Kolumnen: Wo sind die Outcasts, die Maniacs von einst?

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Kolumnen

Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Vor mehr als 40 Jahren, am 19. März 1976, startete das New-Hollywood-Werk Hundstage (Dog Day Afternoon) in den deutschen Lichtspielhäusern. Existieren schillernde Held_innen wie Sonny Wortzig in großen Filmproduktionen heutzutage überhaupt noch?

Bild aus "Hundstage" von Sidney Lumet
Bild aus "Hundstage" von Sidney Lumet

Zunächst einmal muss ich natürlich einräumen, dass Sonny – der von Al Pacino verkörperte Protagonist aus Sidney Lumets Krimidrama und Satire – keine Erfindung des Drehbuchautors Frank Pierson ist, sondern auf einer realen Person basiert. Im August 1972 überfiel der damals 27-jährige John Wojtowicz mit dem 18-jährigen Salvatore „Sal“ Naturale die Chase Manhattan Bank in Brooklyn. Wojtowiczs Ziel war es, ausreichend Geld zu erbeuten, um seiner Lebenspartnerin, der Transfrau Ernest Aron (später Elizabeth Eden), eine Geschlechtsangleichung finanzieren zu können. Der Plan, den Raubüberfall rasch durchzuführen, scheiterte: Im Tresorraum lag nur wenig Geld – und vor dem Gebäude rückte alsbald ein Großaufgebot von Polizeikräften an.

So kam es zu einer Geiselnahme der Bankangestellten, welche am John F. Kennedy International Airport ihr Ende fand: Naturale wurde erschossen und Wojtowicz festgenommen. Pierson verfasste sein Skript dann auf der Grundlage eines Life-Magazine-Artikels von P.F. Kluge und Thomas Moore sowie eines Sachbuchs von Leslie Waller, Lumet setzte den Stoff sowohl tragisch-absurd als auch spannungsreich um – und dabei machten Autor und Regisseur ohne Zweifel von ihrer künstlerischen Freiheit Gebrauch. In einem Schreiben an die New York Times meinte der inhaftierte Wojtowicz, an der filmischen Darstellung der Ereignisse sei „only 30% true“.


Trailer zu Hundstage

 

Viel wichtiger aber ist: Die Geschichte, die Pierson und Lumet schildern, fühlt sich wahrhaftig an. Das Duo macht etwas, was sich seit einiger Zeit kaum noch jemand in einer Studioproduktion traut: Es stellt eine Figur ins Zentrum, die uns als Publikum hochgradig irritiert. Von der Filmkritikerikone Roger Ebert wurde Sonny damals zu Recht als „one of the most interesting modern movie characters“ bezeichnet – und Ebert schickte eine sinnfällige Begründung dafür voraus: Die Figur werde weder erklärt noch analysiert; sie werde einfach präsentiert. „I’m a fuck-up and an outcast and that’s it“, sagt Sonny an einer Stelle. Wir merken natürlich schnell: So simpel ist es nicht. Doch Sonnys Denken und Fühlen, seine Vergangenheit und aktuelle Motivation, seine Traumata und Träume werden nicht en détail ausbuchstabiert, sodass die Figur nie wie ein Produkt aus dem Erzähl-Baukasten anmutet (was auch bei Protagonist_innen mit realen Vorbildern allzu oft passiert).

