The French Dispatch (2021)

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Auf den Spuren des New Yorker wandelt Wes Anderson und schreibt damit eine visuelle Geschichte der goldenen Zeiten des Print und Magazinjournalismus, die vor lauter Nostalgie und Klischees ziemlich altmodisch erscheint. Aber wahrscheinlich war genau das seine Absicht.

The French Dispatch (2021)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Tour de cliché

Ein französischer Ableger der Liberty, Kansas Evening Sun, einer Zeitung aus den Weiten der Prärie, der zum Kultmagazin wird: Allein schon die Prämisse von Wes Andersons mit einiger Spannung (von seinen Fans) erwartetem neuen Film „The French Dispatch“ und die ersten Bilder wirken so exzentrisch und fernab jeder Realität, dass man auf Anhieb die ganz eigene filmische Handschrift des ewigen Spielkindes Wes Anderson erkennt. Dessen neuester Film sollte eigentlich bereits beim letzten, dann abgesagten Filmfestival in Cannes 2020 seine Weltpremiere feiern, doch erst mit einer Verspätung von einem Jahr und zwei Monaten ging diese dann tatsächlich über die Leinwand an der Croisette und wird am 21. Oktober dieses Jahres – sofern alles gut geht und nicht wieder eine Pandemie dazwischenkommt – in die deutschen Kinos kommen.

Dass dieser Film in Cannes zu sehen ist, liegt nicht allein an Wes Anderson, sondern vermutlich auch daran, dass The French Dispatch eine derartige Feier einer nostalgisch verklärten Frenchness ist, dass dem Regisseur allein dafür der Orden der Republik Frankreich verliehen werden müsste.

Ennui-sur-Blasé (etwas schräg übersetzt wohl gleichbedeutend mit „Langeweile aus Blasiertheit“), heißt der fiktive Ort, in dem der French Dispatch seine Redaktionsräumlichkeiten unterhält. Es ist ein Ort, der gleichzeitig Metropole (Paris natürlich) und tiefste französische Provinz ist – eine Stadt wie ein Themenpark über die Grande Republique, die auf wenigen Quadratmetern alles versammelt, was ein imaginiertes Frankreich ausmacht: wahnsinnige Maler, Gauner, Tänzerinnen, revolutionäre Student*innen und Barrikadenkämpfer*innen, kulinarisch versierte Kriminalbeamte und die vermutlich unspannendste Kindesentführung aller Zeiten. All dies erzählt Wes Anderson als in Bewegung gesetzte Artikel aus dem French Dispatch ironisch überzogen und derart detailverliebt, dass man auch nach dem zweiten, dritten und vierten Anschauen des Films noch immer etwas Neues entdecken wird.

Wes Andersons Film ist genau so geraten, wie man sich das vorgestellt hat: Ungeheuer verspielt, nostalgisch und durchzogen von permanenter Ironie sowie einem wahren Feuerwerk der Zitate, Referenzen und Querverweise ist The French Dispatch ein Werk, das wie aus einem Vintage-Fundus zusammengesetzt wirkt und dennoch unverkennbar die Handschrift Andersons trägt. Hinzu kommt ein Staraufgebot, wie man es derzeit selten in dieser Konzentration anderswo im Kino findet: Bill Murray, Tilda Swinton, Benicio del Toro, Owen Wilson, Elisabeth Moss, Timothée Chalament, Edward Norton, Christoph Waltz, Saoirse Ronan, Frances McDormand und Willem Dafoe – es wäre vermutlich einfacher aufzuzählen, wer in diesem Film nicht mitwirkt.

Man kann das alles ungeheuer niedlich, verträumt, spinnert, exzentrisch und nostalgisch finden – aber mit genauso viel Recht eben auch eitel, selbstverliebt und von nahezu unerträglicher Oberflächlichkeit, die alles Problematische ausblendet und Kitschpostkarten voller Klischees und ins karrikaturhaft übersteigerte Stereotype als Tableaux Vivants auf die Leinwand schmeißt und damit nichts weiter als reine Dekoration sein will. Hinzu kommt eine zwar durchaus abwechslungsreiche, aber mitunter auch nervige Filmmusik, die ebenso wie die Bilder von Erik Satie bis Chansons und Yéyé sämtliche französischen Musikstile der Vergangenheit plündert.

Wer genau das an Anderson mag und schätzt, seine Jonglage mit Versatzstücken der Populärkultur und seine Vorliebe fürs Zitieren und schamlose Plündern aus dem Bilderfundus vergangener Zeiten, der wird The French Dispatch vermutlich lieben. Sonderlich originell oder gar erhellend ist das allerdings nicht.

The French Dispatch (2021)

Der Film soll, so heißt es, eine Art Liebeserklärung an den Journalismus sein und im Paris des 20. Jahrhunderts spielen.

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