplette Aufführung von Claude Lanzmans Shoah.

Um nach dem Eklat von 1970 die angeschlagene Berlinale zu retten, wurde das Forum gewissermaßen eingemeindet — wenn Gregor auch stets die Distanz zu Festivaldirektor Moritz de Hadeln und seinem Wettbewerb pflegte. Dazu Ulrich Gregor im Band zum 30. Jubiläum des Forum: „Die Stimmung war sehr stark gegen Wett­be­werbe, wenn man den nicht abschaffen wollte, dann musste man zumindest eine ergän­zende Veran­stal­tung anbieten. Wir waren ja auch kein Verein von Chaoten oder Anar­chisten, sondern recht­fer­tigten ein gewisses Vertrau­ens­ver­hältnis.“

 

Teddy-Revolution

Eine andere Revolution spielte sich derweil in einer anderen Nebensektion der Berlinale ab: Manfred Salzgeber, seit den 1960er Jahren Mitglied bei den Freunden der Deutschen Kinemathek und einer der Käufer des Vereinskinos Arsenal am Potsdamer Platz, wurde 1979 von de Hadeln zum Leiter der Festivalsektion Info-Schau ernannt, die er in den folgenden Jahren zu einer eigenständigen Programmreihe ausbaute und in Panorama umbenannte. Schon seit Jahren hatte sich Salzgeber, der in Rosa von Praunheims Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt mitgespielt hatte, für die schwul-lesbische Filmkunst eingesetzt.

Manfred Salzgeber; James Steakley - CC BY-SA 3.0
Manfred Salzgeber; James Steakley — CC BY-SA 3.0

Im Panorama machte er diese thematische Weichenstellung nun perfekt: Gemeinsam mit seinem damaligen Assistenten Wieland Speck schuf Salzgeber den Teddy Award, der seit 1987 schwul-lesbische Filme aus dem Panorama-Programm auszeichnet. Bis heute ist die Berlinale weltweit das einzige A-Festival, das einen vergleichbaren Preis verleiht.

Manfred Salzgeber war sich jedoch auch der Tatsache bewusst, dass das Festivalpublikum ein anderes ist als der durchschnittliche Kinogänger. Das ein Slot in einem Festivalprogramm etwas anderes bedeutet als ein regulärer Kinostart. Wieviel nützte es wirklich, wenn gesellschaftlich relevante Filme eins, zwei Mal auf einer Festivalleinwand zu sehen waren — und anschließend nie wieder? Um Produktionen eine Bühne zu geben, die es bei konventionellen Verleihern schwer hatten, gründete Salzgeber neben seiner Festivalarbeit das Label Edition Salzgeber. Hier fanden etwa Filme ein Zuhause, die sich mit der AIDS-Problematik beschäftigen. Viele davon gelten heute als Klassiker.

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