The Painted Bird (2019)

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Václav Marhoul hat Jerzy Kosińskis gleichnamigen Roman verfilmt. Dafür gab es jede Menge Applaus, aber auch Kritik. Die Geschichte einer Odyssee eines jüdischen Jungen während des Zweiten Weltkriegs sorgt nicht zum ersten Mal für Kontroversen.

The Painted Bird (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Vogelfrei

Zwei Jahre hat es gedauert, bis Václav Marhouls Romanverfilmung nach ihrer Weltpremiere bei den 76. Filmfestspielen von Venedig in die deutschen Kinos kommt – und die Aufregung um die Uraufführung schwappt bis in unsere Gegenwart herüber. Von fluchtartigen Reaktionen des Premierenpublikums war seinerzeit die Rede. Zu seinem Start wird das mit internationalen Gaststars besetzte Kriegsdrama abermals kontrovers diskutiert, wobei die Diskussion hierzulande hitziger geführt wird als andernorts. Marhouls Adaption sei eine Zumutung, war unter anderem zu lesen. Das ist nicht falsch. Es muss aber auch gesagt sein, dass nicht unerhebliche Teile dieser Zumutung erst in den Köpfen der Betrachtenden entstehen.

Marhoul macht keinen Hehl daraus, dass er uns schockieren will. Bereits der Einstieg ist eine Provokation. Ein namenloser Junge (Petr Kotlár) flieht durch den Wald. Drei andere Jungen sind ihm dicht auf den Fersen. Sie haben es auf das Nagetier abgesehen, das er schützend in seinen Armen hält. Während einer der Angreifer den Jungen umrennt und zu Boden drückt, stecken die anderen zwei das Tier in Brand. Einen Teil seines Publikums hat der tschechische Regisseur schon hier verloren. Zurückgewinnen wird er ihn nicht mehr, weil der eingangs gezeigte Feuertod nur ein kurzes Aufflackern all dessen ist, was dem Protagonisten in den folgenden drei Filmstunden widerfahren wird.

Das schwarze Haar und die dunklen Augen machen den Jungen zu einem Außenseiter. Seine Eltern haben ihn kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zur alten Marta (Nina Shunevych) irgendwo in Osteuropa aufs Land geschickt, weil es dort sicherer erschien. Doch die Bauern begreifen den Städter als Störfaktor. Sie lesen ihn wahlweise als „Zigeuner“ oder als Juden. Die Heilerin Olga (Alla Sokolova), in deren Dienste der Junge nach Martas unerwartetem Tod treten wird, behauptet gar, er sei ein Vampir. Sein Gesicht gleicht dem eines Engels, dem ein ums andere Mal brutal die Flügel gestutzt werden. Denn auch bei Olga wird der Junge nicht lange bleiben, und überall, wo er auch hinkommt, schlagen ihm Hass, Erniedrigung und Missbrauch entgegen. In den Kriegswirren von einer Person zur anderen hilfesuchend umherirrend, werden wir durch seine Augen Zeuge unbeschreiblicher Grausamkeiten.

Schon die Romanvorlage war von Kontroversen begleitet. Der polnischstämmige Schriftsteller Jerzy Kosiński, der unter anderem die Vorlage und das Drehbuch zu Hal Ashbys Being There (1979) verfasste, hat sie 1965 in den USA veröffentlicht. In seinem Geburtsland ist sie erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erschienen. Doch auch jenseits des Atlantiks lief die Veröffentlichung nicht geräuschlos ab. Nach anfänglichem Lob kamen Zweifel an Kosińskis Autorenschaft auf. Plagiatsvorwürfe folgten. Der behauptete autobiografische Bezug stellte sich als Lüge heraus. Zwar hat Kosiński, 1933 in Łódź als Sohn jüdischer Eltern unter dem Namen Józef Lewinkopf geboren, den Holocaust überlebt, allerdings versteckt in einer katholischen Familie und nicht von Dorf zu Dorf irrend, wie er gern auf Dinnerpartys der gehobenen Gesellschaft, in die er eingeheiratet hatte, zum Besten gab und in seinem Roman anfänglich nahelegte. 

Eine alte Ausgabe des Romans trägt einen Ausschnitt der Mitteltafel von Hieronymus Boschs Weltgerichtstriptychon auf dem Titelbild. Eine passende Wahl, weil der namenlose Held im Roman wie im Film, vom sündigen Treiben der Menschen begleitet, immer tiefer in Richtung Hölle hinabsteigt und die Landschaften, Dörfer und Menschen mittelalterlich anmuten. Václav Marhoul hat in Schwarz-Weiß gedreht, was seiner Adaption etwas Zeitloses verleiht. Die betörenden 35-mm-Aufnamen erinnern an Andrei Tarkowskis Andrej Rubljow (1965). Auch Tarkowskis Iwans Kindheit (1962) und Elem Klimows Komm und sieh (1985), dessen Hauptdarsteller auch bei Marhoul eine Rolle übernommen hat, kommen einem angesichts des Inhalts in den Sinn. Eine ähnliche geartete, aber ganz anders und aus Perspektive der Täter erzählte Höllenfahrt bot jüngst zudem Robert Schwentkes Der Hauptmann (2017). 

