Hannah Gadsby und ihre Meta-Stand-up-Comedy "Nanette"

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Darling der Woche

Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Hannah Gadsby in "Nanette"
Hannah Gadsby in "Nanette"

Schon mal aufgrund einer Stand-up-Comedy-Show in Tränen ausgebrochen (und gemeint sind hier keine Lachtränen)? Schon mal im Laufe eines solchen Formats extreme Wut entwickelt (nicht weil es schlecht ist, sondern allein durch das, was darin angesprochen und schmerzhaft präzise thematisiert wird)? Falls nicht, habt ihr vermutlich Nanette noch nicht gesehen. Dabei handelt es sich um den circa 60-minütigen Zusammenschnitt eines Live-Auftritts der Australierin Hannah Gadsby in der Oper in Sydney. Zu finden ist das Special auf Netflix - und uns war nach der Sichtung rasch klar, dass Gadsby mit ihrem Auftritt zu unserem Darling der Woche werden muss.

Etwa die erste Hälfte von Nanette ist gut gemachte Comedy, wie man sie durchaus kennt - auch von Gadsby selbst. Die 40-Jährige, die einigen von euch eventuell durch ihre Rolle in der Coming-of-Age-Dramedy Please Like Me aufgefallen ist, in welcher sie eine fiktionalisierte Version ihrer selbst verkörpert, ist seit mehr als einer Dekade im Business - und nutzte als Vorlage für ihre Gags zumeist ihre eigene Biografie: Wie sie in Tasmanien aufwuchs, wo Homosexualität bis zum Jahre 1997 (!) als Verbrechen galt; wie ihre Mutter mit Unverständnis auf ihr Coming-out reagierte; oder wie sie immer wieder für einen Mann gehalten wurde, da sie nicht im "klassischen" Sinne feminin wirkt.

 

Dieser erste Teil zeigt, dass Gadsby ihr Handwerk beherrscht. Im zweiten Teil der Sendung beginnt sie jedoch damit, das gesamte Konzept zu hinterfragen und zu dekonstruieren. Sie müsse mit Comedy aufhören, wiederholt Gadsby immer wieder - denn Lachen sei, entgegen landläufiger Meinung, nicht die beste Medizin. Ein Gag liefere zwar eine Vorlage und eine Pointe, aber keine Geschichte. Als Komiker_in baue man Spannung auf; man müsse sie allerdings auch direkt wieder abbauen, um Lacher zu erzeugen. Das könne sie aber nicht mehr. Sie wolle ihre Geschichte richtig erzählen und dazu müsse das Publikum Spannung aushalten, ertragen und mit ihr zurechtkommen, denn eine Geschichte habe ein Ende - und das sei selten lustig. Gadsby legt dar, wie sie erkannt habe, dass sie sich selbst erniedrigt, wenn sie über sich als lesbische Frau, die von ihrem Umfeld als "fehlerhaft weiblich" angesehen wird, Witze reißt. Auf diese Weise halte sie an ihrem Trauma, an den vielen schlechten Erfahrungen in ihrem Leben fest, statt sich davon zu befreien.

Gadsby erzählt im Folgenden von physischer und psychischer Gewalt, die ihr angetan wurde - ohne sich zum Opfer zu erklären. Sie stellt den Sexismus in der Politik und in der Kunst bloß. Und die Lacher werden automatisch weniger - aber die Wucht und Authentizität nehmen zu. Als Publikum werden wir hier mit einigem konfrontiert - und selten konnte man für die Erschütterung eines künstlerischen Formats dankbarer sein. Gewiss wird sich mit einer einzigen Show nicht alles ändern - es wird weiterhin schlechte, unreflektierte, dumme Comedy geben. Aber das Beben dürften alle gehört haben. Und wir sind sehr, sehr gespannt darauf, was Gadsby als Nächstes tun wird. Denn ihre Geschichte - das zeigen die zahlreichen Reaktionen im Netz und in den Medien - will von etlichen Menschen gehört werden. Und zwar richtig, ohne Selbsterniedrigung, ohne Zurückhaltung, ohne den Zwang, immer hübsch-lustig sein zu müssen.

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