Aus einem Jahr der Nichtereignisse im Kino

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Ein Beitrag von Patrick Holzapfel

Neun Filme, eine Gemeinsamkeit. Sie sind bisher hierzulande nicht im Kino gelaufen. Ein Blick auf einige herausragende Titel des Kinojahres und die möglichen Gründe, warum sie es vielleicht nie ins Kino schaffen werden.

Es ist leicht am Ende eines Jahres, vor allem aus der Sicht von Festivalreisenden, sich darüber zu beschweren, welche herausragenden Filme bisher keinen Kinoverleih in Deutschland gefunden haben. Dabei scheint das eigentliche Problem bei Beobachtung der wöchentlichen Kinostarts zu sein, dass zu viele Filme das Licht der Leinwand erblicken. Nicht nur die bereits im Spagat gespreizte Schere zwischen dem sogenannten Kunstkino und dem kommerziellen Kino ist dabei ein Problem, sondern auch ein praktisch versenktes Segment innerhalb der Filme mit Kinoauswertung.

Denn statt hier und da den Mut zu zeigen, den beispielsweise ein Verleih wie Grandfilm seit einigen Jahren an den Tag legt, folgen viele Verleiher festgelegten Mustern und Formeln. Was dabei vor allem unter den Teppich gekehrt wird, ist jenes Kino, das die selbstbehauptete Professionalisierung von Produktionsweisen in diesem Land hinterfragen würde. Ein Kino, das mit anderen, womöglich geringeren Mitteln große Wirkung erzielt, ein Kino, das nicht durch die Mühlen von Storytelling-Workshops und Redaktionen gehen musste, ein Kino, das ohne Drehbuch auskam und andere Gewagtheiten, vor die man die geneigten Zuseher zugunsten der nächsten lauen Immigrationskomödie schützen will. Als Folge gibt es zum Beispiel für den filmischen Nachwuchs keine Orientierung an Filmen, die das Kino hinterfragen. Stattdessen hört man nur mehr, wie toll Serien das machen und wie tot und langweilig das Kino sei. Es ist ein wenig so, als gäbe es einen wundervollen Hain, in dem die schönsten, seltensten, beinahe vergessenen Wesen leben, aber den niemand von der Stadt aus sehen kann und den einige Kräfte vor einem Großteil der Bewohner verstecken, bis er zu einer reinen Legende wird.

Es folgt eine Auflistung von neun Filmen. In manchen Fällen ist es nicht unverständlich, dass Verleiher sich nicht für die Werke begeistern konnten. Bei manchen wird es vielleicht noch passieren. Dennoch haben alle Filme eine Relevanz in ihrem Verhältnis zur Welt heute und zum Kino, das in ihr entsteht. In einer idealen Welt wäre das Grund genug dafür, dass möglichst viele Menschen die Chance haben sollten, den jeweiligen Film im Kino zu sehen.

The Nothing Factory von Pedro Pinho

Vielleicht einer der bisher furchtlosesten und dringlichsten Filme über die europäische Krise aus Sicht einiger portugiesischer Arbeiter, die nach Formen des Protests suchen, als ihre Fabrik geschlossen wird. Man könnte argumentieren, dass gegen die Kinoauswertung des Films seine überdurchschnittliche Länge von fast drei Stunden spricht. Allerdings ist diese Angst vor Länge traurig. Für den Film im Kino spricht, dass der politische Konflikt, der dort offenbart wird, eng an der deutschen Politik hängt. Außerdem erzählt Pinho äußerst bewegend und universal gültig von der notwendigen Fantasie und Poesie eines möglichen Widerstands. Wie würde eine Arbeiterbewegung heute aussehen können? In Cannes wurde der Film von der internationalen Kritik als eine der überzeugendsten Arbeiten gelobt. Hier hat sich der Diskurs lange schon in eine Nische drücken lassen. Die Realität der Filmkritik ist nur selten, dass es Platz für einen solchen Film gibt: eine Entdeckung auf einem Festival. Stattdessen bleibt es den Festivals überlassen, die Entdeckung bereitzustellen. Und so wie Cannes heute läuft, sind diese Entdeckungen wiederum vom Markt bereits in die entsprechenden Segmente eingebettet. Es gibt keinen Spielraum und man träumt ein wenig von einer Nichts-Filmfabrik.