Wie bei den beiden letztgenannten Filmen wirft auch Marhouls kinematografische Odyssee die Frage auf, wie viel Kriegsgräuel in einem Kriegsfilm angemessen sind und wie diese in Szene gesetzt werden sollten. Stein des Anstoßes ist weniger die Brutalität – denn Marhoul blendet trotz einiger expliziter Szenen viel davon aus, zeigt lediglich das Davor und Danach und macht so Assoziationsräume im Kopf der Betrachtenden auf; auch kommen einige der grausamsten Szenen des Romans in der Adaption gar nicht vor – und mehr die Ästhetik. Marhouls Film sieht unglaublich gut aus. Doch darf so viel Grauen auch schön sein? Und ist es bloß Selbstzweck oder verfolgt es noch einen anderen?

Wer historische Maßstäbe an diesen Film anlegt, mag ihn verteufeln. Und auch die Darstellung der Landbevölkerung im Roman wie im Film ist problematisch. Fernab der Städte ist auch die Intelligenz fern. Zwischen Aberglauben und Gottesfürchtigkeit brechen sich Gewalt und Libido Bahn. Die Figuren – egal ob ein sanftmütiger Vogelfänger, eine lüsterne Müllerin oder ein sadistischer Schnapsbrenner – sind holzschnittartig gezeichnet, weil auch Marhouls Film mehr überzeitliches Schlachtengemälde als konkret verortetes Kriegsdrama sein will. Das ist ihm auf beeindruckende Weise gelungen. The Painted Bird ist eine erschreckende, eine grässliche, aber eben auch eine lyrische und sinnliche Reise.

Für dieses Projekt hat Marhoul einen enormen Aufwand betrieben. Die Finanzierung hat zehn Jahre gedauert. Um seinen Hauptdarsteller sichtbar altern zu lassen, hat er sein Drama in sieben Drehphasen innerhalb eines Zeitraums von 16 Monaten gefilmt. Ein Teil des Ensembles musste eigens für den Film Interslawisch lernen. Auch einige der international bekannten Stars, zu denen Udo Kier, Harvey Keitel und Julian Sands zählen, parlieren in dieser Sprache, die, von Linguisten ersonnen, für eine einfachere Verständigung unter Osteuropäer:innen sorgen soll, die im Film aber dazu dient, die Handlungsorte unkenntlich zu machen.

Episodisch und im Wechsel der Jahreszeiten erzählt, stellt sich beim Zusehen schnell ein Gefühl der Orientierungslosigkeit ein. Wie viel Zeit ist vergangen? Wie weit ist der Junge in welche Richtung gereist? Wohin bewegt er sich oder bewegt er sich im Kreis? Nur eins scheint gewiss: Jeder Versuch der Anpassung scheitert. So wie der bemalte Vogel, der dem Film und dessen Vorlage den Namen gibt und dessen Gefieder im Roman bunt und im Film weiß gefärbt wird, wird auch der Junge von seinesgleichen als Fremder aufgefasst und ausgestoßen. Weder der Aberglaube noch das Christentum noch der Kommunismus bieten Schutz. Bis der Junge in seiner letzten Verzweiflung zu dem wird, vor dem er die ganze Zeit davongelaufen ist. Erst ganz am Ende, in der allerletzten Einstellung keimt Hoffnung auf eine bessere Welt, die ihre Wurzeln in der Erinnerung daran hat, wie die Welt war, bevor sie ins Chaos stürzte.

Nach der Weltpremiere hat sich Václav Marhoul verwundert darüber gezeigt, wie oft in der Presse erwähnt wurde, dass einige Besucher:innen den Saal während der Vorführung verlassen hätten. Gemessen an denen, die bis zum Ende des Films geblieben seien, sei das eine verschwindend geringe Anzahl gewesen. Und er hat recht. Auf Festivals dürften schon mehr Zuschauer:innen einem Film aus Langeweile den Rücken gekehrt haben. Da stellt sich die Frage, was die größere Zumutung ist. The Painted Bird ist eine, ja. Aber eine Zumutung der Sorte, für die sich ein Kinobesuch lohnt.

The Painted Bird (2019)

Ein jüdischer Junge sucht in Polen während des Zweiten Weltkrieges Zuflucht in einem Wald, wo ihm viele verschiedenen Menschen begegnen.

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