Odessa 2018 - Alte Pracht, moderne Tücken

zurück zur Übersicht
Features

Ein Beitrag von Falk Straub

Am Freitag begann in Odessa das 9. Internationale Filmfestival - Falk Straub berichtet für uns aus einer Stadt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Pracht und Abriss, zwischen Kinoliebe und Handysucht.

Eröffnungsgala des 9. Odessa International Film Festival
Eröffnungsgala des 9. Odessa International Film Festival

Odessa – für mich klingt der Name geheimnisvoll und verführerisch. Bilder vom Schwarzen Meer, von Bäderarchitektur und von der berühmtesten Treppe der Filmgeschichte ziehen an meinem geistigen Auge vorbei. Hier drehte Eisenstein die Szene seines Panzerkreuzer Potemkin (1925), die selbst Menschen erinnern, die nicht viel mit den bewegten Bildern am Hut haben. Sie wissen schon, die Stelle mit dem Kinderwagen. Die Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten 192 Stufen sind längst als Potemkinsche Treppe bekannt. Wahrzeichen der Stadt waren sie aber schon, bevor das Kino sie als Kulisse entdeckte.

Es ist diese Mischung aus Historie und Gegenwart, das Nebeneinander von alt und neu, das sich mir sofort einbrennt. Das gibt es freilich überall auf der Welt, doch in Städten wie Odessa scheint es – zumindest für meinen westlichen Blick – ausgeprägter. Schon der Flughafen ist ein Überbleibsel aus kommunistischen Zeiten mit modernem Fortsatz. Die Fahrt ins Zentrum führt vorbei an renovierten Alt- und aseptischen Neubauten. Dazwischen ist viel marode. Putz bröckelt, Wellblechdächer rosten. Während die Menschen mit ihren Smartphones in der Hand zwischen den Löchern der Gehwege Slalom laufen, sind die Stromleitungen über ihnen wild zwischen den Häusern gespannt. Streunende Hunde und Katzen erobern erst nachts die Straßen. Tagsüber dösen sie irgendwo im Schatten. Der nur ab und an vom Meer herüberwehende Wind verschafft kaum Abkühlung. In den Wohnungen übernehmen das Klimaanlagen, die an historischen Fassaden angebracht sind.

Klimaanlagen in Odessa; Bild: Falk Straub
Klimaanlagen in Odessa; Bild: Falk Straub

Alt und neu dann auch beim Festival. Eröffnung und Abschluss in feiner Abendgarderobe haben mit dem von 1883 bis 1887 gebauten Opernhaus den perfekten Rahmen. Der Festivalpalast, ein Theater mit 1260 Sitzen, in dem die Filme des internationalen Wettbewerbs gezeigt werden, ist hingegen ein Funktionsbau von 1981, dessen Foyer den Charme von Erichs Lampenladen verströmt. In puncto Atmosphäre steht er dem Berlinale-Palast in nichts nach.

Foyer des Festivalpalast Odessa; Foto: Falk Straub
Foyer des Festivalpalast Odessa; Foto: Falk Straub

Draußen ein ganz anderes Bild. Die Sonne strahlt, der Geruch von gegrilltem Fleisch und Fisch liegt in der Luft. An den Seiten des Vorplatzes reihen sich Streetfood-Stände aneinander. An dessen Ende wartet ein Shuttlebus, wie die Straßenbahnen der Stadt ein ziemlich altes Semester, der die Besucher von der einen zur anderen Spielstätte bringt. Hier gleicht die Stimmung mehr der eines ausgelassenen Musik- denn der eines Filmfestivals. So altbacken der Bau im Hintergrund, so modern das Geschehen davor. Bezahlt wird nur bargeldlos mit einer eigens für das Event gesponserten Karte. Automaten stehen zur Freischaltung und Aufladung bereit. Dumm nur, dass man dafür eine ukrainische Mobilfunknummer benötigt. Ausländische Besucher wie ich sind auf eine Kreditkarte, auf Standbetreiber, die es nicht so genau und dementsprechend auch Cash nehmen, oder auf den nächstgelegenen Supermarkt angewiesen.