(Trailer zu The Nothing Factory)

 

Milla von Valérie Massadian

Nach ihrem tollen Nana hat Valérie Massadian ihrer Erforschung eines Heranwachsens in die Fatalität einer jungen Liebe transportiert. Dabei spürt man in überraschender Unaufgeregtheit beinahe jede Regung innerhalb des Bemühens um sich selbst genügende Liebe. Der Film wurde in Locarno mit dem Spezialpreis der Jury bedacht. Ein Liebesfilm über Menschen in prekären Situationen. Statt Plotpoints regieren hier Abhängigkeiten und Begehrensmuster, die schwerer nachvollziehbar sind. Der emotionale Konflikt bleibt dennoch so greifbar, dass er auch für ein größeres Publikum funktionieren könnte.

Mrs. Fang von Wang Bing

Der Gewinner des Goldenen Leoparden von Locarno, gedreht auf einer herkömmlichen Sony Alpha S7 (mit der auch schon Lav Diaz die Berlinale gewinnen konnte). Passend dazu hätte es dieses Jahr auf der Documenta in Kassel eine Retrospektive von Wang Bing gegeben. Doch auch diese findet aufgrund des merkwürdigen Ticket- und Kinosystems in Kassel beinahe im Geheimen statt. An den Rand gedrängtes Kino von größter Würde und Notwendigkeit. In diesem Fall scheint eine Kinoauswertung zumindest möglich, weil die Länge des Films nicht überdurchschnittlich ist wie bei vielen Filmen des Chinesen zuvor. Locarno zählt zweifelsfrei zu den wichtigsten Filmfestivals der Welt. Es ist eben schon bedenklich, wenn Sieger von dort der breiteren Kinoöffentlichkeit gänzlich unbekannt bleiben. Es bleibt die alte Erkenntnis, dass Relevanz im Kino nicht gleich Relevanz bedeutet.


(Ausschnitt aus Mrs. Fang)

 

12 jours von Raymond Depardon

Wie Wang Bing ist auch Depardon ein ganz Großer des Direct Cinema. Ein wenig ist er in Vergessenheit geraten. Der Film schließt an andere Großtaten des Franzosen innerhalb von psychiatrischen Anstalten an. Er ist unangenehm, weil er Moralvorstellungen hinterfragt. Wer entscheidet darüber, ob jemand in psychiatrischer Behandlung bleibt? Worin liegt ein „Wegsperren“ begründet und nicht zuletzt: Wo liegt die Grenze zwischen Wahnsinn und Normalität? Warum einer der wichtigsten Dokumentarfilmer der vergangenen vierzig Jahre sich bezüglich eines Kinostarts hinter dutzenden Themenfilmen im Dokumentarfilmbereich anstellen muss (unabhängig davon, ob er ein Thema hat oder nicht), ist auch eine Frage wert, obwohl gesagt werden muss, dass die Rechtelage um Depardon auch äußerst teure Preise für die Verleiher bedeuten. In diesem Fall kann man also durchaus auch von einem „selbst schuld“ sprechen.

La nuit ou j’ai nagé von Damien Manivel und Kohei Igarashi

Es gibt keinen Grund, warum dieser Film nicht ins Kino gebracht werden sollte. Damien Manivel gehört seit einigen Jahren zu den aufregendsten jungen Filmemachern. Der Film folgt einem süßen japanischen Jungen auf einem traumhaften und langen Weg durch schneebedeckte Landschaften auf der Suche nach seinem Vater, der auf einem Fischmarkt arbeitet. Es ist ein stiller Film, aber voller kleiner Wunder. Niemals kommt er sperrig oder gewollt daher, immer öffnet er sich. Wenn es einen Zweifel an diesem Werk und seiner Tauglichkeit für einen Kinostart gibt, dann vielleicht, dass man Zusehern einen beinahe gänzlich dialogfreien Film nicht zutraut? Ist Japan nicht interessant genug?

