Darling der Woche: "Frau im Dunkeln" und Elena Ferrantes ambivalente Heldinnen

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Katrin Doerksen

The Lost Daughter

Eine der ambivalentesten Heldinnen des audiovisuellen Mainstreams feiert derzeit ihr großes Comeback: Carrie Bradshaw stöckelt in And just like that… wieder auf Manolo Blahniks durch New York City und das Internet ist schnell dabei in den Sozialen Medien all ihre Fehltritte auszuwerten: Sie wird schon mal zur Stalkerin, die die Grenzen anderer Leute nicht anerkennt, tut die Probleme ihrer Freundinnen zugunsten ihrer Eigenen ab und hätte überhaupt viel schneller einen Krankenwagen rufen müssen. Classic Carrie.

Also… Wenn wir schon so weit gehen die issues einer Serienfigur zu zerlegen als sei sie eine echte Person aus Fleisch und Blut, dann müssten wir eigentlich auch anerkennen, dass wir selbst unseren eigenen Maßstäben nicht immer gerecht werden. Umso mehr in immensen Stresssituationen, vernebelt von Trauer und Ängsten. Aber Tatsache ist: Besonders über Frauenfiguren wird oft ebenso hart geurteilt wie über ihre Äquivalente in der realen Welt. In Teilen mag das Publikum dafür sensibler geworden sein. Aber nach wie vor spüren viele Zuschauer keinen nennenswerten Widerspruch dabei einen TV-Killer faszinierend zu finden und zeitgleich eine fiktive trauernde Autorin mittleren Alters für ihren Egozentrismus zu bashen.

Derweil startet dieser Tage auf Netflix die Verfilmung des Romans einer Autorin, die inzwischen seit Jahrzehnten die vielleicht interessantesten — weil ambivalentesten — Frauenfiguren unserer Zeit auf Papier bannt. Bekommt Carrie Bradshaw genervte Smileys, bekämen diese Frauenfiguren der Social-Media-Troll-Logik entsprechend wahrscheinlich Todesdrohungen. Frau im Dunkeln ist das Regiedebüt von Maggie Gyllenhaal und eine Adaption des gleichnamigen Romans von Elena Ferrante. Um die neapolitanische Autorin, die beharrlich ihre Identität geheim hält, brach um 2016 ein globaler Hype aus, nachdem die englische Übersetzung ihrer vierteiligen Neapolitanischen Saga von Kritik und Leserschaft gleichermaßen in den Himmel gelobt wurde. Das #FerranteFever griff um sich, schnell wurden auch deutsche Übersetzungen ihrer früheren Romane, die die Autorin schon seit den frühen 1990er Jahren veröffentlicht, auf den Markt geworfen.

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Darunter auch Frau im Dunkeln, im Original La figlia oscura, geschrieben 2006. Die Geschichte der Literaturprofessorin Leda (im Film verkörpert von Olivia Colman), um die fünfzig, alleinstehend, im Strandurlaub. Am Meer beobachtet sie eine lärmende Großfamilie und behält, als deren kleine Tochter ihre Lieblingspuppe verliert, das heiß geliebte Spielzeug heimlich bei sich, ohne sich diese Tat selbst so recht erklären zu können. An langen heißen Nachmittagen erinnert sie sich an die Zeit mit ihren zwei eigenen Töchtern zurück, die ihr damals vor allem anstrengend vorgekommen war.

Leda ist eine Frau, die nie einfach in der Mutterrolle aufgegangen ist. Sie liebt ihre Töchter, aber sie hegt auch einen gewissen Groll dagegen in der Zeit ihrer Kindheit gewissermaßen hinter der Erziehungsarbeit, hinter den Bedürfnissen und Wünschen ihrer Familie verschwunden zu sein. Sie ist sich meist selbst genug und über die Phase hinweg, in der sie anderen stets gefallen musste. Trotzdem sucht sie immer wieder Bestätigung, auch und insbesondere von Männern aller Altersgruppen. Sie tut das nicht, weil sie schlampig oder inkohärent geschrieben wäre. Sondern weil die Autorin um die Widersprüche weiß, die sich unweigerlich in einem Menschenleben und explizit in einem Frauenleben auftun. Classic Ferrante.

