Memoria (2021)

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Apichatpong Weerasethakul schickt Tilda Swinton auf eine meditative Reise in die Spiritualität Kolumbiens. Dabei macht Swinton, was sie immer macht: Sie ist androgyn und verloren und bricht dem Film damit beinahe das Genick.

Memoria (2021)

Eine Filmkritik von Sebastian Seidler

Alles in Allem

Unter der Grenze hängt ein Lichtfraß
Hinten trägt er ein 2. Gesicht
Sein Junges kriecht im Dialog dahinter
Ins Abseits, vorwärtsgewandt

(Einstürzende Neubauten, Alles in Allem)

Memoria ist spanisch und bedeutet Gedächtnis, Erinnerungsvermögen, aber auch Denkschrift und Speicher. Apichatpong Weerasethakul lotet in seinem neuen Film eben dieses semantische Feld in Bezug auf die kolumbianische Kolonialgeschichte aus, spürt den Erinnerungsspuren nach, die alles und jeden durchziehen. Gegenstände, Natur und Töne sind die Speicher von Erzählungen und der Mensch eine Echokammer. Es braucht allerdings eine Stille, aus der heraus das Gedächtnis der Zeit treten kann.

Mit meditativer Ruhe lässt der thailändische Regisseur das Kino zu einem Resonanzraum für eine Spiritualität jenseits unserer rationalen Weltsicht werden. Das Unheimliche ist zunächst ein sanfter Schrecken, der die Oberfläche der alltäglichen Ordnung behutsam auftrennt, um dahinter schließlich die Verwobenheit aller Dinge überhaupt erst entdecken zu können.

Animismus und Reinkarnation, Tod und Vergebung spielten bereits in den gefeierten Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben und Cemetery of Splendour eine große Rolle und sind auch in Memoria die präsenten Motive. Wenn die Autos auf einem Parkplatz beginnen über ihre Alarmanlagen miteinander zu kommunizieren, so denkt man unweigerlich an eine ähnliche Szene aus Holy Motors von Leos Carax, der ebenso mit geisterhafter Belebtheit der Dinge spielt, wenngleich aus völlig anderen Gründen. Während Carax die belebende Magie des Kinos beschwört, sprechen bei Weerasethakul die Verstorbenen, deren Seelen nun in den Motorenblöcken hausen. Doch sind es nicht nur die Dinge, die von Stimmen durchzogen werden. Auch der Mensch wird zu einem Resonanzraum, bevölkert von alter Zeit und Sedimenten der Geschichte.

Tilda Swinton spielt in Memoria die britische Einwanderin Jessica, die eines Tages von einem mysteriösen, immer wiederkehrenden Geräusch aufgeschreckt wird; ein metallischer Schocklaut, der uns in seiner dumpfen Plötzlichkeit im Kinosessel zusammenzucken lässt. Niemand sonst in ihrem Umfeld kann es hören. Zutiefst verunsichert macht sich Jessica auf die Suche nach dem Ursprung des Knalls und wird dabei in die Tiefe einer gespenstischen Fremdheit und ihre eigene Existenz geführt.

Das Unheimliche an Memoria ist die Einsicht, dass das eigene Leben niemals ein Eigenes ist; es ist kein Besitz, den wir nur aus uns selbst heraus schöpfen müssen. Durch unsere Körper geht immer Geschichte und – so die spirituelle Perspektive dieses Films – vielleicht sind wir gar von einer Vielzahl von Seelen bevölkert. Das deutet sich zumindest gegen Ende des Films an, wenn Jessica die inneren Stimmen von Hernán (Elkin Díaz) wie ein Radioempfänger überträgt. Ist sie diesem Mann, der ein einfaches Leben auf dem Land lebt, bereits früher einmal begegnet?

Eine Antwort auf solche Fragen darf man von Memoria nicht erwarten. Vielmehr will Weerasethakul das Publikum durch seine am Slow Cinema geschulten Bildgestaltung, die Szenen in einer beständigen Dauer aufgehen lässt, in einen schlafwandlerischen Zustand höchster Empfindsamkeit zu versetzen. Anders als bei Belá Tarr, dem anderen großen Regisseur des Slow Cinema, geht es diesem Kino nicht um eine apokalyptische Dauer, die aus der Zeit herausgebrochen wird. Die filmische Bewegung ist eine völlig andere. Zieht sich in Tarrs The Turin Horse alles zu einer kreisförmigen Enge zusammen, öffnet Memoria immer neue Räume und Verbindungen, die bis ins All reichen.

Zwar konfrontiert uns auch Weerasethakul auf sehr subtile Weise mit dem Schrecken der Kolonialzeit, gerade wenn bei einer Tunnelausgrabung unzählige Skelette entdeckt werden. Doch statt einer bloßen Anklage geht es hier um die Verzauberung der profanen Welt und um eine Erfahrung der Verbundenheit von allem; aus der Geschichte lernen heißt bei Weerasethakul dem Gedächtnis der Welt, der Erde und der Luft zu lauschen.

Das Ganze wandelt immer an der Grenze zum esoterischen Kitsch, die in Memoria doch an einigen Stellen überschritten wird. Das mag vor allem an Arthouse-Ikone Tilda Swinton liegen, die zur filmischen Wiedergängerin des Regisseurs wird, der das erste Mal nicht in seiner thailändischen Heimat gedreht hat. Wie der Filmemacher, so muss sich auch Swinton der Fremde stellen. Wie sie dabei den ganzen Film über desorientiert und in androgyner Verletzlichkeit durch die Gegend läuft, ist nah Selbstzitat. Man denke an ihre Rolle der Mutter in Lynne Ramseys We Need To Talk About Kevin. Zu oft hat man diese Manierismen der Einsamkeit gesehen, als dass die Schauspielerin hinter ihrer Rolle noch verschwinden könnte: Immer ist es Tilda Swinton, die durch Bogotá läuft und nicht Jessica. Und genau darin liegt das Hauptproblem des Films.

So verloren wie seine Hauptfigur erscheint dann mitunter auch der Film. Dieses Suchen und Mäandern mag zu dieser Geschichte notwendigerweise dazugehören. Anders als jedoch in  Cemetery of Splendour, in dem es um das Verhältnis zwischen den Menschen, Seelen und Gegenständen geht, gibt es bei Memoria kaum ein Dazwischen, kaum Relationen und Verhältnisse, aus denen heraus der Raum für das Mysteriöse sich entfalten könnte. Erst am Ende gibt es diese Verbindung zwischen Jessica und Hernán. Vorher ist Swinton oftmals das alleinige Zentrum des Films. Es scheint lange Zeit um die Innerlichkeit von Jessica zu gehen, die in ihrer ganzen Haltung und ihrer Motivation viel zu schemenhaft bleibt.

Daher muss die Spiritualität, die Weerasethakul in all seinen Filmen behandelt, von außen durch die Bilder in die Geschichte hineingelegt werden; sie entsteht nicht aus dem Zwischenraum, der die Menschen trennt und verbindet. Wenn am Ende dann gar ein CGI-Raumschiff abhebt, ist der Bogen etwas überspannt. Trotzdem: Man muss Memoria zulassen, weil dieser Film einer Meditation gleich etwas mit einem anstellt; auch zur Esoterik kann man sich ja verhalten.

Memoria (2021)

Eine Orchideenzüchterin besucht ihre kranke Schwester in Bogota. Während ihres Aufenthaltes dort freundet sie sich mit einem französischen Archäologen und mit einem jungen Musiker. Und jede Nacht wird sie genervt von zunehmend lauter werdenden Schlägen, die sie um den Schlaf bringen.

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