Sunset (2018)

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Nach seinem fulminanten Debüt mit "Son of Saul" in Cannes hat László Nemes sein neues Werk "Sunset" in die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg verlegt. Abermals arbeitet er sich an faschistischen Strukturen ab. Und wieder mit einer sehr eigenen Ästhetik. Geht das zweimal gut?

Sunset (2018)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Die Hutmacherin

Budapest im Jahr 1913: Die Stadt brummt und wuselt, die Straßen sind voller Menschen, die Luft voller Staub. 4 Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist Ungarn ein aufstrebender, multikultureller Teil des großen österreichisch-ungarischen Reiches. Und in dieser Stadt steht plötzlich eine schmale junge Frau mit großen Augen. Ihr Name ist Írisz (Juli Jakab). Und sie sucht.

Sich selbst und ihre Familiengeschichte, wie sich bald herausstellen wird, denn sie ist die Tochter der Hutmacher Leiter, deren berühmtes Haus, das einst sogar die Kaiserin Sissi besuchte, einer der Fokalpunkte der Stadtkultur ist. Sie ist gerade richtig gekommen zur einwöchigen Feier des Hauses. Und so betritt sie das riesige Geschäft, welches einst ihren Eltern gehörte, um dort nach Arbeit als Hutmacherin zu fragen. Doch ihre Ankunft provoziert sofort Aggressionen und Argwohn. Etwas ist passiert im Hause Leiter, das ist klar. László Nemes Sunset ist allerdings kein Film, der die Details jemals ausbuchstabieren wird. Im Gegenteil, vieles bleibt angedeutet oder gänzlich unausgesprochen.

Was man sich bald zusammenreimen kann, ist Folgendes: Es gab ein Feuer, in dem die Eltern umkamen und nun wird das Haus geleitet von einem Herrn namens Brill (Vlad Ivanov), der ausschließlich junge, gutaussehende Frauen anheuert. Írisz hat auch einen großen Bruder, Kámál, dessen Taten den Namen „Leiter“ zu einem gemacht haben, der beschmutzt ist. Er soll einen Grafen ermordet und auch Herrn Brill fast getötet haben. Nun ist er untergetaucht, doch Írisz’ Rückkehr befeuert die Angst, dass er ebenfalls zurückkommt.

Doch all diese Informationen verteilt der Film auf einen langen Zeitraum und gestaltet sie uneindeutig. Vielmehr ist er bestimmt vom Schweigen. Keiner will mit Írisz sprechen, die überrascht ist von der unfreundlichen Art, mit der sie begrüßt wird. Es scheint, dass alle irgendwie Komplizen sind in einem Verbrechen, das unaussprechbar bleibt, weil alle ihre Hände schmutzig gemacht haben und alle irgendwie schuldig sind. Die wenigen Fakten, die man bekommt  deuten aber darauf hin, dass das Haus Leiter und die Eltern vielleicht einem Pogrom zum Opfer fielen. Doch auch das ist Spekulation. Wo die einen mit Írisz nicht reden, da zerren sie andere wiederum zur Seite und drohen ihr mit Sätzen wie „Blut wird in Strömen fließen“, deren Bedeutung niemand, vor allem Írisz nicht, erfassen kann. Doch das ist der jungen Frau egal. Sie sucht ihre Wurzeln - und obwohl sie konstant gegängelt wird und sofort viele Männer, vor allem Herr Brill, über sie Verfügungsgewalt auszuüben versuchen, geht Írisz ihren eignen Weg.

