Dogman (2018)

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Eine Charakterstudie im Gewand eines leisen Thrillers ist Matteo Garrones „Dogman“, in dem der Hundepfleger Marcello wegen eines falschen Freundes zum Außenseiter in dem Ort wird, in dem er lebt. Bis er nur noch einen Ausweg sieht ...

Dogman (2018)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ein Hundeleben

„Dogman“ steht über der Tür des Schönheitssalons für Hunde, den Marcello (Marcello Fonte) in einem heruntergekommenen Seebad betreibt. Doch Dogman ist nicht nur der Name des Salons und die Berufsbezeichnung für das, was Marcello tut; er selbst hat etwas Hundeähnliches an sich, sieht aus wie ein räudiger Straßenköter, der immer wieder Prügel einstecken musste und dennoch noch aufgibt.

Bei seinen Nachbarn in der früheren Strandpromenade, in der sein bescheidenes, ganz und gar nicht nobles Geschäft liegt, ist Marcello geachtet, vielleicht sogar beliebt, mit seiner Ex-Frau und seiner Tochter scheint er ein gutes Verhältnis zu haben. Er ist bestimmt kein schlechter Mensch. Doch so gut er sich auch mit Hunden auskennt, bei deren Pflege er zu Beginn des Films zu sehen ist, so wenig weiß er Menschen einzuschätzen. Das gilt im besonderen Maße für den Kriminellen Simoncino (Edoardo Pesce), dem er immer wieder Koks verkauft und der ihn mehrmals zu Straftaten anstiftet. Dieser Simoncino ist ein grober Dummkopf, der sich buchstäblich seinen geringen Verstand weggekokst hat. Doch wegen seiner beeindruckenden Physis und seiner Rücksichtslosigkeit bekommt Simoncino stets, was er will. Er schlägt schnell und hart zu, ist Argumenten sowieso nicht zugänglich und so haben alle Angst vor ihm. Die Geschäftsleute überlegen sogar, wen man anheuern müsste, um diese Zeitbombe zu entschärfen, fürchten dann aber die Konsequenzen ihres Handelns.

Auch Marcello hat Simoncino nichts entgegenzusetzen: Als dieser den Salon missbraucht, um von da aus ins Juweliergeschäft nebenan einzubrechen und die Polizei daraufhin den Hundepfleger verdächtigt, hält dieser dicht und landet im Knast. Nach Verbüßung der Haftstrafe ist Marcello zum Ausgestoßenen geworden – bis er nur noch einen Ausweg sieht, um sich zu wehren und zu rehabilitieren.

Ganz eng und klein hat Matteo Garrone seine Geschichte gebaut – außer einiger kurzer Szenen im Gefängnis gibt es keinen anderen Ort als die kleine Stadt, die früher einmal ein Touristenort gewesen zu sein scheint, aber heute dem Zerfall und dem Untergang entgegenschlummert. Kriminalität und Gewalt (verkörpert durch den bulligen Simoncino) sind für viele hier der vielleicht einzige Ausweg. Doch unter dieser Verrohung leidet die Solidarität der kleinen Leute, wie Marcello am eigenen Leibe erfahren muss, nachdem er die Gemeinschaft verraten hat und deshalb in den Knast wandern musste. Als er aus dem Gefängnis wieder entlassen wird, ist hier eigentlich kein Ort mehr für ihn, doch wo soll er hin in seiner Einsamkeit? Also bleibt er hier, schlägt sich durch und läuft doch wieder Gefahr, Simoncino auf dem Leim zu gehen – nun allerdings vor allem deshalb, weil ihm keine andere Wahl mehr bleibt.

Es tut weh, diesem kleinen Mann mit den schiefen Zähnen dabei zuzusehen, wie er nach Liebe und Anerkennung förmlich bettelt, wie er sich wieder an genau den Menschen heranmacht, der ihm den Knastaufenthalt beschert hat und wie er am Ende nach dem Akt der Befreiung alleine bleibt. Weil er durch seine Verfehlungen zum Paria geworden ist. Zwischen beeindruckenden Panoramaaufnahme des früher einmal glamourösen Ortes und Einstellungen, bei denen die Kamera immer wieder lange auf dem sehr eigentümlichen Gesicht Marcello Fontes verbleibt, hat Matteo Garrone eine präzise Charakterstudie in Form eines leisen Thrillers inszeniert, die den Filmemacher zurück an die Anfänge seines Schaffens führt, nachdem er zuletzt mit Das Märchen der Märchen etwas aus dem Tritt geraten war.

Doch der Film ist nicht nur die Studie eines Mannes, der kein Rückgrat besitzt, sondern zeichnet womöglich auch die Situation eines Landes nach, das seiner traditionellen Werte wie Gemeinsinn und Freundschaft immer mehr verlustig geht. Den Ort und damit auch das Land, das Dogman zeigt, ist eine düstere, kaum je sonnige und dem Untergang geweihte Gegend, in der am Ende jeder für sich alleine ums Überleben kämpft. Eine Vorhölle, in der die Hunde um vieles menschlicher erscheinen als ihrer zweibeinigen Besitzer.

Dogman (2018)

"Dogman" ist der Name eines Schönheitssalons für Hunde und steht zugleich auch symptomatisch für das Schicksal der Hauptperson, die sich immer mehr vom Menschen zum Tier verwandelt. Matteo Garrones neuer Film basiert auf einem wahren Fall, der mehr als 30 Jahre zurückliegt und von dem niemand mehr sagen kann, was damals wirklich geschah. 

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Meinungen
Anita · 20.10.2018

Superfilm! Es geht um Liebe und Gewalt. Und genau so ist es mit der Liebe und der Gewalt. Ich habe den Film oft ganz schlecht ausgehalten, weil er etwas überzeichnet aufzeichnet. Das Glück beim Menschen ist leicht darzustellen im Film - so funktionieren die meisten Filme. Gewalt ist ein Thema wo wir gerne wegschauen weil wir keine Lösung finden. Dogman zeichnet wie es sein kann mit der Liebe. Und wie Gewalt manchmal etwas unbezwingbares sein kann - in vielen Beziehungen. Das Thema ist uns bekannt, schon in leiser Form - und Matteo Garrone hat ein gutes Bild gezeichnet, das die Gewalt in einem ganzen System darstellt. Der Film bewegt mich sehr. Es gibt Szenen wo wir dem Dogman wünschen dass er besser entscheidet. Was ist besser?

Kommentare

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