Gewiss wäre es ein Leichtes gewesen, Sonny küchenpsychologisch auszubeuten: Er ist Katholik und abgebrannter Vietnamveteran, hat eine eigentümlich-(über-)beschützende Mutter (Judith Malina) sowie eine (Ex-)Gattin (Susan Peretz), für die er immer noch tiefe Gefühle hegt und mit der er Kinder hat; zudem liebt er eine Transfrau (Chris Sarandon), die ihn (inzwischen) für „very crazy“ hält. Nun gebärdet er sich als Amateur-Gangster, der sich kurzzeitig von Schaulustigen als Anti-Establishment-Held bejubeln lässt, ehe seine sexuelle Ambivalenz bekannt wird und er plötzlich von der queeren Community gefeiert wird. Drehbuch und Regie machen daraus weder eine „freak show“ (wie es die Medien innerhalb der Filmhandlung tun), noch glätten sie etwas davon, um Sonny ‚verständlicher‘ und zugänglicher zu gestalten. Nein: Pierson und Lumet lassen zu, dass uns Sonny in all seiner Widersprüchlichkeit in vieler Hinsicht ein Rätsel bleibt.

Hundstage
Bild aus Hundstage von Sidney Lumet; Copyright: Warner

 

Dagegen werden die Hauptfiguren heutiger großer Kinoproduktionen – sei es ein verwegener Doppelnullagent, seien es tapfere Kämpfer_innen in dystopischen Welten oder Sternenkrieger_innen, grimmige Fledermaus- oder Supermänner – zumeist mit klaren Beweggründen ausgestattet, die ihre emotionale Verfassung und ihr Verhalten in vollem Umfang plausibilisieren und rechtfertigen sollen. Üblicherweise geht es dabei um Verlust und Suche im familiären und/oder amourösen Bereich; selbst bei hartgesottenen Raser_innen wie der Fast-&-Furious-Crew muss sich inzwischen alles um die „family“ drehen. Auf diesem (ausgesprochen konservativen) Wege werden Identifikationsangebote unterbreitet – ‚echter‘, glaubhafter werden die Figuren dadurch aber nicht zwangsläufig. „I don’t know why people expect art to make sense when they accept the fact that life doesn’t make sense“, hat David Lynch einmal gesagt. Sonnys Benehmen in Hundstage ergibt fraglos nicht immer einen Sinn – und genau das lässt ihn uns (auch) als Menschen, nicht (nur) als durchkalkuliertes Drehbucherzeugnis erkennen.

Adrian Lynes in Pittsburgh angesiedelter Tanzfilm Flashdance (1983) – dessen Skript von Thomas Hedley Jr. und Joe Eszterhas stammt – mag in Form und Inhalt von Hundstage weit entfernt sein; doch was die beiden Werke gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass ihre Hauptfiguren nicht mit offengelegten Wunden aus dem Dramaturgie-Handbuch daherkommen. Die junge Alex Owens (Jennifer Beals) – eine Schweißerin bei Tage und Club-Tänzerin bei Nacht – ist einerseits eine Märchenfigur, die ein besseres Leben ersehnt und sich dieses in schönstem Eighties-Styling als maniac on the floor zu ertanzen versucht. Andererseits wird sie aber auch als unberechenbar-aufbrausender Charakter gezeigt, der (etwa in Momenten der Eifersucht) zu ziemlich extremen Reaktionen neigt – als leiste die Figur aktiven Widerstand gegen die Schema-F-Story. Während sich die Held_innen heutiger Tanzfilme wie der Step-Up-Reihe (2006-2014) in der Regel mit den immer gleichen Ambitionen und immer gleichen Hintergründen aus dem narrativen Fundus (Eltern sind oft verstorben oder fies-verständnislos) unauffällig in den Verlauf der Geschichte einfügen, nimmt sich Alex wie ein erstaunlich widersetzliches Zentrum der Erzählung aus – und wirkt bis zuletzt ein bisschen unergründlich.

Flashdance
Bild aus Flashdance von Adrian Lyne; Copyright: Paramount Pictures / UIP

 

Ich habe Hundstage und Flashdance nun schon mehrmals gesehen; weder Sonny noch Alex begreife ich bisher zur Gänze – und ich wünsche mir dieses Gefühl der Verwirrung und Verwunderung in aktuellen Produktionen viel häufiger, sowohl bei Figuren in niedrig(er) budgetierten Werken als auch bei Figuren in tentpole pictures.

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