Und das tut sie ganz im Sinne László Nemes, der auch hier, wie schon in Son of Saul die Suche der jungen Frau als einen Fiebertraum inszeniert. Die meisten Einstellungen sind Longtakes, ohne Schnitt folgt man ihr minutenlang in langen Kamerafahrten. Wieder ist die Kamera ganz nah und subjektiv bei der Hauptfigur. Sie sitzt ihr im Nacken, auf der Schulter oder rahmt ihr Gesicht mit ihren brennenden Augen in Nahaufnahmen ein. Kurzum, als ZuschauerIn bekommt man wenig zu sehen, so eingeschränkt ist wieder die Sicht. Man hört aber alle Dinge, die passieren, alle geflüsterten Worte, die auch Írisz vernimmt. Doch diese massive Einschränkung führt zu viel Verwirrung, zu einem Gefühl von Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit in einer Stadt voller Menschen und einer Geschichte voller Ereignisse. Auf stille Passagen folgen dann massive und plötzliche Gewaltausbrüche. Das am Anfang des Filmes postulierte Blut, es fließt in der Tat in Strömen. Warum, durch wen und wie die Zusammenhänge sind, lässt sich nur teilweise (be)greifen.

Was in Son of Saul noch ein hervorragendes Mittel war, um die vor allem emotional und psychisch überwältigenden Ereignisse in einem Konzentrationslager zu zeigen, stellt sich in Sunset allerdings als Problem heraus. Die Ausgangslage ist hier anders, viel größer und uneindeutiger, nicht annähernd lassen sich hilfreiche historische Assoziationen hier aus den wenigen Informationen, die man bekommt, speisen. Die Einschränkung als ästhetisches und erzählerisches Mittel wird außerdem verstärkt von zwei anderen Einschränkungen. Zum einen ist da die Sprache. Dialoge werden oft inhaltlich vollkommen aneinander vorbei gesprochen oder brechen ab. Zum anderen bewegt sich Írisz durch die Stadt und den Laden nie ohne Obstruktion. Konstant wird sie von ihrem Weg abgebracht, woanders hingeschickt, weggezerrt oder zurückgeholt. Sie reagiert darauf mit permanenten neuen Versuchen oder erratischen Richtungsänderungen.

Dies sind alles valide und auch spannende Mittel, um das Gefühl von Wahnsinn, Panik, Aufbruch und Krieg zu demonstrieren, doch hier greifen sie ob der Komplexität der Dinge zu kurz und damit immer wieder ins Leere. Denn gleichsam will László Nemes die Ereignisse, die sich hier in sich selbst verlieren, nutzen, um abermals über die Mechaniken des Faschismus zu kontemplieren und sie Stück für Stück mithilfe einer Metapher oder vielleicht besser eines frenetischen Fiebertraums zu dekonstruieren. Es geht um pervers-dekadente Monarchie, um machbesessene Kapitalisten, die für Geld sogar ihr eigen Fleisch und Blut verkaufen. Es geht um Familien, die zerstört werden und in denen man so den Hass seht, der übergreift und sich in nationalistische Ideen verwandelt oder einfach nur in Rachefantasien, die alsbald aus dem Ruder geraten. All das erahnt man, reimt man sich zusammen, doch in seiner wirklich wahren Wucht kommt es nicht an. Sehr schade eigentlich, kommt der Film über die Anfänge des Faschismus doch gerade zu einer sehr interessanten Zeit. Sunset ist damit allerdings in gewisser Weise der Anfang eines Prozesses, dessen Ende sich in Son of Saul zeigt.  Doch der Film verfällt hier zusehends seinem ästhethischen Taschenspielertrick, den er hier erneut und wieder spielt und der ermüdet und in Sunset nicht greifen will.

Der Film hätte ein weiteres fulminantes Werk in diese Richtung sein können, ein Werk, das sowohl ästhetisch als auch erzählerisch ein extraordinär spannender Schritt in Sachen Bearbeitung des Faschismus im Film sein könnte, doch hier fällt Nemes, wenn auch mit außerordentlicher Schönheit und immer noch auf hohem Niveau, über seine eigenen Füße.

Sunset (2018)

Im Budapest der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wächst ein junges Mädchen zu einer starken und mutigen Frau heran.

Der neue Film des ungarischen Regisseurs László Nemes (Son of Saul) war bereits unter den heißen Kandidaten für den Wettbewerb des Filmfestivals in Cannes und wird nun voraussichtlich in Locarno, Venedig oder Toronto seine Weltpremiere feiern.

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