L’amant d’un jour von Philippe Garrel

Es folgen zwei Beispiele, die rund um die Diskussionen um Netflix und Okja in Cannes etwas untergingen, aber dennoch in ähnliche Kerben schlagen. Denn wenn wir 2017 von einem Verleih sprechen, dann sprechen wir nicht mehr zwangsläufig von einer Kinoauswertung. So zählt der neueste Film von Philippe Garrel zu seinen besten der vergangenen Jahre. Allerdings gibt es einen Deal mit Mubi, die Schwarz und Weiß wohl lieber mögen als das Kino.


(Trailer zu L’amant d’un jour)

 

Jeanette von Bruno Dumont

Ähnliches gilt für Bruno Dumonts wildes Musical Jeanette und dessen Verbindung mit Arte, wo er bereits im deutschen Fernsehen gezeigt wurde. Dumont realisierte gar zwei Versionen seines Films. Eine fürs Fernsehen und eine für das Kino. Die Unterschiede belaufen sich auf einige Einstellungen, wobei es in der Kinoversion mehr Platz für Totalen gab. Nur im Kino scheint kein Platz für eben jene Totalen zu sein. Man kann wohl leicht argumentieren, dass der Film zu speziell für eine Kinoauswertung ist. Allerdings hat der Name Dumont inzwischen auch jenseits der Festivalwelt einen klangvollen Namen und dieses „Spezielle“ und „Schwierige“ hängt letztlich auch immer an den jeweiligen Vergleichswerten. Es ist nicht in Ordnung, mit welcher Selbstverständlichkeit man hinnehmen muss, dass ein Film wie Star Wars: Die letzten Jedi zum Teil mit mehr als zehn Kopien in einem Kino zur gleichen Zeit gezeigt wird, während andere Arbeiten als „zu schwierig“ für ein Publikum bezeichnet werden. Es geht nicht darum, dass Verleiher jenseits der Publikumsnachfrage agieren können, aber hier und da eine Tür zu öffnen, wäre nicht weniger ziellos als das panische Sicherheitsdenken dieser Zeit. Es ist aus der Mode gekommen, sich darüber zu beschweren. Man gilt dann als Kulturpessimist.

A Marriage Story von Helena Trestíková

Die wunderbare Helena Trestíková setzt ihre Langzeitbeobachtung eines bestimmten Ehepaars und dessen Familie fort. Der Film funktioniert wie eine Antwort auf TV-Formate wie Goodbye Deutschland! Die Auswanderer, weil er zum einen das Verhältnis von Kamera/Filmemacherin zu Figuren und deren Lebensphilosophien thematisiert und zum anderen jeglichen im TV möglichen Rahmen in der schieren Länge der begleiteten Leben sprengt. Dabei entfaltet der Film eine Ohnmacht gegenüber der Liebe sowie einen starken Glauben an sie. Allgemein ist es erstaunlich wie gering/nicht-existent der Anteil von Filmen aus unseren Nachbarländern (in diesem Fall Tschechien) ist. Dabei wird die Chance vergeben, mit dem Kino Grenzen zu öffnen.

Barbara von Mathieu Amalric

Im Fall von Mathieu Amalrics in sich selbst reflektierten Biopic über die französische Chanson-Legende Barbara kann eigentlich der einzige Grund für den bislang fehlenden Kinostart der hohe Preis sein, den Gaumont dafür verlangt. Denn mit Amalric, Jeanne Balibar, der Musik und einigen „deutschen“ Szenen gäbe es eigentlich genug Zugkraft, um den wunderbaren, virtuos inszenierten Reigen aus musikalischen Gefühlen auf die Leinwand zu bringen. Es ist ein Film, in den man sich hineinfallen lassen kann und auch lange nach dem Ende nicht wieder auftauchen muss.


(Trailer zu Barbara)

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