The Last Duel (2021)

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Ridley Scotts auf wahren Begebenheiten beruhender Mittelalterfilm „The Last Duel“ wirkt zunächst wie ein typisches testosterongeladenes Kräftemessen, entpuppt sich mit der Zeit aber als eindringlicher, wenn auch nicht stolperfreier Beitrag zur #MeToo-Debatte.

The Last Duel (2021)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Toxisches Mittelalter

Historische Stoffe sind fester Bestandteil der langen Kinokarriere Ridley Scotts. In „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ setzte der Brite dem heute in der Wissenschaft zu Recht kritisch gesehenen Christoph Kolumbus ein fragwürdiges, da verklärendes Denkmal. Mit „Gladiator“ hauchte er dem Sandalenfilm neues Leben ein. Und „Königreich der Himmel“ entführte die Zuschauer*innen in die Welt der Kreuzzüge. Sein neues Regiewerk „The Last Duel“, das nach einigen durch die Pandemie bedingten Verzögerungen im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig seine Uraufführung feierte, konfrontiert uns mit einer aus dem realen Leben gegriffenen Mittelaltergeschichte, die basierend auf Eric Jagers Sachbuch The Last Duel: A True Story of Crime, Scandal, and Trial by Combat in Medieval France von einer Auseinandersetzung zwischen zwei einst befreundeten Männern erzählt. Einer Fehde, die Scott jedoch in erster Linie benutzt, um sexuellen Missbrauch und weibliche Unterdrückung anzuklagen.

Die ersten Minuten scheinen eine klare Richtung vorzugeben. Zu sehen sind die in entsättigte, atmosphärische Bilder (Kamera: Dariusz Wolski) gekleideten Vorbereitungen auf den titelgebenden Zweikampf und der Beginn des Kräftemessens. Gerade als die beiden Kontrahenten Jean de Carrouges (mit gewöhnungsbedürftiger Vokuhila-Frisur: Matt Damon) und Jacques Le Gris (Adam Driver) mit ihren Lanzen zusammenkrachen, wird die Leinwand schwarz. Und es folgt die Aufarbeitung der Frage, wie es zu dieser Konfrontation auf Leben und Tod kommen konnte. The Last Duel, so nimmt man an, enthüllt einen Streit, der sich um Ehre und Ansehen dreht, Ideale, die vor allem Männern, erst recht in der damaligen Zeit, wichtig sind. In der Tat offenbart sich ein langsam zuspitzender Disput über fehlenden Respekt und die angebliche Missachtung von Besitzrechten. Das alles schildert der Film allerdings nur, um in einem letzten Schritt zu zeigen, wie brutal das patriarchale System Frauen zu bloßen Gegenständen degradiert.

Seite an Seite kämpfen Jean de Carrouges und Jacques Le Gris im 14. Jahrhundert für den französischen König Karl VI. (in seiner stets belustigten Art karikaturenhaft: Alex Lawther), wobei Ersterer Zweitgenanntem sogar in einer Schlacht das Leben retten muss. Irgendwann entwickeln sich die Gefährten allerdings in unterschiedlichen Richtungen. Während der von finanziellen Sorgen geplagte Jean eine junge Frau namens Marguerite (Jodie Comer) heiratet und immer wieder in den Krieg ziehen muss, um seine Abgaben bezahlen zu können, gewinnt Jacques die Gunst des hedonistischen, an Politik wenig interessierten Grafen Pierre d’Alençon (ein blondierter Ben Affleck, der in der Originalversion mit dem Wort fucking um sich wirft) und geht in der Rolle des stürmischen Eroberers auf. Frauen sind für dieses Gespann Objekte der Lustbefriedigung, die man wie Unterwäsche wechseln kann.

Jeans Wut auf seinen alten Freund und dessen Förderer entzündet sich zunächst daran, dass man ihm, selbst nach der Aufnahme in den Ritterstand, nicht die nötige Achtung entgegenbringt und ein eigentlich versprochenes Landstück wegnimmt. Zur Eskalation kommt es schließlich, als Marguerite behauptet, in Jeans Abwesenheit von Jacques vergewaltigt worden zu sein.

Das von Nicole Holofcener, Ben Affleck und Matt Damon verfasste Drehbuch – die beiden Freunde arbeiteten schon am Skript zu Good Will Hunting zusammen – wartet mit einem interessanten Clou auf, der unweigerlich an Akira Kurosawas Meisterwerk Rashomon – Das Lustwäldchen denken lässt. Ähnlich wie dort präsentiert The Last Duel ein und dasselbe Geschehen nämlich aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Den Anfang machen die Schilderungen Jeans. Darauf folgt der Bericht Jacques‘. Und beschlossen wird der Film mit Marguerites Sicht. Manche Kritiker bemängelten, dass Scotts Historiendrama seinen Aufbau ad absurdum führe, weil der letzte Teil eindeutig als Wahrheit markiert sei. Wenn man sich vor Augen hält, dass es hier vor allem darum geht, wie Frauen kleingehalten wurden und werden, ergibt die Struktur aber durchaus Sinn.

