Imitation of Life

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Ein Beitrag von Lucia Wiedergrün

Der Vampir gilt als die melancholische Figur schlechthin, doch wenn die Melancholie eine Haltung zum Tod bedeutet, was heißt sie dann für Figuren, die den Tod gar nicht selbst erleben können?

Begierde - Bild
Begierde - Bild

Einige von ihnen schlafen in Särgen, manche können sich von Tierblut ernähren, viele meiden das Sonnenlicht und nur wenige fürchten sich vor Knoblauch – Vampire. Kaum eine Figur ist ein so fester und stetig wiederkehrender Teil des popkulturellen Mythenkanons wie der Vampir. Welchen genauen Regeln die jeweiligen Reinkarnationen dieses Figurentypus unterworfen sind, hängt von den Zusammenhängen ab, in denen sie auftauchen.

Eines haben sie allerdings, von wenigen Ausnahmen wie den Trailerpark-Vampiren in Kathryn Bigelows Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis abgesehen, gemeinsam: Vampire sind schön, jung, weiß, gebildet und reich. Zu diesem illustren Kreis aristokratischer Geschöpfe gehören auch Miriam (Catherine Deneuve) und John Blaylock (David Bowie), die Protagonisten in Tony Scotts großartigem Film Begierde, der im April 2018 seinen 35. Geburtstag feiert. 

 

Der Vampir als Sammler

Miriam und John, auch das verbindet sie mit vielen ihrer Artgenossen, sind Geschöpfe der Alten Welt, die sich als Identitätskonstrukt auch nur in dieser Form benennen lässt. Die Alte Welt, das ist nicht Europa, sondern eine Ansammlung von Gegenständen und Kulturpraktiken, die sich zusammenschließen zu einer Collage verkörperter kultureller Macht- und Hoheitsansprüche. Vampire sind dabei selten kreative Schöpfer, sondern vielmehr Sammler kultureller Schätze. So wird beispielsweise Edward Cullens (Robert Pattinson) und Bella Swans (Kristen Stewart) tiefe Verbundenheit in Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen stärker über ihre geteilte Leidenschaft für Claude Debussys Clair de lune herausgestellt, als über das Stück, das der liebestolle Jungvampir selbst für seine Angebetete schreibt. Das Sammeln ist Teil des vampirischen Alterungsprozesses. Den Objekten und langwierig zu erlernenden Sprach- und Musikfähigkeiten ist die Zeit eingeschrieben, die an den ewig jungen Körpern ansonsten ungesehen vorbeiziehen würde. Sie leisten Zeugenschaft des ewigen Lebens.

  • Near Dark von Katheryn Bigelow
    Near Dark von Katheryn Bigelow

    Near Dark von Katheryn Bigelow

  • Twilight - Biss zum Morgengrauen von Catherine Hardwicke
    Twilight - Biss zum Morgengrauen von Catherine Hardwicke

    Twilight - Biss zum Morgengrauen von Catherine Hardwicke

  • Dracula von Tod Browning
    Dracula von Tod Browning

    Dracula von Tod Browning

  • Interview mit einem Vampir von Neil Jordan
    Interview mit einem Vampir von Neil Jordan

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  • Begierde von Tony Scott
    Begierde von Tony Scott

    Begierde von Tony Scott

Doch sie erfüllen noch eine weitere essentielle Aufgabe im Bau einer Vampirpersönlichkeit: sie kreieren eine Art osmotischer Wirkmacht. Auf der einen Seite steht ein Überschuss an Oberfläche, ein Zuviel an Erlebtem, Erlerntem, Gesehenem, und auf der anderen Seite ein Mangel an Leben, ein Zuwenig an Körperlichkeit, das sich in der profanen Gier nach menschlichen Körperflüssigkeiten, speziell Blut, niederschlägt. Eine überbordende Oberflächenästhetik ist häufig die Folge, die den ansonsten eher blassen Geschöpfen ihren Reiz verleiht. Sie zieht sich von der theatralen Gestik eines Bela Lugosi in der 1930er Verfilmung Dracula über die blonden Locken eines Tom Cruise in Interview mit einem Vampir bis zu der diamantfunkelnden Haut der Cullens in Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen. Der Vampir ist leere Hülle und damit Oberfläche. Das extrovertierte Äußere und die mit kulturellen Splittern angefüllten Wohnstätten binden die Figuren an eine unbelebte Vergangenheit, aus welcher der unstillbare, ewige Hunger nach Gegenwart in Form des warmen menschlichen Blutes entspringt. Die Leere im Inneren ist ebenso Teil der Vampir-Figur wie der unendliche Versuch, diese zu füllen.

 

Der Vampir als lebender Toter

Diese Ambivalenz steht auch im Zentrum von Begierde, dessen amerikanischer Originaltitel sprechend The Hunger lautet. Einem Film, der nicht zuletzt durch seine fantastische Besetzung und die famose 1980er-Ästhetik einen nachhaltigen Kultstatus erlangt hat. Erzählt wird darin die Geschichte der Jahrtausende alten Miriam und ihres auch schon einige Jahrhunderte alten Lebensabschnittsgefährten John. Während in Miriam ein zunehmendes Interesse an Dr. Sarah Roberts (Susan Sarandon) aufkeimt, einer Ärztin, deren Forschung sich um Alterungsprozesse dreht, setzt bei John ein plötzlicher und rapide eintretender körperlicher Verfall ein. Während der Tod fester Bestandteil des Vampir-Mythos ist, bleibt das körperliche Alter in der Regel als große Leerstelle ausgespart. Indem Begierde dieses ins Zentrum der filmischen Betrachtung holt, löst sich der Film von den moralischen Fragen, die anderenfalls im Spannungsfeld der eigenen Unsterblichkeit und der gleichzeitigen Notwendigkeit zum Töten entstehen. Gerade das Ringen mit der Frage nach einer unsterblichen Seele, die sich mit einem unsterblichen Körper so gar nicht zu vertragen scheint, stürzt viele von Miriams filmische Artgenossen in eine schwere Depression. 