Ukrainisches Geld und Festivalkarte; Foto: Falk Straub
Ukrainisches Geld und Festivalkarte; Foto: Falk Straub

Die konsequente Modernisierung setzt sich andernorts fort. Um unnötiges Anstehen zu vermeiden und Papier zu sparen, kann ich meine Tickets online buchen und als PDF vorzeigen. Doch was in der Theorie prima klingt, verlagert in der Praxis das Problem lediglich vom physischen in den digitalen Raum. Wer zuerst klickt, reserviert zuerst. Und so stehe ich mir bei den begehrtesten Filmen, wie schon von anderen Festivals gewohnt, die Beine vor dem „Last Minute Entrance“ in den Bauch. Statt über den Haupteingang erhalten die Zuspätgekommenen in Odessa Einlass über eine Seitentreppe, die hinter dem Gerüst ins Gebäude führt, an dem das Festivaltransparent verankert ist. Ein unerwarteter Blick hinter die Kulissen.

Festivalpalast; Foto: Falk Straub
Festivalpalast; Foto: Falk Straub

Dass heutzutage nichts mehr ohne intelligentes Telefon geht, zeigen die Vorführungen auf ärgerliche Weise. Obwohl davor explizit darum gebeten wird, alle Geräte auszuschalten, und obwohl Festivalpersonal während der Vorstellungen freundlich durch die Reihen geht, leuchten die Bildschirme unentwegt auf, überall klingelt und vibriert es. Manche lesen und schreiben Nachrichten, andere filmen dreist mit. Während ich in Hot Summer Nights (2017) und Wildlife (2018) sitze, zwei Regiedebüts, die in prä-smartphonischen Zeiten angesiedelt sind und dadurch auch immer das Fehlen permanenter Erreichbarkeit miterzählen, frage ich mich, was diese Menschen treibt. Warum stehen sie für einen Film eine halbe Stunde lang in einer Schlange, um danach eineinhalb Stunden auf ihre kleinen Bildschirme zu starren? Wie können sie im Anschluss ernsthaft applaudieren, wenn sie dem Werk zuvor keinerlei Respekt gezollt haben? Aber wer weiß, vielleicht sind es ja Journalisten wie ich, die in Echtzeit berichten? Ich muss kein Fortschrittsfeind sein, um das befremdlich zu finden. Schließlich kann ich die neue Technik auch nutzen und mich trotzdem an alte (Anstands-)Regeln halten. Und zum Tweeten und Retweeten ist auch nach der Vorstellung noch ausreichend Zeit. Gerade Paul Danos Wildlife beweist das. Wenn uns diese wunderbare Übung in Langsamkeit eins lehrt, dann, dass das Leben, so komplex es auch erscheinen mag, vor allem Geduld erfordert.

  • Festivaltasche
    Festivaltasche

    Festivaltasche

  • Treppe aus "Panzerkreuzer Potemkin"
    Treppe aus "Panzerkreuzer Potemkin"

    Die berühmte Treppe aus Panzerkreuzer Potemkin trägt noch das Gerüst der letzten Filmvorführung.

  • Straße in Odessa
    Straße in Odessa

    Straße in Odessa

  • Blick über die Dächer von Odessa
    Blick über die Dächer von Odessa

    Blick über die Dächer von Odessa

  • Oper von Odessa
    Oper von Odessa

    Die Oper von Odessa ist Veranstaltungsort der Eröffnungs- und Abschlussgala.

1 / 0
Tags
Emile Ardolino
Emile Ardolino
Features

Emile Ardolino – Immer mit Hingabe

„Dirty Dancing“ zählt zu den Filmen, die sich viele Menschen wieder und wieder anschauen. Den [...]

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.