Kapitel eins entwirft das Bild eines Mannes, mit dem man stellenweise Mitleid haben kann, der sich in seinem Streben nach Ehre aber auch verzettelt und nicht gerade als kluger, vorausschauender Burgherr auftritt. Der zweite Abschnitt zeichnet das sicherlich etwas klischeehafte Porträt eines clever taktierenden, belesenen Lüstlings, der glaubt, ein Anrecht auf jede Dame zu haben, die ihm attraktiv erscheint. In ihrer episodenhaften Struktur – häufig gibt es große Zeitsprünge, und wichtige Ereignisse passieren manchmal zwischen zwei Einstellungen – fehlt es den Strängen der Männer etwas an Intensität, auch wenn Scott hier und da eine mitten ins Getümmel eintauchende Kampfsequenz einfügt.

Die sich zwischendurch bemerkbar machende Ermüdungserscheinungen fängt The Last Duel jedoch mit seinem dritten Erzählteil auf, der einen an die Nieren gehenden sexuellen Übergriff und Marguerites anschließenden Spießrutenlauf auf unverhofft eindringliche Weise illustriert. Spannend sind in dieser Passage besonders die kleinen Verschiebungen, die sich zu den anderen Schilderungen ergeben: etwa ein Lächeln, das plötzlich nur noch höflich und nicht mehr aufreizend-herausfordernd daherkommt, oder Schuhe, die nicht mehr willentlich abgestreift werden. Am Beispiel der Protagonistin beschreibt der Film, was Frauen nach einer Vergewaltigung – leider auch heute noch! – viel zu oft erleben müssen. Schuld wird beim Opfer abgeladen. Und Aussagen werden hartnäckig in Zweifel gezogen. Das Tribunal, vor dem sich Marguerite wiederfindet, ist in seiner misogynen Haltung und seiner Vergewisserung der männlichen Deutungshoheit ebenso abstoßend wie entlarvend. Wie wenig die Gefühle und Traumata von Betroffenen berücksichtigt werden, unterstreicht die Reaktion Jeans, der sich auch nach dem Übergriff auf seine Frau nur um seine eigene Ehre sorgt.

Kehrt The Last Duel gegen Ende zum Zweikampf in der Ritterarena zurück, reißt einen die rohe Inszenierung einerseits mit. Durch den Blick auf Marguerite distanziert man sich andererseits aber von dem blutigen Geplänkel und erkennt, wie sehr die Männer in ihrer begrenzten Perspektive gefangen sind. Scott und seine Autor*innen lassen ihr Bemühen um ein Statement manchmal zu sehr raushängen, legen ihren Figuren einige zu plakativ auf die Gegenwart abzielende Sätze in den Mund und ziehen ihre historisch verbürgte Geschichte mitunter ein wenig schematisch auf. Da es allerdings noch immer zahlreiche Männer gibt, die Missbrauchsstrukturen leugnen und Vergewaltigungen kleinreden, braucht es Filme, die klar Position beziehen und das Erleben der Opfer mit aller Macht in den Fokus rücken.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich hier Matt Damon für die weibliche Sicht nachhaltig starkmacht. Immerhin kam vor einigen Jahren Kritik an seiner engen Beziehung zum inzwischen verurteilten Ex-Produzenten Harvey Weinstein und den Versuchen des Hollywood-Schauspielers auf, in Interviews sexuellen Missbrauch nach Schweregrad abzustufen.

The Last Duel (2021)

Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt der Film über das letzte in Frankreich gerichtlich angeordnete Duell zwischen Jean de Carrouges (Matt Damon) und Jacques Le Gris (Adam Driver), zwei Freunden, die zu erbitterten Rivalen werden. Carrouges ist ein angesehener Ritter, bekannt für seine Tapferkeit und sein Geschick auf dem Schlachtfeld. Le Gris ist ein normannischer Knappe, dessen Intelligenz und Eloquenz ihn zu einem der angesehensten Adeligen am Hof machen. Als Le Gris gegenüber Carrouges‘ Frau Marguerite (Jodie Comer) brutal übergriffig wird und dies vehement bestreitet, weigert sie sich, zu schweigen und bringt ihn vor Gericht – ein Akt der Tapferkeit und Willensstärke. Der darauffolgende Zweikampf auf Leben und Tod legt das Schicksal aller drei in Gottes Hand.

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Meinungen
Jochen Gründer · 23.10.2021

Text macht neugierig, das gendern aber zum Anfang jedoch übellaunig, und man will fast nicht mehr weiterlesen

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