 

In Begierde wird über die Figur von Dr. Sarah Roberts und ihren Experimenten an Affen allerdings eine wissenschaftliche Betrachtungsebene eingezogen, hinter der moralische Fragen erst einmal zurücktreten. Alter und Tod werden selbst in Gegenwart der Vampire zu biologischen Prozessen des Lebens. Nicht die unsterbliche Seele, sondern der fragile Körper wird hier verhandelt.

Dieses Ringen mit ihrer paradoxen Beziehung zum Tod hat den Vampiren den Ruf als große Melancholiker eingebracht. Dabei ist die Frage, was unter dem Ausdruck der Melancholie eigentlich zu verstehen ist, gar nicht so einfach zu beantworten, handelt es sich doch um einen höchst ambivalenten Begriff mit einer wechselreichen Ideengeschichte. Beeinflusst von Freuds Positionierung der Melancholie als komplementärem Begriff zur Trauer, wird das moderne Verständnis von Melancholie in seiner filmischen Vollendung bei Lars von Triers Melancholia besonders deutlich. Darin wird die Melancholie der Depression gegenübergestellt, sie ist ihr produktives Gegenstück. Verkörpert wird dies durch Justine (Kirsten Dunst), deren bis zur körperlichen Lähmung reichende Depression abgelöst wird von einem Aufblühen in der Akzeptanz des Todes, der in seiner absoluten Größe und Unverständlichkeit als auf die Erde zurasender Planet Melancholia erscheint. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) versucht Justine eben gerade nicht, die im Zusammenhang mit dem Planeten auftretenden Zeichen zu deuten, sondern ergibt sich völlig der Überwältigung des Ereignisses. Diese Haltung zum Tod als Akzeptanz des Unverständlichen steht im Zentrum eines modernen Melancholie-Verständnisses. 

"Melancholia" von Lars von Trier
"Melancholia" von Lars von Trier; Concorde

 

Der Vampir als Antimelancholiker

Begierde ist ein Film über Abhängigkeiten. Die Abhängigkeit von Blut, Liebe und Aufmerksamkeit. Miriam ist eine Sammlerin, nicht nur der Kunst, sondern auch der Geliebten. John ist nicht die erste und nicht die letzte Liebe ihres langen Lebens. Ihre Gefährten reihen sich ein in die Kunstgegenstände, die ihr Haus füllen. Von diesem Haus, dem Reichtum und der Schönheit und Eleganz der Besitzerin wird auch Dr. Sarah Roberts angezogen. Doch ist sie noch gerade rechtzeitig in der Lage, den hohen Preis der Abhängigkeit zu erkennen, den sie für ein Leben an Miriams Seite zahlen müsste. Ihre Widersetzung hat zerstörerische Auswirkungen auf Miriam, die ebenso sehr von der Liebe ihrer Geliebten und Bewunderer wie vom Blut Sterblicher lebt. Indem Sarahs Bild von Miriam bricht, bricht auch Miriam selbst. Der Vampir ist Oberfläche – die Integrität seiner Persönlichkeit hängt daran, als solche wahrgenommen zu werden. Die Leere im Inneren muss durch eine Collage von Persönlichkeitsbruchstücken zusammengehalten werden. Damit ist der Vampir im doppelten Sinne abhängig. Zum einen abhängig vom Blut als Teil des körperlichen Lebens und zum anderen abhängig davon, als lebendig wahrgenommen zu werden. Vampir zu sein bedeutet daher, eine ewige Imitation des Lebens aufrechtzuerhalten. 

Wenn die Melancholie eine Akzeptanz dessen ist, was man nicht versteht, dann würde das für den Vampir, dieses im ewigen Zustand der Wiederbelebung begriffene Geschöpf, eine Haltung zum Leben bedeuten, nicht zum Tod. Doch gerade dazu ist das rastlose Wesen nicht fähig. Der Vampir als Sammler hängt in einem ewigen Prozess der Sinnstiftung fest. Die Leere eines Lebens, das nicht wirklich belebt ist, wird gerade nicht akzeptiert, sondern in einem ewigen Hunger wird versucht, es mit Bedeutung zu erfüllen. Der Vampir ist damit entgegen seines Rufs eigentlich ein Antimelancholiker. Kaum ein Film macht diese Verbindung zwischen dem Vampir und der Abhängigkeit so deutlich wie Begierde, der damit eine wunderbare Annäherung an dieses zutiefst missverstandene Geschöpf darstellt. Da wir uns gerade in einer Vampir-Durststecke befinden, ist das 35-jährige Jubiläum von Begierde außerdem eine Gelegenheit, den Hunger bis zum nächsten Wiederbelebungszyklus dieses Figurentyps zu stillen, denn eines ist sicher: tot zu kriegen ist der Vampir nicht!

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