In Elena Ferrantes Debütroman Lästige Liebe (1992) kehrt Delia in ihre Heimatstadt Neapel zurück, nachdem dort ihre Mutter tot und halbnackt an den Strand gespült wurde. Verwirrt streift sie durch die Straßen der Stadt, versucht sich an das komplizierte Verhältnis zur Mutter zu erinnern, Fäden zu entwirren, aus den Spuren ihr Doppelleben zu rekonstruieren. 1995 verfilmte der italienische Regisseur Mario Martone den Roman als L’amore molesto, einen surrealistisch eingefärbten Thriller mit Anna Bonnaiuto im roten Kleid, deren eigene Identität zunehmend mit jener ihrer Mutter verschwimmt.

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2002 legte Ferrante mit Tage des Verlassenwerdens nach, die Geschichte der Trennung eines Ehepaares aus Turin. Olga ist 38 und steht von heute auf morgen vor den Scherben ihrer Existenz. Der Roman sowohl als auch Roberto Faenzas Verfilmung I giorni dell’abbandono mit Margherita Buy zeigen, wie Olga immer weiter in den Wahnsinn abgleitet. Ihre Freundin von sich stößt, die kleinen Töchter unbarmherzig und zuweilen selbstgerecht mit den kalten Fakten konfrontiert: „Euer Vater hat uns verlassen, er lebt jetzt mit einer Jüngeren zusammen.“ 

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Und schließlich der ganz große Wurf mit der Neapolitanischen Saga. Die Tetralogie, die Ferrante 2011 mit Meine geniale Freundin begann, folgt der Freundschaft zweier Freundinnen aus einem neapolitanischen Armenviertel von ihren Kindesbeinen in den 1950er Jahren an. Lila ist dürr und dunkel, temperamentvoll, blitzgescheit und übersprudelnd kreativ, aber als ihr Vater sie zwingt in der Schusterei der Familie mitzuarbeiten, schwinden ihre Chancen auf höhere Bildung. Elena ist still und beflissen, ausgezeichnet im Lernen, aber von Selbstzweifeln zerfressen. Die eine wird studieren und Schriftstellerin werden, die andere Neapel nie verlassen. Und immer — durch die Nöte der Jugend, den Arbeitskampf, Konflikte mit der Mafia und eigene Muttersorgen — werden ihre Leben miteinander verbunden sein. Elena dabei stets mit dem nagenden Gefühl, dass ihre eigenen Chancen eigentlich Lila zugestanden hätten.

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Natürlich wurde auch die Neapolitanische Saga inzwischen adaptiert: Saverio Constanzos HBO-Serie Meine geniale Freundin umfasst inzwischen zwei Staffeln, eine Dritte ist angekündigt. Und es geht noch weiter: Netflix produziert eine Serie auf Vorlage von Elena Ferrantes neustem Roman Das lügenhafte Leben der Erwachsenen (2019). Darin blickt die 13-jährige Tochter einer bildungsbürgerlichen Familie aus Neapel erstmals hinter die Fassaden ihrer scheinbar so behüteten Welt und beginnt, ganz so wie die Erwachsenen es ihr vorleben, zu taktieren, zu lügen und intrigieren.

Trotzdem: In der Filmwelt ist das #FerranteFever nie so stark ausgebrochen wie in der Sphäre der Literatur. Die Film- und Serienadaptionen (abgesehen vielleicht von den früheren italienischen Produktionen) wirken eher wie Zusatzmaterial, das Ferrantes Stammleserschaft vor die Bildschirme locken soll. Sie sind nicht unbedingt Werke, die Kraft ihrer eigenen production values oder star power große Aufmerksamkeit unter eingefleischten Film- und Serienfans generieren. Schade. Denn Ferrantes Geschichten zeigen eindrucksvoll, wie stark das Kino von komplexen, ambivalenten, streitbaren Frauenfiguren profitieren kann. Wie im echten Leben müssen sie nicht perfekt sein, nicht immer liebenswert, tugendhaft, moralisch grundfest und würdevoll gefasst, damit wir sie mögen, sie respektieren, etwas von ihnen lernen können. Die beiden Mädchen in Meine geniale Freundin machen es vor: Sie vergessen sich nie, selbst wenn gefühlte Welten zwischen ihnen liegen. Damit leisten sie einander den größten Verdienst: Sie machen sich unsterblich.

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